Mut zur Lücke – Deutscher Schiffsbau bedient verstärkt Nischensegmente

Am 11. November veröffentlichte die Tageszeitung Die Welt in ihrem Hamburger Lokalteil ein Interview mit Herbert Aly, Geschäftsführer der traditionsreichen Werft Blohm+Voss. Einige Passagen sind uns aufgefallen, da sie die veränderten Bedingungen für den deutschen Schiffsbau allgemein unterstreichen:

Anfang 2012 verkaufte der Konzern ThyssenKrupp die Hamburger Traditionswerft Blohm+Voss an den britischen Finanzinvestor Star Capital Partners. Dann wurde es still um das Unternehmen, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts das wichtigste Zentrum des weltweiten Schiffbaus war. Die Geschäftsführung um den langjährigen Blohm+Voss-Manager Herbert Aly, 55, positioniert die Werft nun mit anspruchsvollen Umbauprojekten und mit neuen Ideen für Superyachten am hart umkämpften internationalen Markt.
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Die Welt: Von außen betrachtet, ist das Geschäft von Blohm+Voss nur schwer zu verstehen. Sowohl der Marineschiff- wie auch der Yachtbau laufen hoch geheim ab. Erklären Sie uns, wie die Werft heutzutage funktioniert?

Aly: Die Realisierung von großen, komplexen Umbau-Projekten hat für uns in jüngerer Zeit an Bedeutung zugenommen. Die „EnQuest Producer“ – quasi eine schwimmende Raffinerie und schwimmender Zwischenspeicher, die auf Ölfeldern in der Nordsee eingesetzt wird – wurde bei uns für die nächste 15-jährige Einsatzperiode im Rahmen einer ,Life-Time-Extension‘ grundlegend modernisiert. Sie hat das Bild der Werft zur Stadt hin mehr als ein Jahr lang geprägt. Es gibt rund 30 solche und ähnliche Schiffe allein in der Nordsee. Das ist für uns ein wichtiges Geschäftsfeld.

Die Welt: Welche Rolle spielen Kreuzfahrtschiffe für Blohm+Voss, die regelmäßig auf der Werft eindocken, unter anderem die „Queen Mary 2“?

Aly: Hamburg will sein Kreuzfahrtgeschäft deutlich ausweiten und ein drittes Terminal dafür bauen. Vor einigen Wochen hat die Reederei Aida Cruises angekündigt, von 2015 an wöchentlich und ganzjährig ab Hamburg zu fahren. Immer mehr Kreuzfahrtschiffen auf der Elbe sind für uns eine sehr gute Entwicklung. All diese Schiffe müssen regelmäßig überholt werden und eine neue Klasse – den ,Schiffs-TÜV‘ – bekommen. Wir haben die Anlagen und die Kompetenz dafür.

Die Welt: Wie schärft Blohm+Voss sein Profil in einer Zeit immer härterer Konkurrenz im internationalen Schiffbau?

Aly: Für uns sind drei Segmente wichtig: Schiffe für die Offshore-Öl-und-Gas-Industrie, Kreuzfahrtschiffe und Yachten. Bei den drei Segmenten handelt es sich um Marktnischen, in denen die Kunden die Qualität eines ,Made in Germany‘ – Problemlösungskompetenz, Ausführungsqualität und Pünktlichkeit – honorieren. Dabei versuchen wir, zwischen den Geschäftsbereichen Neubau und Reparatur so flexibel wie möglich zu agieren, um die anstehenden Aufträge zeitgerecht und mit höchster Qualität zu erfüllen. Termintreue und Topqualität, das sind seit jeher die Stärken von Blohm+Voss. […]
„2014 wird für Blohm+Voss ein entscheidendes Jahr“, Die Welt 11. November 2013

Wir halten fest: Die Produktion klassischen Schiffraumes spielt für Blohm+Voss praktisch keine Rolle mehr, dieser Markt wird von Südostasien – und hier besonders Südkorea – schneller und billiger bedient. Deutsche Werften hingegen setzen vermehrt auf Nischen und Spezialisierung – individuelle Lösungen für die maritime Industrie und Seestreitkräfte setzen hochtechnologisches Know-How und klassische Tugenden, die auch im internationalen Schiffsbaumarkt von „Made in Germany“ erwartet werden, voraus.

Im Prinzip folgt der deutsche Schiffsbau damit einer grundsätzlichen globalen Entwicklung der letzten Jahre – die Massenproduktion der Welt hat sich nach Asien verlagert, während die westlichen Länder hauptsächlich ihr hochpreisiges Premiumsegment erhalten können. Desweiteren hat das Segment der Überholung, Reparatur und Qualifizierung an Bedeutung zugenommen – wenn man schon die Schiffe nicht mehr selbst baut wird wenigstens bei der Betreuung der anderen Schiffe mitverdient.Ob sich diese Ausrichtung für den deutschen Schiffsbau lohnt, wird sich laut Herbert Aly für Blohm+Voss bereits 2014 entscheiden.

Ein Gedanke zu „Mut zur Lücke – Deutscher Schiffsbau bedient verstärkt Nischensegmente

  1. Die Erkenntnis, dass das Hochpreis-Land Deutschland nur noch in technisch komplexen Marktnischen erfolgreich unterwegs sein kann, ist bei vielen, auch an der Küste, noch nicht angekommen. Denken in Tonnage ist von gestern! Dies gilt im Übrigen auch für den Marineschiffbau. Die deutsche Nische liegt eindeutig unter Wasser, meint Fleet

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