Bundesrechnungshof kritisiert Mehrbesatzungskonzept der Marine

Auf Seite 44 der „Bemerkungen 2012“ des Bundesrechnungshofs lesen wir unter Punkt 62 folgendes:

Mehrbesatzungsmodelle der Marine sind nicht wirksam & unwirtschaftlich
Die Marine führt neue Besatzungsmodelle auf der Grundlage unrealistischer Annahmen ein. Dadurch plant sie mehr Besatzungen, als sie absehbar einsetzen kann. Das Ziel, die Soldatinnen und Soldaten zu entlasten, erreicht sie hingegen nicht.

Durch die neuen Modelle sind Besatzungen nicht mehr fest an ein Schiff oder Boot gebunden. Mit Einführung dieser Mehrbesatzungsmodelle will die Marine die jährliche seefahrtsbedingte Abwesenheitszeit der Besatzungen statt von bisher angestrebten 180 Tagen pauschal auf 120 Tage begrenzen.
Für viele Schiffsklassen kann die Marine mit 120 Abwesenheitstagen ihren bisherigen Ablauf von Ausbildung und Einsatz nicht aufrechterhalten. Besatzungen von Fregatten benötigen beispielsweise bereits rund 100 Tage bis sie einsatzfähig ausgebildet sind. Ein anschließender Einsatz wäre im selben Jahr ausgeschlossen.

Die derzeit eingesetzten Schiffe sind zudem nicht für einen Besatzungswechsel vorgesehen. Die Marine hat bisher nicht nachgewiesen, dass sie auf diesen Schiffen unter Einsatzbedingungen schnell und ohne Einbußen in der Einsatzbereitschaft Besatzungen wechseln kann. Gelingt dies nicht, müssten diese Schiffe künftig bereits nach 120 Tagen ihren Heimatstützpunkt anlaufen. In der Folge müssten für die gleiche Einsatzverpflichtung mehr Schiffe eingesetzt werden und es wären mehr Transitfahrten erforderlich.

Das BMVg argumentiert, die Begrenzung der Abwesenheiten auf 120 Tage sei notwendig, um die Attraktivität des Dienstes in der Marine zu erhalten. In der Praxis werde die individuelle Abwesenheitsbelastung ohnehin deutlich über 120 Tagen liegen. Der BRH geht ebenso wie das BMVg davon aus, dass die Grenze von 120 Abwesenheitstagen in der Praxis deutlich überschritten wird. Damit bewirkt die Planung der Mehrbesatzungsmodelle mit 120 Abwesenheitstagen nicht die angestrebte Entlastung der Besatzungen im Einsatz. Vielmehr hätte die Marine zu viele Besatzungen für die verfügbaren Schiffe und Boote. Durch das Bereithalten dieser Besatzungen sowie deren Ausbildung entstünden vermeidbare Kosten.

Der BRH empfiehlt, für Mehrbesatzungsmodelle realistische, nach Schiffs- und Bootsklassen differenzierte Vorgaben für die Abwesenheitsbelastung zu erarbeiten und die Anzahl der Besatzungen auf dieser Grundlage zu planen.
Bemerkungen 2012 des Bundesrechnungshof

Die Uboote der Klasse U212 werden bereits mit dem Mehrbesatzungskonzept gefahren, bei den Überwassereinheiten wird dies erst mit dem Zulauf der Fregatten der Klasse F125 soweit sein. Leider nennt der BHR keine Zahlen, in welchem Verhältnis nach seiner Rechnung Besatzungen und Schiffe in Zukunft zueinander stehen werden.

Sowohl in der Politik als auch der Marine selbst scheint man sich damit abgefunden zu haben, dass der Abbau von schwimmenden Plattformen nur mit dem Mehrbesatzungskonzept ausgeglichen werden kann. Der Außerdienststellung von 8x Fregatten F122, 10x Schnellbooten S143 sowie 10x Minenabwehreinheiten (28 Einheiten) steht der Zuwachs von 4x Fregatten F125 sowie 6x Mehrzweckkampfschiff 180 (10 Einheiten) gegenüber.

In den aktuellen und in der Zukunft zu erwartenden Einsätzen gilt es vor allem Patroullien- und Sicherungsaufgaben zu übernehmen. Es ist fraglich, ob die Zahl der Plattformen der Deutschen Marine zukünftig ausreicht diese Aufgaben zu übernehmen, und zwar unabhängig davon ob sie dank Mehrbesatzungskonzept länger im Einsatz stehen können.

Ein Kompromiss könnte sein, die geplante Außerdienststellung bei einer handvoll Einheiten der Klasse 122 zu verzögern und diese für das Mehrbesatzungskonzept anzupassen. Dies könnte sowohl die Einsatzfähigkeit der Marine gewährleisten, Einsatzbelastung der Besatzungen in Grenzen zu halten und die daraus resultierende Wirtschaftlichkeit zu wahren. Dies könnte als Übergangslösung fungieren, bis die Marine planerisch und haushalterisch genügend Luft hat dem Abhilfe zu schaffen.

Bei den U.S. Marines gilt der Spruch Every Marine is a rifleman um deutlich zu machen, dass es jenseits der Spezialisierung einen Grundanspruch an militräischen Selbstverständnis und Fähigkeiten gibt. Kriegsschiffe sind für das intensive Gefecht im Ernstfall ausgelegt, Patroullien- und Sicherungsaufgaben sind zu Friedenszeiten Nebenaufgaben – aber jedes Kriegsschiff sollte dazu in der Lage sein: Every ship is a patroler!

Ein Gedanke zu „Bundesrechnungshof kritisiert Mehrbesatzungskonzept der Marine

  1. In das Thema „Mehrbesatzungskonzept Deutsche Marine“ muss genauer hineingeschaut werden, als es der BRH tat, um es zu verstehen. Es steht für alle Formen von Besatzungskonzepten, in denen die Bindung von Plattform und Bediener aufgehoben worden ist. Je nach dem, ob ein fester Multiplikator für eine Besatzung pro Schiff genutzt wird, beispielsweise die zwei für die Fregatte 125, oder kein fester Multiplikator, wie für das Waffensystem U212A, ist der Zweck des Konzepts unterschiedlich. Für die organisatorische Neuausrichtung der Marine bis 2016 wird aus dem Werkzeugkasten Mehrbesatzungskonzept das herausgeholt, was der BRH empfiehlt. Dies war schon geplant, bevor er anfing sich mit dem Thema zu beschäftigen.

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