Von der maritimen Identität

Gibt es eine maritime Identität – und wenn nicht, sollte es eine geben? Bei dieser Frage tut sich die Marine leichter als andere: Sie setzt Flagge und Wimpel, trägt Wäsche achtern und pfeift Seite. Die meisten Landratten verbinden mit dem Begriff „maritime Identität“ die blaue Uniform des Kapitäns mit bunter Reedereikrawatte beim Captain’s Dinner auf dem Traumschiff. In der TV-Reportage über Containerschiffe erkennt man den Kapitän am legeren Pullover über Jeans. Vielleicht ist dies ein Zeichen der Zeit, in der die Handelsschifffahrt auf kurze Stopps am Containerterminal ausgerichtet ist. Seefahrt als reibungslose logistische Kette. Gibt es ein besseres Bild für den Kontrast zwischen angewandter moderner Seefahrt und Kreuzfahrten, wo Tradition nur aufgesetzt und Show ist?

Bemerkenswert sind in diesem Zusammenhang die Kommentare der freien Publizistin Cora Stephan:

Helden?

Wenigstens auf einem Schiff ist der Mann noch Mann – dachten wir, bis zum unseligen Kapitän der Costa Concordia, diesem Milchgesicht, eine Landratte, wie sie im Buche steht. Ratte? Naja – es sollen ja die Ratten sein, die das sinkende Schiff als erste verlassen. Und der Kapitän, der als letzter geht. Alles eine Frage der Ehre, des Seerechts und, früher jedenfalls, des Eigeninteresses an der Sicherung der Ladung. Tempi passati. Francesco Schettino, der Kapitän des havarierten Kreuzfahrtschiffes, nicht gerade die Inkarnation eines Seebären, hatte weder mit der Ehre noch mit seiner Ladung viel am Hut und flüchtete, statt standzuhalten. Als Kapitän der Herzen hätte er vielleicht noch getaugt – immerhin hat der Mann Gefühl gezeigt! – , aber nicht als Exemplar jener stolzen Lenker, die auf stürmischer See Ruhe bewahren und die Stellung halten, um die ihnen Anvertrauten sicher in den nächsten Hafen zu leiten. […]

Die Uniform ist also doch nicht nur Show, jedenfalls erwarten die Menschen an Bord wie an Land dass auch etwas dahinter bzw. ein ganzer Kerl darin steckt! Um den Ehrenplatz beim Captain’s Dinner wird eben deshalb gerungen, weil man glaubt es mit einem echten Kapitän im Sinne der eigenen, klassischen Vorstellungen zu tun zu haben.

[…] Und deshalb geht der Kapitän als letzter von Bord – nicht nur der Ehre oder einer kostbaren Ladung wegen. Sondern weil er ohne das Vertrauen seiner Mannschaft nicht überlebt. Und das muss er sich verdienen.
Die Nutzanwendung für heute? Tja. Da stocken wir schon. Im Zeitalter von Einparkhilfen und Navigation für jedermann kommt einem das seemännisch-militärische Getue an Bord eher seltsam vor. Was brauch ich Vertrauen in einen weißgekleideten Tressenträger, der dem Captain’s Dinner vorsteht, wenn so ein riesiger Pott nur noch von feinster Technik abhängt, statt von Segeln, Wind, Wetter und dem lieben Gott? Umgekehrt gefragt: gibt es keinen Bedarf mehr, was den disziplinierten und verantwortungsvollen Mann betrifft (außer vielleicht beim Militär)? […]

Und wenn Frau Stephan an dieser Stelle Mythos, Geschichte und Emotion mit Sinn dahinter in einem durch und durch technologisierten Handwerk herbei sehnt trifft sie den Nagel auf den Kopf! Wer kennt sich noch aus mit Flaggen und kann Heimathäfen wie Nassau oder Liberia zuordnen?

Wer diesen Aspekt allein aus Sicht der Nostalgie versteht, greift zu kurz. Wenn junge Männer und Frauen sich für die Seefahrt begeistern sollen, muss es in einer von Technik geprägten Welt auch den emotionalen Aspekt geben. Den Ingenieuer kann ich woanders auch machen, ohne nass zu werden! Wie wäre derartiges zu bewerkstelligen?

Cora Stephan: Helden? Erschienen am 2. Februar 2012 in Die Welt

Ein Gedanke zu „Von der maritimen Identität

  1. Es ist doch schön, wenn wenigstens noch erwartet wird, dass Seefahrt etwas besonderes ist und den ganzen menschlichen Einsatz erfordert. Ich sage bewusst nicht „den ganzen Kerl“, weil sich ja inzwischen auch viele taffe (schreibt man das jetzt so?) junge Damen auf See wagen. Mich hat neulich sogar eine gelotst.
    Nichts gegen touristische Schiffsreisen, die können sehr schön sein. Aber Kreuzfahrten werden von Vielen als eine Art Kreuzung (daher das Wort?) verstanden zwischen dem Abenteuer Seefahrt und dem Gegenteil von Abenteuer, nämlich dem gesicherten Luxus in bevorzugter Umgebung verbunden mit einem genau dosierten Nervenkitzel, dass theoretisch etwas passieren könnte, aber man doch ganz sicher ist, dass nichts passieren wird. Das muss zu Enttäuschungen führen, weil es nicht zusammen passt.

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