Über die Bedeutung maritimer Logistik: Es gibt Dinge, die ändern sich nicht

Die Bedeutung der Flüsse und Meere für den globalen Handel und seine Logistik ist seit der Erschliessung der Wasserwege durch den modernen Menschen vor mehreren tausend Jahren bis heute ungebrochen. 95% der Ferngütertransporte weltweit und über 90% des EU-Außen- und 40% des EU-Binnenhandels laufen über See. So wurde fast jedes Gut mindestens ein Mal, bis es an seinen endgültigen Bestimmungsort ankommt, mit einem Schiff transportiert. Der Transport von Waren über See spart Geld, Zeit und macht den Transport selbst politisch unabhängig von Zöllen und Grenzen, stattdessen ist der freie Zugang zum Meer eine strategische Frage. An zwei militärisch geprägten Beispielen möchten wir dies einmal verdeutlichen:

Pakistan told the United States that it would reopen NATO’s supply routes into neighboring Afghanistan after Secretary of State Hillary Rodham Clinton said she was sorry for the deaths of two dozen Pakistani soldiers in American airstrikes in November, officials from the two countries said Tuesday. The agreement ended a bitter seven-month stalemate that threatened to jeopardize counterterrorism cooperation, complicated the American troop withdrawal from Afghanistan and cost the United States more than $1 billion in extra shipping fees as a result of having to use an alternative route through Central Asia.
Eric Schmitt: Clinton’s ‘Sorry’ to Pakistan Ends Barrier to NATO, in The New York Times online, 3. Juli 2012

Keinen Zugang zu dem Überseehafen Karatschis im Süden Pakistans zu haben hat alleine den USA logistische Mehrkosten von über 1 Milliarde US-Dollar über den Zeitraum von 7 Monaten beschert! Diese Meldung dürfte in Deutschland auf gespitzte Ohren treffen, den wenn die Versöhnung zwischen Pakistan und ISAF belastbar ist ändert sich die gegenwärtige Rückverlegestrategie. Bisher haben sich die ISAF-Staaten aufgrund der frostigen Beziehungen mit Pakistan auf einen Abzug über Usbekistan, und somit durch den von der Bundeswehr kontrollierten Norden Afghanistans, eingestellt. Rückverlegung der Truppen und des schweren Gerätes über Land durch Usbekistan wäre nicht nur teurer und zeitaufwendiger, die Bundeswehr hätte in diesem Szenario auch voraussichtlich als eine der letzten Nationen zu verbleiben, welche die Rückverlegung von ISAF in ihrem Gebiet zu gewährleisten und zu sichern haben würde.

Was im 21. Jahrhundert gilt, galt im 18. und 19. Jahrhundert erst Recht!

Das folgende Szenario ist fiktiv und stammt aus der Horatio Hornblower Romanreihe von C.S. Forester, es beschreibt eindringlich die Bedeutung des logistischen Unterschiedes zwischen Land und Meer. Fregattenkapitän Hornblower, Kommandant des Zweideckers HMS Sutherland, läßt nach der Kaperung der französischen Transportbrigg Amélie während der napoleonischen Kriege um 1800 die Gedanken schweifen:

Während er sich den Seifenschaum aus dem Gesicht kratzte und dabei im Spiegelglas sein melancholisches Gesicht betrachtete, kam ihm abermals die Überlegenheit des Meeres über das Land zum Bewußtsein. Die Amélie war ein kleines, fast unbedeutendes Fahrzeug, aber sie trug zwischen zwei- und dreihundert Tonnen wertvoller Güter. Wenn die Franzosen versucht hätten, diese Waren über Land nach Barcelona zu schaffen, so würde das eine umfangreiche militärische Kolonne bedingt haben; hundert oder mehr Wagen und Hunderte von Pferden, die sich über mindestens zwei Kilometer Weges ausgestreckt und zum Schutz gegen spanische Streifscharen einige tausend Soldaten benötigt hätten. Für die Pferde und Bedeckungsmannschaften wäre Verpflegung mitzunehmen gewesen, was wiederum die Verlängerung der Wagenkolonne  erforderlich gemacht haben würde, und das alles wäre mit einer Tagesgeschwindigkeit von fünfundzwanzig Kilometern über die spanischen Straßen gekrochen. Kein Wunder, daß die Franzosen lieber das mit einem Seetransport verbundene Wagnis auf sich nahmen. Welch ein Schlag würde es nun für die vielgeplagte französische Armee sein, daß ein britisches Geschwader in ihrer Flanke stand und die wertvollste Nachschublinie unterbrochen war.
C.S. Forester: An Spaniens Küsten

In dieser Episode aus der Hornblower-Saga war die Transportbrigg Amélie mit 25 Tonnen Pulver, 125 Tonnen Hartbrot, mehreren Tonnen gepökelten Rinder- und Schweinefleisch sowie Brandwein beladen – also mit allem, was eine Armee im 19. Jahrhundert zum Kämpfen brauchte! Das Szenario ist absolut realistisch und wird sich im Laufe der Koalitionskriege zwischen England und Frankreich von 1792 bis 1815 an den Küsten Europas so oder ähnlich hundertfach abgespielt haben.

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