Sea Blindness – Aus den Augen aus dem Sinn

Was uns bei Meer Verstehen immer wieder auffällt, ist die sogenannte Sea Blindness in Politik und Gesellschaft – aus den Augen aus dem Sinn! Es fehlt das Gespür, und leider oft auch das Interesse, für maritime Zusammenhänge und ihre Bedeutung für unsere Wirtschaft und letztendlich unsere Gesellschaft. Umso interessierter haben wir folgendes Zitat aus der Wochenzeitung Die Zeit vom 27. September aufgenommen:

Als Angela Merkel vor einiger Zeit gefragt wurde, um welches Thema sie sich kümmern würde, wenn es die Euro-Krise nicht gäbe, nannte sie spontan die Fischerei- und Meerespolitik. Ihre Zuhörer waren erstaunt, gibt es doch kaum ein Politikfeld, das im Berliner Regierungsviertel als unwichtiger gilt. Merkel sieht das anders:“Über die Meere könnte man stundenlang unglaublich traurige Geschichten erzählen. Es ist zum Teil dramatisch, was dort passiert“, sagte sie.
Muskelspiele im Meer – Fischereipolitik hat geostrategische Bedeutung – noch wird sie nicht ernst genug genommen, von Christian Schwägerl. Die Zeit, 27. September 2012, S.17.

Dramatisch ist auch die Abhängigkeit Deutschlands vom Seehandel und dem weltweit freien Zugang zu den Meeren. Für das Jahr 2011 galten die folgenden Zahlen und Fakten:

  • Im Jahr 2010 stieg das Welthandelsvolumen um 14,5%. Insgesamt wurden 8,37 Mrd. t Güter im seewärtigen Welthandel transportiert.
  • Die Abhängigkeit Deutschlands von einer sicheren Rohstoffzufuhr ist besonders markant. Deutschland war bei Energierohstoffen 2010 zu 71% von Importen abhängig, bei metallischen Rohstoffen (Chrom, Kupfer, Titan, Eisenerz, Uran und Mangan) zu knapp 94%, bei Edelmetallen/Edelsteinen zu 98% und bei Nichtmetallen zu 100%.
  • Die maritime Wirtschaft zählt mit mehr als 380.000 Beschäftigten und einem Umsatzvolumen von rund 50 Mrd. EUR zu den wichtigsten und fortschrittlichsten Wirtschaftszweigen in Deutschland.

So drastisch formulierte es auch Professor Chris Bellamy, Direktor des Londoner Greenwich Maritime Institute, auf der MS&D 2012 am 4. September in Hamburg:

„Out of Sight, out of Mind“, The Oceans and Global Power
On the 14th of April 2010, the Eyjafjallajökull volcano erupts in Iceland.
All Scottish airports closed to Instrument Flight Rules (IFR) aircraft operations by
04:00 BST on 15 April. The United Kingdom’s controlled airspace was closed to IFR
flights at 12:00 BST on 15 April. However, several Icelandair planes
flying from Keflavik landed at Glasgow on 16 April. On the evening of 20 April, it was announced that all the UK’s airports would be opened from 22:00. So: six-day closure of UK airspace, from 04.00 on 15 April to 22.00 on 20 April 2010. Did UK run out of fuel or food? Were there any queues at supermarkets or petrol pumps? No. Why?

Warum? Weil Großbritannien nicht weniger dramatisch vom Seehandel und freien Zugang zum Meer abhängig ist als Deutschland. Wenn aufgrund von Vulkanasche mehrere Tage lang die Flüge ausfallen ist das sicherlich unangenehm und schädlich für die Wirtschaft, aber würde auf einen Schlag das gleiche für den Seehandel gelten, würden Wirtschaft und Gesellschaft auf dem Zahnfleisch gehen! Dazu zählt sicherlich auch der Umstand, dass es in der modernen Just-in-Time Logistik de facto keine Lagerung mehr gibt – die Logistikkette bzw. der Container auf See, Schiene und Straße ist Lagerhalle und Ersatzteillager! Weiter zitiert Professor Bellamy den sowjetischen Admiral Sergej Gorshkov:

„Since ancient times the ocean has attracted man with its secrecy and minatory force, holding out the promise of the means of existence but of a route to unexplored lands. It has promised him incalculable wealth, but has concealed great dangers…The importance of the ocean cannot be underestimated in the development of productive forces and accumulation of wealth by states As a rule, civilizations emerged and developed precisely on the shores of the seas and oceans. Countries whose population was associated with seafaring became economically strong earlier than others. At a definite stage of the history of mankind the acute need was felt to make use of the vastness of the waters of the seas and their riches…The essence of… sea power…in our view, is how far it is possible to make the most effective use of the World Ocean, or, as it is sometimes called, the hydrosphere, in the interests of the state as a whole.“
Admiral der Flotte der Sowjetunion Sergey M. Gorshkov

Und jetzt die Preisfrage: Wie kann man dem Phänomen Sea Blindess entgegentreten?

2 Gedanken zu „Sea Blindness – Aus den Augen aus dem Sinn

  1. Der Antwort auf die Preisfrage kommt man langsam näher, wenn man einmal die „Maritimen Cluster“ googelt und dann die websites der unterschiedlichen nationalen Cluster innerhalb Europa’s vergleicht. In England und Frankreich bemüht man sich, alles unter einen Hut zu bringen und an einem (politischen und wirtschaftlichen) Strang zu ziehen. In Deutschland haben sich drei Küstenländer zum Maritimen Cluster zusammengeschlossen und es wird deutlich, dass hier die Überwindung von Partikularinteressen einzelner Verbände für das Wohl einer ganzen Nation zum Scheitern verurteil ist. Dabei spielt auch der Föderalismus eine eher hinderliche Rolle. Deutschland ist eben keine Seemacht und keine Landmacht, sondern einfach nur ein Land und jedes Denken außerhalb von Grenzen wird politisch sofort verurteilt und zerredet. Sea Blindness hat eben auch etwas damit zu tun, ob man Macht ausüben kann und will – egal ob wirtschaftlich oder politisch, und das hat etwas damit zu tun ob man bereit ist, Verantwortung zu übernehmen. Überwindung von Sea Blindness erfordert kein parteipolitisches Programm sondern strategischen Verstand und Verantwortungsbewußtsein. Finden Sie eine/n solche/n Mandatsträger/in und Sie finden die Lösung.

  2. Ich schließe mich meinem Vor-Diskutanten an: „Überwindung von Sea Blindness erfordert kein parteipolitisches Programm sondern strategischen Verstand und Verantwortungsbewußtsein. Finden Sie eine/n solche/n Mandatsträger/in und Sie finden die Lösung.“ Dies ist die eine Seite der Medaille, die Rückseite ist der weitgehen unterschätzte Aspekt von Branding. „Meer ist cool!“ Wir müssen das zeitgemässe Pendant zum Kieler Matrosenanzug im Kaiserreich finden. Unter „Seiner Majestät“ trugen die Kinder der Mittelschicht selbst im fernen Bayern den Kieler Matrosenanzug. Was ist das Branding-Pendant heute?

Ihre Meinung zählt!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s