Eine Seefahrt, die ist…

…lehrreich! Diese Zeilen wurden auf einer RoRo/LoLo (Roll-on/Roll-off bzw. Load-on/Load-off)-Großfähre auf dem Weg von Kiel nach Oslo zu Papier gebracht. Der erste Eindruck in Kiel: Europa mangelt es nicht an einer strategischen Seeverlegefähigkeit! Auf der Fähre, mit der wir unterwegs waren, kann ein verstärktes Bataillon mit schwerem Gerät ohne Mühen verlegt werden – solange ein gesicherter Hafen zum Ausladen am Ende der Fahrt wartet. Wir sind überzeugt, dass allein die Fähren in der Ostsee die gesamte Interventionsmacht Europas verlegen können! Und die „Show Lounge“ auf Deck 7 lässt sich hervorragend als temporäre Kommandozentrale und „Briefing Theatre“ verwenden.

Die Nutzung ziviler Schiffe für den militärischen (Truppen-)Transport ist natürlich nicht neu: Man denke an die Verlegung alliierter Soldaten über die Weltmeere im Ersten und Zweiten Weltkrieg. Vor 30 Jahren bedienten sich die Briten des Luxusdampfers „Queen Elisabeth“, um Truppen auf die Falkland-Inseln zu verlegen. Die Nutzung einer RoRo-Fähre für militärische Zwecke hat wohl Tom Clancy als Erster in seinem Dritter Weltkriegs-Thriller „Red Storm Rising“ vorhergesehen: Dort landet sowjetische Infanterie zur Überraschung des Westens auf Island.

Es herrscht kein Mangel in Europa an modernem Schiffsraum zur schnellen Verlegung von Truppe und Material. Und darum war es folgerichtig, dass das Bundesverteidigungsministerium 2009 im Rahmen des „Prague Capability Commitments“ eine dänische Initiative zur Bereitstellung strategischer Seetransportkapazitäten durch Vollzeitcharter von zwei RoRo/LoLo-Schiffen aufgegriffen hat. Vertragspartner ist die dänische DFDS-Gruppe, der Vertrag ist 2011 verlängert worden.

Und was bedeutet dies für die Deutsche Marine mit Blick auf die wahrscheinlichen Einsatzszenarien nach dem Abzug aus Afghanistan? Deutschland hat keine Marineinfanterie und braucht daher auch kein Landing Platform Dock (LPD) Schiff, wie die niederländische „Rotterdam-Klasse“. Angesichts der Verfügbarkeit von zwei modernen RoRo/LoLo-Schiffen benötigt Deutschland ein Führungsschiff mit begrenzter Hubschrauberfähigkeit. Dies wäre wohl das Folge-Beschaffungsprojekt nach dem Mehrzwecks-Kampfschiff MKS 180.

Dieser Beitrag erschien in kurzer Fassung am 16. April 2012 in der Publikation Griephan Briefe 16/12

Weitere Links:
– NATO:
Prague Capability Commitment

2 Gedanken zu „Eine Seefahrt, die ist…

  1. Ohne Zweifel gibt es genug zivile Seetransportkapazität, die im Bedarfsfall militärisch genutzt werden könnte. Die Frage ist lediglich die der Verfügbarkeit und ebenso der Kosten; für beides gäbe es Lösungsmöglichkeiten. Viel mehr erschreckt mich die Kurzsichtigkeit einiger Verantwortlicher. Nicht nur beim Enten füttern an der Spree hört man so manchen Graurock sagen, „seine“ Männer würden bestimmt nicht mit der Marine verlegen, es dauere viel zu lange und außerdem könne man per Schiff auch nicht nach Afghanistan. Wem es bei so viel Kurzsichtigkeit in einem von Bismarck’scher Denke geprägten Kontinentaldeutschland noch nicht die Sprache verschlagen hat könnte entgegnen, dass es durchaus Szenarien gibt, in denen der Lufttransport aufgrund Bedrohungslage oder Infrastruktur nicht möglich erscheint und könnte auch post-afghanische Bedrohungsszenarien ansprechen. Dies erforderte jedoch den strategisch denkenden politischen Verantwortungsträger, der heutzutage jedoch verschollen ist.

Ihre Meinung zählt!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s