Chinas Flugzeugträger und die Pax Americana zur See

Am 25. September 2012 ging die Nachricht um die Welt, dass China seinen ersten Flugzeugträger, die Liaoning, in Dienst gestellt hat. Im Westen und besonders in den USA befürchtet man, dass Chinas Aufrüstung zur See eine expansionistische Ausrichtung hat und zu einer Konfrontation zwischen China und den USA führen könnte. Es ist in der Tat ein Kurs der Konfrontation, den China mit seiner aktuellen maritimen Politik fährt –  allerdings zielt dieser weder auf die USA noch auf die Trägergruppen der US Navy. Dazu wird China auch in absehbarer Zeit nicht in der Lage sein. James R. Holmes, Associate Professor of Strategy am US Naval War College, listet 5 Gründe auf, warum China noch lange davon entfernt ist eine funktionierende Trägerfähigkeit zu besitzen:

5. No air wing. At first blush this seems like the main hurdle to an effective carrier task force. The air wing constitutes a carrier’s “main battery,” or offensive punch, not to mention a major element of the fleet’s defense against aerial, surface, or subsurface attack. But the PLA Navy now possesses a working flattop and, apparently, combat aircraft capable of operating from its flight deck. The rest is a matter of doctrinal development and sheer practice for aircrews. These are soluble problems given ample time, resolve, and patience. Indeed, training will be the Liaoning’s chief function for the foreseeable future.

4. Size. The Liaoning displaces about two-thirds the tonnage of an American CVN. Its air wing is commensurately smaller. Built by the Soviet Union, it was designed to accommodate 28 fighter/attack aircraft, a fraction of the U.S. complement. A one-on-one shootout between the Liaoning and a U.S. flattop, then, would be no contest.

3. Non-nuclear propulsion. Naval nuclear propulsion isn’t everything, but it does comprise a commanding advantage. U.S. CVNs are swifter, boast virtually unlimited cruising range, and steam for years without refueling. They do need to take on jet fuel every few days to conduct regular flight operations; their aircraft aren’t nuclear-powered. Still, reducing the logistical burden translates into greater tactical and operational flexibility for commanders.

2. Escorts and combat logistics. Carriers steam in company with a coterie of escorts and support vessels. The PLA Navy, however, has not yet filled out the remainder of a carrier task force. The navy’s newest guided-missile destroyers appear adequate for air-defense purposes, but anti-submarine warfare remains a puzzling shortfall—particularly since China’s likely adversaries, the United States and Japan, excel at undersea operations. Combat logistics—oilers, ammunition ships, refrigerated stores ships—remains another glaring shortcoming for the PLA Navy. These unglamorous but crucial vessels can replenish men-of-war, allowing them to stay at sea for long intervals without returning to port. Chinese task forces will remain vulnerable and tethered to shore logistical support until shipbuilders plug these gaps in the inventory.

1. Human excellence. As Theodore Roosevelt observed in his history of The Naval War of 1812, it takes the finest ships and the finest crews to make up a fleet capable of vying for maritime command. The finest weapon is no better than its wielder. Until the Liaoning ship’s company and air wing start operating regularly at sea, they are unlikely to develop the skills, habits, and esprit de corps necessary to contend with rivals like the U.S. Navy or Japan Maritime Self-Defense Force. This may not matter that much for the foreseeable future, since the PLA Navy fleet will probably operate mainly within reach of extended-range shore fire support. But once the navy ventures beyond that protective aegis—and should competitors find ways to blunt the PLA’s anti-access weaponry—the human factor promises to become critical indeed.

James R. Holmes: Top 5  Reasons Not to Ballyhoo China’s Carrier – The Naval Diplomat

Das kann man so stehen lassen. Die chinesischen Streitkräfte selbst machen keinen Hehl daraus, die Liaoning wird offiziell als Forschungs- und Übungsschiff eingesetzt.

Chinesische Matrosen präsentieren das Gewehr auf dem Flugdeck der Liaoning.
Bild: Xinhua News Agency.

Es wird also noch einige Zeit dauern, bis China in der Lage ist das komplette Paket einer Flugzeugträgergruppe zu schnüren, und diese Zeit wird wohl in Dekaden gemessen werden. Damit ist auch klar, dass die chinesischen Seestreitkräfte auf absehbare Zeit nicht auf Augenhöhe mit der US Navy zu verorten sind – das ist auch gar nicht nötig, denn die Entwicklung der chinesischen Trägerfähigkeit dient einem anderen Zweck. Es geht nicht um die Duellsituation mit den Trägerguppen der USA, sondern um Machtprojektion innerhalb der Region: „News of Liaoning’s commissioning will be a bitter pill to swallow in New Delhi, which has seen a series of delays and cost escalations derail its plan to commission its own former Sovjet carrier […]“ und „[…] the announcement that the People’s Liberation Army Navy (PLAN) has finally taken delivery of its first aircraft carrier, Liaoning, has raised fresh concerns in Moscow about the intensity of, and intentions behind, China’s continuing military build-up„, weiß Jane’s Defence Weekly in der Ausgabe vom 3. Oktober („China commissions its first carrier“/“Russia ‚worried‘ about China’s rising capability“).

