Ganzheitliche Sicherheit – über die Verwundbarkeit nationaler Logistikketten

„Impulse zum Diskurs über eine nationale Sicherheitsstrategie hat Ulrich Grillo, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), auf der Vorfeldveranstaltung zur Münchner Sicherheitskonferenz gegeben ‚Sicherheitspolitische Herausforderungen für das Industrieland Deutschland“:

Weil sich Umstände verändern, muss jede Gesellschaft, jede Generation immer aufs Neue nach den richtigen Antworten suchen. Denn wir leben heute in einer globalisierten Welt. Sicherheit muss anders gedacht werden, als noch vor 60 Jahren. Keine Frage, Deutschland ist weltweit einer der Hauptprofiteure der Globalisierung. Der Export von Gütern und Dienstleistungen macht zum Beispiel beinahe die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts aus.

In unserem Land hängen die Arbeit und der Wohlstand von 9 Millionen Menschen vom Außenhandel ab. Das ist fast jeder vierte Arbeitsplatz. Qualität „Made in Germany“ steht auf der ganzen Welt in hohem Ansehen: Und diese Entwicklung ist nicht rückläufig. Ganz im Gegenteil, wir erwarten für 2013 ein Exportwachstum von drei Prozent.

Internationale Wertschöpfungsketten und Infrastrukturen bieten aber auch Möglichkeiten für Angriffe und Störungen. Die Sicherheitsherausforderungen für unsere globalisierten Informationsgesellschaften sind sehr viel komplexer geworden.

Zeitgemäße Sicherheitsarchitektur

Deshalb ist die zeitgemäße Gestaltung der Sicherheitsarchitektur – in all ihren Facetten! – für den BDI von größter Wichtigkeit. Als Stimme der deutschen Industrie sprechen wir sowohl für Anbieter, als auch für Nutzer von Sicherheitstechnologien, die für die Handlungsfähigkeit eines Staates – unseres Staates – unerlässlich sind. Um dem Bedürfnis der Industrie nach Sicherheit und ihrem Beitrag dazu ausreichend gerecht zu werden, hat sich der BDI in diesem Bereich neu aufgestellt. Ende 2012 wurde der Ausschuss für Sicherheit [griephan 48/12] gegründet.

Dieses Gremium setzt sich branchenübergreifend dafür ein, die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen so auszugestalten, dass die Industrie einerseits ihre Innovationsfähigkeit und Wertschöpfung in Deutschland sicher und geschützt ausbauen kann und andererseits in der Lage ist, auch künftig leistungsfähige Sicherheitstechnologie zu entwickeln und herzustellen.

Im Sinne aller Beteiligten bieten wir mit diesem Ausschuss eine industrieübergreifende Plattform zum Dialog: Mit der Politik, der Wissenschaft und allen relevanten sicherheitspolitischen Akteuren – aber auch mit interessierten gesellschaftlichen Gruppen auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene.

Im April 2012 hat die Wirtschaft die RA Rohstoffallianz gegründet. Diese privatwirtschaftliche Initiative von Unternehmen aus verschiedenen Industriezweigen – der Kupfer- und Stahlherstellung, der Automobilzuliefer- und der Chemieindustrie – hat die Sicherung der Rohstoffversorgung der deutschen Industrie zum Ziel. Ohne Rohstoffe funktioniert unsere Industrie nicht in der gewohnten Wertschöpfungstiefe. Die Themen „Sicherheit“ und „Rohstoffe“ sind im Miteinander verwoben. Im BDI laufen deshalb die Fäden für die Themen Sicherheit und Rohstoffe seit neuestem in einer einzigen Abteilung zusammen.

Worum geht es im Einzelnen:

– Unsere internationalen Wertschöpfungs- und Logistikketten müssen sehr viel besser geschützt werden.
– Unsere Informations- und Kommunikationsstrukturen müssen angesichts einer rasant steigenden Cyberkriminalität sicherer werden.
– Der Wirtschaftsschutz muss gemeinsam zukunftsfähig ausgestaltet werden.
– Und schließlich gilt es zu klären, welche Rolle künftig der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie in unserer nationalen Sicherheitsarchitektur zukommen soll.

