Es gibt sie! Von chinesischen Hightech-Seeungeheuern und anderen Märchen…

Was ist der Unterschied zwischen Hafen- und Harfenkonzert? Die Einen wissen, worum es geht, die Anderen warten gespannt aber vergeblich auf den Klang der Harfe. Kommt noch ein klappernder Bambusvorhang dazu, ist die Konfusion perfekt!

Man muss sich schon wundern: Was das China Internet Information Center auf seiner Plattform german.china.org.cn, mit Berufung auf südkoreanische Presseberichte und auf einen Dr. John der „europäischen“ Naval Submarine League, vor einigen Wochen in seinem Beitrag „Hat Deutschland U-Boot-Technologien an China übertragen?“ berichtete, schlägt dem Fass den Boden aus: Die Deutsche Marine habe – an der Kanzlerin vorbei! – Marinetechnologie nach China transferiert und so die chinesische Industrie in die Lage versetzt, Uboote nachzubauen, die der deutschen Uboot-Klasse 212/214 ähneln…

U 32 der 212A Klasse auf See

U 32 der 212A Klasse auf See. Quelle: Deutsche Marine.

Hier die Antwort von Hein von der Marine, einem bekannten Schleswig-Holsteinischem Experten…nein, Spaß beiseite, widmen wir uns ernsthaft den sachlichen Fehlern in dem Artikel:

Die chinesischen Medien zitierten einen gewissen Dr. John aus dem NSL Institut mit der Aussage, dass China anfange, ein U-Boot vierter Generation mit Magnetohydrodynamik (MHD) zu entwickeln. […] Die Naval Submarine League (NSL) ist eine bekannte europäische Insitution.

Dr. John mag es vielleicht geben, nicht aber eine europäische Naval Submarine League! Gemeint ist wohl die amerikanische Naval Submarine League (NSL), eine gemeinnützige Organisation, die sich um alle Belange des Ubootfahrens kümmert. Die NSL ist eine Vereinigung aktiver und ehemaliger Ubootfahrer sowie Vertreter der Ubootindustrie und Vertreter des öffentlichen Lebens, die den Gedankenaustausch zu Taktik, Unterwasserkriegführung  und industriellen Weiterentwicklungen fördern.

Die Magnetohydrodynamik (MHD) ist die modernste Antriebstechnik für U-Boote, die bisher nur in Europa angewandt wird. Deutschland spielt eine führende Rolle in diesem Bereich.

Die Magnetohydrodynamik ist weder die modernste Antriebstechnik, noch ist die deutsche Industrie darin führend. Die Leser von Tom Clancy’s „Jagd auf Roter Oktober“ kennen sie längst: Ähnlich dem Prinzip einer Magnetschwebebahn wird das Wasser in der Umgebung des Uboote in einem elektromagnetischen Feld beschleunigt und sorgt so für den Vortrieb des Bootes. Die Energieeffizienz ist jedoch bedauerlich gering, so gering, dass dieses Prinzip niemals Hauptantrieb wurde – allenfalls, wie bei Tom Clancy beschrieben, als Zusatzantrieb für geräuschlose Nahbereichssituationen im klassischen Duell zweier Uboote. Wir verlassen uns doch lieber auf die Kapselung von Aggregaten zur Verhinderung von Geräuschabstrahlung und die Brennstoffzelle als brillianten Vortrieb; in dieser Technologie ist Deutschland, konkret HDW, führend!

Südkoreanische Medien berichteten sogar, dass das deutsche Militär – hinter dem Rücken der Bundesregierung – ein geheimes Geschäft mit China abgeschlossen habe. Dr. John sagte weiter, dass diese Technologien wahrscheinlich von der deutschen Marine übertragen worden seien, die im Alleingang einen Technologietransfer mit dem chinesischen Militär beschlossen habe. Möglicherweise sei Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht über diesen Vorgang informiert worden.

