„Nicht konventionelles Öl und Gas – Folgen für das globale Machtgefüge“

Die Diskussion über die Förderung von Schiefergas als „unkonventionelles“ Erdgas ist in vollem Gange. Durch die sogenannte Fracking-Methode können heute Erdgasablagerungen in Tonsteinformationen angezapft werden, die zunächst für konventionelle Bohrmethoden unerreichbar schienen. Länder wie Deutschland oder Polen könnten effizient einen wesentlichen Anteil ihrer Energie zur Deckung des Eigenbedarfs aus dem heimischen Boden gewinnen; dies würde sowohl die ökonimische als auch politische Abhängigkeit von anderen Energieliferanten reduzieren. In Deutschland wird die öffentliche Diskussion über Schiefergas zunächst nur aus dem Blickwinkel der Energiewende, also umweltpoilitisch, betrachtet. Dabei wird der heimische Abbau von Schiefergas, alleine durch die USA, potentiell massive globale, und in Folge auch lokale, geopolitische Veränderungen mit sich bringen. Dr. Kirsten Westphal von der Stiftung Wissenschaft und Politik SWP erläutert mögliche Folgen in ihrer SWP-Publikation „Nicht konventionelles Öl und Gas – Folgen für das globale Machtgefüge“:

Geopolitische Implikationen
In den USA wird das Narrativ, man sei auf dem Weg zum Selbstversorger, zunehmend die Außen- und Sicherheitspolitik beeinflussen. Letztlich ist aber schwer vorstellbar, dass die USA mit der Carter-Doktrin brechen und sich vom Persischen Golf zurück ziehen werden – um dann abzuwarten, ob und wie China, Indien oder Russland das Vakuum füllen. Die enge Partnerschaft mit Israel und die Sorge um die regionale Stabilität werden die USA auch über aktuelle Krisen hinaus am Golf binden. Außerdem ist das Öl aus dieser Region entscheidend für die Preissetzung auf den Märkten, und die Ölpreise werden in US-Dollar beziffert. Dennoch: Amerikas außen- und sicherheits-politischer Handlungsspielraum wächst, wenn die Abhängigkeit von der OPEC und dem arabischen Raum sinkt. Auch ökonomisch profitieren die USA vom Abbau der Ungleichgewichte: Ihr Haushaltsdefizit wird durch die eintretende Verbesserung der Handelsbilanz sukzessive entlastet, während China mehr Mittel für den Energiebezug aufwenden muss. Künftig wird es Washington leichter fallen, Importsanktionen gegen energiereiche Länder der Region zu fordern. In jedem Fall ist zu erwarten, dass die USA mehr Verantwortung und Einsatz ihrer Partner in Europa und im pazifischen Raum verlangen werden.

Die Entwicklungen in der Energiewelt verstärken geopolitische Prozesse, die bereits im Gange sind. Das gilt vor allem für die Verlagerung des strategischen und ökonomischen Interesses der USA in den pazifischen Raum. Die Straße von Hormus und die Straße von Malakka sind als Transportrouten sowohl für China als auch für Japan und Südkorea – enge Partner Amerikas – von fundamentaler Bedeutung. Ebenso wie die USA baut China seine militärischen Kapazitäten in der Region aus. Das Dilemma ist beidseitig – China ist ebenso wie Japan und Südkorea auf freie Passagen angewiesen, doch die Angst vor einer Blockade dieser vitalen Seewege sitzt bei allen Beteiligten tief.

Europa muss sich viel stärker als bisher darauf einstellen, dass sich Energieströme aus dem atlantischen Becken in den pazifischen Raum verschieben. Wenn es um verfügbare Mengen und Preissetzung geht, »begegnet« Europa China verstärkt und direkt im kaspischen und zentralasiatischen Raum, aber auch in Russland. Europa sollte auf die regionale Kontraktion seiner Energie-Handelsbeziehungen und eine Verknappung der Mengen vorbereitet sein, auch wenn dies nicht zwangsläufig eintreten muss. Schließlich könnte Europa gezwungen sein, seine Energieversorgung in der weiteren Region zu organisieren und zu sichern – gestützt auf Nord und Westafrika, den mediterranen Raum mit seinen neuen Gasvorkommen, das kaspische Gebiet sowie Russland und Norwegen. Vor diesem Hintergrund ist es ein Problem, dass die russisch-europäischen Beziehungen einem Kräftemessen gleichen, bei dem sich beide auf der Verliererseite wähnen. Das ist eine Hypothek, die anwächst; das Gleiche gilt für die Tatsache, dass die Energiegemeinschaft mit Nordafrika bisher kaum Fortschritte gebracht hat.