Logistik & Cyber

Zum Beispiel bei den Logistikketten. Vier Fünftel des Welthandels und weit mehr als die Hälfte des deutschen Güterverkehrs sind auf sichere maritime Handelswege angewiesen. Diese Routen sind die logistischen Pulsadern unserer Weltwirtschaft. Und diese Pulsadern dürfen nicht durchtrennt werden.

Und was für den Güterverkehr gilt, gilt auch für den Datenverkehr. Es gibt heute keine Infrastruktur mehr, keinen Prozess in Wirtschaft und Politik, der ohne IT-Systeme funktioniert. Die digitale Vernetzung bildet das Rückgrat unserer modernen Informationsgesellschaft.

Sicherheit im Wandel

Die internationalen Anforderungen an unsere Sicherheitspolitik unterliegen derzeit einem Wandel. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, auf welche Rahmenbedingungen auf internationaler, europäischer und nationaler Ebene sich die deutsche Sicherheits- und Verteidigungsindustrie künftig einstellen muss. Welche strategische Rolle kommt ihr dabei zu? Ist sie eine nationale Schlüsselindustrie und somit unverzichtbarer Teil der deutschen Sicherheitspolitik? Ich denke ja.

Andere Staaten, wie die Vereinigten Staaten, Frankreich und Großbritannien haben diese Frage längst bejaht. Nationale Sicherheitsstrategien waren das Resultat. Diese Strategien berücksichtigen in einem ganzheitlichen Ansatz die Rolle der Industrie für die nationale Sicherheitspolitik. In Deutschland müssen wir uns dieser Diskussion noch stellen. Und sie wird durch alle berechtigten Emotionen bei diesem Thema sicherlich nicht einfach werden.“
Erschienen in griephan Briefe, Ausgabe 08/13.

Ein Gedanke zu „Ganzheitliche Sicherheit – über die Verwundbarkeit nationaler Logistikketten

  1. Spät kommt sie, aber sie kommt: die Forderung nach einer nationalen Sicherheitsstrategie auch aus der Wirtschaft und dem BDI. Nur: hat sich dieses berechtigte Denken auch schon bei dem für die Wirtschaft als Ansprechpartner wichtigsten Ministerium, dem BMWi, schon rumgesprochen?
    Dort gibt es ja erst seit 2009 eine ministerielle Weisung, die eine Beschäftigung mit sicherheitspolitschen Fragestellungen auf der Arbeitsebene erlaubt. Allerdings sitzt auf der Abteilungsleiterebene noch überwiegend das Denken aus grauer Vorzeit. Bei eigenen Recherchen zum Thema maritime Gewalt in 2012 war das sicherheitspoltische Denken im Kontext eines möglichen Schutzes der Logistikketten auf See auf jeden Fall noch nicht weitgediehen.
    Aber vielleicht schafft ja der BDI, was ressortdenken bisher in unserem Land verhindert hat: ein ressortübergreifendes Denken. Man nennt dies neudeutsch den umdassenden sicherheitspolitischen Ansatz.
    Man braucht auchnicht auf die USA, Großbritannien oder Frankreich zu verweisen, wo derartiges Denken in nationalen Sicherheitsstrategien unstreitig ist. Nein, man braucht nur auf das kleine föderale Österrreich zu schauen. Dort hat man eine nationale Sicherheitsstrategie innerhalb kurzer Zeit formuliert und im Parlament verabschiedet.
    Man kann daher dem derzeitigen Versuch der CDU/CSU-Fraktion zur Formulierung und Verabschiedung einer nationalen Sicherheitsstrategie nur die Daumen drücken. Vielleicht bekommt Vernunft ja doch eine Chance vor Ressortegoismen.

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