Wie wichtig die asiatischen Meere sind, haben wir hier bereits beschrieben:
Es ist sind die Länder am und um den Indischen Ozean herum, in denen die globalen Herausforderungen Bevölkerungswachstum, Klimawandel, Politik- und Systemwandel geballt liegen und im eigenen Kontext gelöst werden müssen. Die Argumentation ist bestechend, denn Politik und Ökonomie – bzw. die dazu gehörenden Konflikte – finden dort statt wo Menschen sind. Das klingt banal, widerspricht in der Konsequenz allerdings ganz klar den gängigen Analysen, welche den Pazifik zum Subjekt der amerikanischen und somit internationalen Sicherheitsarchitektur erheben: Denn wenn die global relevante Dynamik in und um den Indischen Ozean herum stattfindet, reduziert sich die Bedeutung des menschenleeren Pazifiks auf seine Verbindung zwischen Asien und Amerika quasi zu der des Zubringers!

Politisch/Geographische Übersicht Indischer Ozean
Politisch-geographische Übersicht des Indischen Ozeans, der chinesischen Meere und des Pazifiks. Grafik: Google Maps.

Gelänge es China den USA den Zugang zu den asiatischen Meeren zu versperren, würde die US Navy zum Zaungast im Pazifik degradiert. Das bedeutet, dass China wirtschaftlich und militärisch nicht freien, sondern exklusiven Zugang zu den Ländern am Ost- und Südchinesischen Meer hätte, dem Tor zum Indischen Ozean, mit entsprechenden politischen Folgen. Diese Entwicklung ist bereits in vollem Gange, unter dem Stichwort „anti-access/access denial“ rüstet China aktuell seine Ubootflotte und Seezielflugkörper auf mit dem Ziel, amerikanische Trägergruppen auf Abstand zu halten. China verfügt über etwa 66 Uboote, die Flotte wird modernisiert, weitere Einheiten befinden sich im Bau. Im Oktober 2006 gelang es einem diesel-elektrischen Uboot der Song-Klasse unentdeckt innerhalb der Trägergruppe des US-Flugzeugträgers Kitty Hawk aufzutauchen.

Das geht an die Substanz! Die Pax Americana zur See bedeutet nichts geringeres als den uneingeschränkten Zugang zum Meer für alle. Sie ist eingebettet in die neue Doktrin „Access to the Global Commons“ – den Zugang zu den Freien Räumen See, Luft, Weltraum und Cyber. Es ist Kanonenbootpolitik, um Kanonenbootpolitik zu verhindern. Nicht nur die USA profitieren wirtschaftlich davon, sondern der ganze Globus, weil jeder mit jedem Handeln kann. Der freie Zugang zum Meer bedeutet einen Grad an wirtschaftlicher und politischer Freiheit, den wir sonst nur dem Internet zuschreiben. Diese Freiheit wird de facto durch China in der Region hinterfragt, China begründet seine Aufrüstung mit seiner wirtschaftlichen und politischen, aber auch historischen Bedeutung. China hat sicherlich geopolitischen Nachholbedarf und wächst erst jetzt voll in sein Potential hinein. Allerdings könnte es sich vor diesem Hintergrund auch weiterhin auf die Pax Americana verlassen und sich im Verbund mit den USA und den anderen Regionalpartnern sogar an ihr Beteiligen. Die Doppelstrategie, einerseits die USA aus den asiatischen Gewässern herauszuhalten und gleichzeitig eine Fähigkeit zu entwickeln die in diese Lücke stoßen soll, weist darauf hin, dass China andere Pläne hat.

Dass der freie Zugang zum Meer immer wieder, auch heutzutage, von politischen Gegnern und Regionalmächten hinterfragt wird ist normal. Meistens, wie im Falle der Drohung Irans den Persischen Golf im Falle einer Militärintervention zu sperren, ist es nur Mittel zum Zweck nach dem Motto ‚Lasst uns in Ruhe, sonst schlagen wir zurück‘! Im Falle Chinas gilt ein anderes Bild: China arbeitet daran die amerikanische Stadttorwache, deren Aufgabe es ist nur darauf zu achten, dass das Tor rund um die Uhr geöffnet bleibt, daran zu hindern zur Arbeit zu erscheinen. Im Gegenzug zieht eine chinesische Torwache auf, die nun die Möglichkeit hat, Wegzoll zu erheben und zu bestimmen, wer wann womit das Tor passieren darf.

