Revolution! Aber etwas bleibt…

Eine Zäsur steht bevor! Nach der Eroberung des Virtuellen steht jetzt die Verknüpfung der virtuellen und physischen Räume als nächste industriell-wirtschaftliche Revolution an. Firmen, die bisher ihr Geld mit Codezeilen verdienen, beginnen, nun Fuß zu fassen in der klassischen produzierenden Industrie. So fährt das Google Car bereits heute, nur vier Jahre nach Entwicklungsbeginn, fahrerlos und selbstständig über Gebirgsserpentinen.
Wir lesen im Wallstreet Journal Online:

Manufacturing? America will own the mid-21st century. Geopolitical instability and rising oil prices will wreck the late 20th-century rationale for outsourcing. Chinese labor costs are rising 20% a year while robotic costs are dropping by 30% a year. Do the math. „Made in the USA“ is set to have a major comeback. The showstopper will be 3-D printing, which makes physical objects from a digital file. It will turn our artists into artisanal manufacturers and reward American-style creativity.

Rich Karlgaard: The Future Is More Than Facebook, erschienen am 17. Mai 2012 im Wallstreet Journal

Modellschiff aus dem 3D-Drucker. Quelle: Contex.

Das bedeudet nichts geringeres, als die Individualisierung und Dezentralisierung von Produktion. Es ist sogar sehr wahrscheinlich, dass Made in China nur eine Phase ist und die produzierende Wirtschaft dorthin zurückkehrt, wo die Produkte erfunden und designt werden.  Das ändert sich also – und was bleibt? Logistik! Wir beamen Informationen und Geld in sekundenschnelle um die Welt, aber die bestellte Ware muss immer noch produziert, verpackt, verschifft und geliefert werden – das gilt für das neue Paar Schuhe genauso wie für Autos und industrielle Fertigungsmaschinen.

Was hat das alles mit einem maritimen Blog zu tun? Logistik ist maritim! Erinnern wir uns an den Beitrag über die Global Commons auf diesem Blog, der die maritime Komponente der Logistik hervorhebt:

Eighty-five per cent of all raw commodities and merchandise that move between nations are transported by sea […]. Thanks to maritime security, enhanced command and control via internet, and satellite-enabled global positioning, maritime commerce is a major aspect of the “just-in-time” inventory system. Containers and the ships that carry them have replaced warehouses. As in any system where timing is essential, the ocean-borne transportation system is vulnerable to disruptions, whether natural or man-made, which can create cascading effects throughout the supply chain.

Die gesamte globale Logistik ist also zu 85 % maritim! Diese Erkenntnis ist nicht neu, das Meer ist nunmal das dynamischste Medium zum strategischen Transport von Waren und Ideen. Die Erschliessung der drei anderen Domänen, neben dem Meer, also Luft, Weltraum und Cyber, hat immer eine Stärkung des Meeres zur Folge gehabt, keine Schwächung. Das wird auch so bleiben, der ansteigende globale Wohlstand wird die Bedeutung von maritimer Logistik sogar noch weiter ansteigen lassen.

Und was passiert in Deutschland? Folgende Nachricht lesen wir bei den Logistikexperten von DVZ Brief Express:

Deutschland rutscht im Logistik-Ranking ab
Deutschland ist seinen Titel als Logistik-Weltmeister bis auf weiteres los. Im gerade erschienenen Ranking der Weltbank rutschte der Standort von Platz 1 (2010) auf Platz vier. Vor Deutschland platzierten sich Singapur, Hongkong und Finnland. Die Abstände zwischen den topplatzierten Nationen sind allerdings relativ gering. An Boden verlor Deutschland in den Wertungsbereichen Zollabfertigung, Internationale Verschiffungen und Tracking & Tracing.

Schlechte Bewertung bei Zollabfertigung, Internationale Verschiffung und Tracking & Tracing? Diese Meldung muss jetzt der Startschuss in den Hallen von Politik und Wirtschaft sein, sich des Themas anzunehmen und Logistik zur strategischen Chefsache zu erheben, denn: Die Zukunft gehört auch weiterhin der Logistik und wer hier bestehen will muss seine Hausaufgaben machen!

Weitere Links:
Youtube: 3D-Drucker könnte die Welt revolutionieren
Assured Access to the Global Commons, von Major General Mark Barrett, Dick Bedford, Elizabeth Skinner und Eva Vergles. Norfolk, Virginia USA, April 2011.

5 Gedanken zu „Revolution! Aber etwas bleibt…

  1. Dies ist in der Tat ein „game changer“, den man auch in Deutschland – mit Blick auf die maritim-logistische Infrastruktur – ernst nehmen muss. Für ein Exportland wie Deutschland ist Logistik in der Tat eine strategische Industrie.

  2. Aufschlussreich ist vor dem Hintergrund des neuen LPI-Ranking der Weltbank auch eine Prognose der Citi Bank zu den künftigen Kräfteverhältnissen im Welthandel:
    1. Deutschlands Anteil am Welthandel lag 2010 bis 2.868 Mrd. USD (7,6 %). Dieser Anteil soll sich bis 2050 zwar 9.942 Mrd. USD erhöhen, doch das bedeutet gleichzeitig ein relatives Schrumpfen auf 3,5% am gesamten Welthandel. In der gleichen Zeit erhöht sich Chinas Anteil von 3.579 Mrd. USD (2010) auf 52.217 Mrd. USD in 2050.
    2. Die Top 5-Handelsnationen 2010 waren – gemessen an ihrem jeweiligen Welthandelsanteil – USA, China, Deutschland, Japan und Frankreich. 2050 sind es China, Indien, die USA, Deutschland und Korea.
    Ohne Logistik sind diese Kräfteverschiebungen bei den Welthandelsströmen nicht zu bewältigen.

  3. „Diese Meldung muss jetzt der Startschuss in den Hallen von Politik und Wirtschaft sein, sich des Themas anzunehmen und Logistik zur strategischen Chefsache zu erheben“ Schön wäre es! Diese Meldung wird als Wattebauschwurf – wenn überhaupt – empfunden werden. Startschüsse äußern sich in Form tragischer Unglücke oder dramatischer Veränderungen von Umsatzzahlen. Wetten dass nichts passiert?

    • So pessimistisch bin ich nicht. Es ist schon interessant, dass Deutschland es in den vergangenen Jahrzehnten geschaftt hat, in viel stärkerem Maße als viele europäische Länder ein moderner Produktionsstandort zu sein und zugleich Weltmeister im Dienstleistungsbereich Logistik zu werden. Auch wenn wir dieses ranking zzt. los sind, gehören deutsche Logistik-Unternehmen immer noch zu den größten der Welt. Unsere Stärke in dieser turbulenten Zeit ist es, nicht einseitig auf eine Sparte wie Dienstleistungen gesetzt zu haben, sondern breiter aufgestellt zu sein. Das bedeutet allerdings auch, dass man nicht überall gleichzeitig Spitzenreiter sein kann. Muss man aber auch nicht, wenn die Summe stimmt. Im übrigen empfiehlt es sich, nicht fortgesetzt die Hochglanzprospekte der Anderen mit der eigenen Realität zu vergleichen.

    • Den anderen hinterherlaufen sollte man sicherhlich nicht – aber es würde auch nicht schaden mal strategisch zu definieren, in welchen Top X der Welt (Rüstungsausgaben, Logistik-Ranking, …?) Deutschland überhaupt und in welcher Wertung vertreten sein soll!

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