Buchtipp: Geoffrey Till, Seapower. A Guide for the 21st Century

An dieser Stelle haben wir eine kurze Liste maritimer Literatur vorgestellt, die man bedenkenlos auch Nichtseefahrern empfehlen kann. Mit Hilfe der Community soll diese Liste nun Stück für Stück wachsen, einige Zuschriften haben uns bereits erreicht! Sebastian Bruns, Doktorand und Mitarbeiter am Institut für Sicherheitspolitik ISPK der Universität Kiel, schreibt für Meer Verstehen eine Rezension zu Geoffrey Tills Buch „Seapower. A Guide for the 21st Century“:

Seapower – Seemacht. Wozu braucht man eine Handreichung zu diesem Thema überhaupt? Zugegeben, der Begriff ist im deutschen Sprachraum eher offensiv und negativ belegt. Vor dem geistigen Auge so manches Betrachters ziehen Bilder aus der dunklen Vergangenheit auf, von Skagerrak-Schlacht oder dem Schlachtschiff Bismarck. Und die Angehörigen der Deutschen Marine brauchen so ein Buch schon garnicht, mag man einwenden, denn Deutschland und die Deutsche Marine sind ja schließlich keine Seemacht.

Doch halt: Wie der jährliche Bericht des Flottenkommandos darlegt, ist Deutschland dank des maritimen Handels und seiner Industrie eine sehr wohl maritim abhängige und maritim anfällige, aber auch maritim fähige Nation. Und ein Blick in das Portfolio der laufenden Einsätze macht deutlich, dass die Deutsche Marine zwischen dem Horn von Afrika, der libanesischen Küste und dem Mittelmeer sehr wohl auch robust maritim engagiert ist und damit konzeptionelle Handlungsanweisungen aus Politik und Marine spiegeln. Seemacht bedeutet also deutlich mehr als nur viele große, schwere, graue Schiffe mit einer weißen Nummer am Bug. Zu dieser Erkenntnis kommt auch Geoffrey Till, dessen Handbuch zur Seemacht (im englischen Original oder einer Tages vielleicht in einer überaus wünschenswerten deutschen Übersetzung) in jedem Regal an Bord von deutschen Kriegs- und Handelsschiffen, Reedereien, Militärdienststellen, Abgeordnetenbüros, Universitäten und Privatbibliotheken liegen sollte. Till gelingt es, in verständlicher Sprache, angereichert mit Grafiken und vielen historischen, aber nie langweiligen oder zu fachlichen Beispielen darzustellen, was Seemacht eigentlich ausmacht. Dabei fasziniert vor allem die Konstanz der See – die Prinzipien von Seemacht und Seekrieg etwa sind seit einigen Jahrhunderten kaum verändert.

Von dem Wesen der internationalen Beziehungen, die sich zu einem ganz erheblichen Teil über See abspielen, über die Inputs & Outputs funktionaler und institutioneller Seemacht und den Wert von Seekriegstheorie und Strategie gelangt der Autor mit Blick auf die moderne Seemacht zu den verschiedenen Ebenen der Kriegsführung. Auch hier findet sich überaus Lesenswertes: Operative Aspekte, die Rolle von Doktrinen und die Voraussetzungen für sinnvolle Anwendung von Seemacht spielen ebenso eine Rolle wie die Diskussion über den Wert unterschiedlicher Plattformen, Waffen und Sensoren. Immer wieder lässt Till Elemente maritimer strategischer Kultur einfließen und zeigt Beispiele aus der Praxis auf. Durch das bessere Verständnis maritimer Fähigkeiten und Gefahren wird eine Seepolitik aus einem Guss ermöglicht, die Verlässlichkeit bietet und Vertrauen schafft, um eigene Interessen durchzusetzen. Auch den Wandel im maritimen Umfeld beleuchtet Till: Die Zukunft von Machtprojektion, die Rolle amphibischer Operationen und expeditionärer Einsätze (samt Hintergründen, politischen Zwecken, teilstreitkräfte-/koalitions-/behördengemeinsamem Vorgehen), die Rolle von Logistik in der Seemachtausübung und die Nützlichkeit von Maritimer Sicherheit samt Rolle von Küstenwache und Küstenschutz werden in präziser Sprache abgehandelt. Nicht zuletzt sind auch maritime Diplomatie und die Rolle von Abschreckung von See her Teile dieses unverzichtbaren Handbuches.

In Zeiten zumindest in der westlichen Welt schwindender Verteidigungsbudgets, der Neuausrichtung der Bundeswehr und der damit einhergehenden Umstrukturierung bei der Marine und kaum weniger werdender Konflikte auf diesem Globus steht deutsche und europäische Sicherheitspolitik vor gewaltigen Herausforderungen. Nicht ausgeschlossen, dass auf die Bundesrepublik angesichts schwindender britischer und amerikanischer maritimer Mittel ein Mehr von Aufgaben zukommt. Verständnis für seepolitische Macht und den dosierten Einsatz derselben werden daher wichtiger denn je. Wenn denn expeditionäre Bündnisoperationen für die Deutsche Marine also auch nach ATALANTA, UNIFIL und ACTIVE ENDEAVOUR eher die Regel als die Ausnahme sind, so muss man Tills Buch aufsaugen wie ein Verdurstender das Wasser. In Deutschland besteht schließlich kaum Wertschätzung für die Rolle von Seemacht in internationaler Politik und Wirtschaft. Erstes Mittel der Wahl gegen diese oft diagnostizierte Seeblindheit ist dieses Buch.

Die zweite, überarbeitete und umstrukturierte Auflage des Buchs erschien unter gleichem Namen 2009 im Londoner Routledge-Verlag.

Geoffrey Till
Seapower. A Guide for the 21st Century
Cass-Verlag, London 2004
Zum Beispiel bei amazon.de
2013 erscheint die 3. Auflage

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