Really? Unvorstellbar, dass die Deutsche Marine irgendetwas an der Bundesregierung vorbeischleust! Wer behauptet, die Marine betriebe ihre eigene Politik, hat das Prinzip einer Armee, die fest in demokratische Strukturen eingebunden ist, ganz und gar nicht verstanden. Industriespionage und Technologietransfer wären zwar theoretisch denkbar, schaut man sich die Ähnlichkeit chinesischer Autoproduktionen zu europäischen Originalen an, weiß man was Sache ist. Im Falle eines Ubootes dürfte die Umsetzung in die Praxis noch komplizierter sein. Analog zum Erwerb eines Flugzeugträgers durch die Chinesen: Der Besitz allein bewirkt noch nichts; man muss auch damit umgehen können! Bis dahin wird es für China noch ein weiter Weg sein…

Fazit: Nichts dran an den „Fakten“ – da hat wohl tatsächlich jemand von Hafenkonzert gesprochen und der Schreiber hat Harfenkonzert verstanden. Wäre die Meldung in einer Tageszeitung erschienen, wäre sie das Papier auf dem sie gedruckt wäre, nicht wert.

Weiterer Link
– Deutsche Marine:
Technische Daten Uboot Klasse 212A

5 Gedanken zu „Es gibt sie! Von chinesischen Hightech-Seeungeheuern und anderen Märchen…

  1. Danke für die klaren Worte! Ich erwarte von einem Blog wie diesem eine klare Ansage, wenn absolut gesponnen wird. Nach der Lektüre des Seeemannsgarns ist mir klar, dass das Ungeheuer von Loch Ness ins Südchinesische Meer geschwommen ist.
    Bitte weiter so mit klarer Ansage 🙂

    • Ich kann mir gut vorstellen, dass der Artikel etwas bewirken sollte: nämlich den Aufbau eines Bedrohungsszenarios zur Begründung der Erhöhung eigener Rüstungsausgaben!

  2. Auch wenn der obigen klaren Widerlegung nur zuzustimmen ist, sollte man sich noch einmal genauer fareg, was der Sinn dieses Artikels sein könnte.
    Unstreitig ist, dass die chinesische Marine (PLAN) nicht nur auf nukleargetriebene Uboote sondern auch auf konventionelle Uboote wie die russische Kilo Klasse setzt. Und wenn diese Boote künftig mit der besseren Antriebstechnologie von HDW mit Brennstoffzellen ausgerüstet werden könnten, können sie gegnüber der US Navy noch besser ihre Möglichkeiten zum access/area denial im südchinesischen Meer um- und durchsetzen.
    Hier kommt nun der Punkt, an dem man sich an einen Untersuchungsausschuss erinnern sollte, wo es um die mögliche Lieferung von Blaupausen deutscher Uboote der Thyssen Nordseewerke an Südafrika ging. Der damalige MdB Norbert Gansel lag nicht so schlecht mit seinen Informationen. Die Sache verlief auch deshalb im Sande, weil er seine Quellen nicht offenlegen wollte.
    Daher sollte man zumindest die Sinne dafür schärfen, dass es auch chinesisches Interesse an deutscher Ubootstechnologie gibt. Und da je einige Ubootte deutscher Herkunft in anderen marinen eingesetzt werden, müßte man auch dies im Auge behalten.
    Also, hier geht es wohl nicht um Gründe für deutsche „Aufrüstung“ aber um Wachsamkeit. Diese ist ja bekanntlich der Preis der Freihet.

  3. „Daher sollte man zumindest die Sinne dafür schärfen, dass es auch chinesisches Interesse an deutscher Ubootstechnologie gibt.“ Treffer, kein Zweifel!

    Aber wie der Autor richtig anmerkt, Industriespionage und Technologietransfer finden immer statt. Es ging ja darum die tatsächlichen Fehler des chinesischen Artikels aufzuzeigen, also daß die Deutsche Marine aufgrund einer eigenen Agenda China willentlich mit einer (in dieser Form) nicht existierenden Technologie versorgt habe.

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