Zu einem Zeitpunkt, da die EU ihre Kräfte im globalen Markt bündeln müsste, verstärkt sich die Fragmentierung in Europa. Es  ist keineswegs ausgemacht, dass die Integration des Binnenmarktes weiter fortschreitet. Auf den Öl- und Gasmärkten der neuen Energiewelt wird Europa von einer Position aus agieren, die durchschwindende relative Marktanteile geprägt ist. Die Nachfrage in Europa stagniert, der Importbedarf steigt infolge sinkender Eigenproduktion eher marginal. Die bislang nicht gelösten Fragen um den künftigen Energiemix und das klima- und energiepo litische Zielpaket für 2020 und danach machen die Nachfragesituation noch unsicherer. Den aufstrebenden Märkten gegenüber verliert Europa so an Attraktivität. Der Raffineriesektor liefert ein anschauliches Beispiel dafür, wie Verarbeitungskapazitäten nach Asien abwandern. Damit gehen nicht nur Gewinn margen und Arbeitsplätze, sondern auch Handlungsspielräume verloren, da weite Teile der Versorgungskettebaldaußerhalb eigener Jurisdiktion liegen.
Dr. Kirsten Westphal: Nichtkonventionelles Öl und Gas – Folgen für das globale Machtgefüge. SWP-Aktuell 2013/A 16, Februar 2013.

Wie gesagt, in Deutschland wird die Diskussion über Schiefergas und Fracking (natürlich!) nicht geopolitisch, sondern umweltpolitisch geführt:
(Bundesumweltminister) Altmaier gab dem Fracking am Dienstag kaum eine Chance in Deutschland. Er sehe nirgendwo in Deutschland auf absehbare Zeit die Möglichkeit, dass Fracking stattfinde, sagte der CDU-Politiker. FDP-Chef Rösler unterstrich dagegen: „Fracking bietet erhebliche Chancen.“ Jedoch müssten die Umweltfolgen im Auge behalten werden. „Die Industrie hat angekündigt, umweltfreundliche Methoden zu entwickeln.“ Diese müssten zunächst abgewartet werden.
manager magazin online: Schwarz-Gelb macht Weg für Fracking frei, 26. Februar 2013.
Tatsächlich spielt es keine Rolle, ob Deutschland mitmacht oder nicht, denn in den USA, dem global zweitgrößten Energieverbraucher nach China, sind die Würfel längst zugunsten des Frackings gefallen. Wenn sich die globale Energie-Balance ändert, hat das natürlich Auswirkungen auf die sicherheitspolitische Architektur in der Welt, in Europa und somit in Deutschland! Diese Entwicklung wird mit Sicherheit – neben Anderen – auch strukturbestimmend für die Bundeswehr sein. Durch die Zuwendung der Amerikaner hin zum Pazifik entsteht bereits eine Lücke in Europa und Atlantik. Diese Lücke wird durch die Relativierung des Mittleren Osten als Energielieferant für die Welt in Folge der Schiefergasrevolution noch verstärkt.
Auch der Abbau einheimischer Schiefergasvorkommen wird natürlich zu keiner vollständigen Unabhängigkeit von ausländischen Energielieferungen führen. Laut Bundesregierung werden in Deutschland die Schiefergasvorkommen auf bis zu 2,3 Billionen Kubikmeter geschätzt, der jährliche Gasverbrauch liegt bei etwa 86 Milliarden Kubikmeter.
Was bleibt? Die Bedeutung des Maritimen und das Wissen um seine Räume! Die Ströme von Menschen, Energie, Waren, und Ideen ändern sich, aber sie verschwinden nicht…

2 Gedanken zu „„Nicht konventionelles Öl und Gas – Folgen für das globale Machtgefüge“

  1. Wenn es einen strategischen „game changer“ – neben dem Klimawandel/Arktis – gibt, dann ist es das strategische Kalkül der Rohstoffversorgung. Roland Berger School of Strategy and Economics (München) hat drei Mega game changer ausgemacht: Klimawandel, Rohstoffe und Demographie. Mal sehen, wie lange die politische Klasse in Deutschland braucht, diesen Wandel zu verstehen und in konkrete Politik zu verwandeln.

    • Verstehen: vielleicht!
      In konkrete Politik verwandeln: I had a dream….
      Einfach so ein Blick in die verteidigungspoltischen Richtlinien vom Mai 2011:
      Dort heißt es ua.: Zu den deutschen Sicherheitsinteressen gehören
      – außen- und sicherheitspolitische Positionen nachhaltig und glaubwürdig zu vertreten und einzulösen;
      – einen freien und ungehinderten Welthandel sowie den freien Zugang zur Hohen See und zu natürlichen Ressourcen zu ermöglichen.
      Zur Erinnerung: am 31.05.2010 trat wegen Letzterem Bundespräsident Köhler zurück.
      So lange wir umweltpolitisch argumentieren und damit leben, dass rund um unser Land Atomkraftwerke weiter betrieben werden, werden wir auch fracking verteufeln. Oder stoppt die vermutete Grundwasserbelastung an unseren Grenzen?

Ihre Meinung zählt!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s