6 Gedanken zu „Chinas Flugzeugträger und die Pax Americana zur See

  1. Der Artikel von Holmes ist sehr begrüßenswert, stimmt er doch nicht in die momentane Hype vor allem in den USA ein, wo man China zum neuen Buhmann stilisieren will.
    Ältere Marineoffiziere, die in den 80er Jahren ihre ASTO Ausbildung durchliefen, sollten sich noch an die Trägerentwicklung der sowjetischen Flotte unter Admiral Gorschkow erinnern. Die Argumente klingen ähnlich oder gleich.
    Was soll das Beispiel mit dem Eindringen eines diesel-elektrischen Ubootes in den Schutzschirm eines US Trägerverbandes? Dies haben deutsche Uboote der Klasse 206 schon sehr viel früher in Manövern geschafft. Dies beweist doch eher die bekannte Schwäche des UJagd – Schirms um einen Träger. Die US Navy hat schon seit Jahren die Zahl ihrer Fregatten reduzieren müssen. Die derzeitigen Alarmaufsätze gelten eher wieder dem bekannten Ziel: schön schwarz malen, dann gibt es genügend Geld für Neubeschaffungen.
    Warum mit China nicht als gleichberechtigtem Partner umgehen, der in einer multipolaren Weltordnung künftig dringend als weitere Ordnungsmacht gebraucht wird.

  2. Ich stimme meinem „Vor-Blogger“ vollständig zu! Hier muss eine Begründung für die Finanzierung neuer Vorhaben her. Gleichzeitig ist anzuerkennen, dass Beijing von „Sowjet-Russland“ gelernt hat: Fordert man die Amerikaner zum Rüstungswettlauf heraus, verliert man! Daher werden die Chinesen einen anderen Weg einschlagen: geschmeidig wie ein Bambusrohr.

  3. Vorab ein eher technischer Hinweis bzw. eine Bitte an die Blogbetreiber: Könnten die Autoren der Artikel irgendwie kenntlich gemacht werden? Oder ist diese Anonymität beabsichtigt?

    Inhaltlich: Auch wenn es wünschenswert ist, dass in einer multipolaren Welt sich entsprechende Ordnungsmächte hervortun und stabilisierend wirken, so bin ich nicht davon überzeugt, dass sich der Rest der Welt damit einen Gefallen tut, ausgerechnet China als Ordnungsmacht zu „pushen“.
    Für diese Meinung mag meine eher westliche Orientierung natürlich auch eine Rolle spielen. Aber wenn man sich einmal anschaut, in welcher Form die unmittelbaren Nachbarn Chinas auf diese Herausforderung reagieren – nämlich mit einer Stärkung ihrer militärischen Kapazitäten – so drängt sich der Eindruck auf, dass gerade diese Staaten, die China kennen und als erste von seiner Politk betroffen sind, ebenfalls wenig Vertrauen in seine ordnungspolitischen Ambitionen haben. Eine Ordnung nach chinesischen Spielregeln wollen dort nur die wenigsten….

    • Hier geht es nicht ums pushen, sondern um die Einbindung Chinas in ein multilaterales System. Bei den Nachbarn wäre ich vorsichtig mit Ihrer Feststellung. 1997/98 hatten wir eine Finanzkrise in Asien. Dort hat der Westen nicht geholfen sondern China. Seitdem wird China zu den ASEAN Treffen eingeladen und man anrangiert sich vielfach.
      Wir sollten doch wirklich aus der Zeit des Kalten Krieges und des Umgangs mit der Sowjetunion einiges gelernt haben.

    • @Tiefflieger:
      Beiträge des Stabes (siehe Impressum) werden nicht mit Namen versehen, Gastbeiträge hingegen schon. Das muss aber nicht so bleiben!

  4. Ich denke, der Knackpunkt für China, die Region und den Westen wird sein wie sich China NACH der Lösung seines Taiwan-Problems verhält. Alles, was China bis jetzt strategisch unternommen hat, kann mit Taiwan erklärt werden: Der Auf- und Ausbau entsprechender Fähigkeiten um einerseits die USA auf Armeslänge fernzuhalten und andererseits aktiv auf Taiwan Druck auszuüben. Dass Taiwan fällt scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, wirtschaftlich und kulturell wird sich die Insel seinem großen Bruder wohl kaum entziehen können – besonders wenn China es erfolgreich von den USA isolieren kann.

    Die Frage ist, wenn Taiwan zurück „Heim im Reich der Mitte ist“, reicht das China – oder hat/kriegt es Appetit auf mehr? Nicht im Sinne von Eroberungsfeldzügen (wie die des Japanischen Reiches in den 1930er+), sondern allgemeiner wirtschaftlich/militärischer Machtprojektion….

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