Maritime Literatur – Lese-Empfehlungen über maritime Sicherheit

Im Rahmen unseres ständigen Projektes auf interessante maritime Literatur hin zu weisen, hat uns folgender Beitrag von einem unserer Leser erreicht: Heinz Dieter Jopp stellt uns „Anti-Access Warfare. Countering A2/AD Strategies“, von Sam J. Tangredi, sowie „Asian Maritime Strategies. Navigating Troubled Waters“, von Bernard D. Cole, vor:

Maritime Strategien: Quo vadis Europa?

Zwei Bücher als Handreichung zu einer öffentlich in Europa kaum wahrnehmbaren, aber erforderlichen Diskussion

Das in einer globalisierten Welt zunehmend geforderte  und erforderliche Denken in maritimen und globalen Räumen müßte in der Folge geopolitische, geostrategische, geoökonomische, geoökologische wie maritim strategische Überlegungen nach sich ziehen. Nur so läßt sich analysieren, welche nationalen wie internationalen Anstrengungen im maritimen Bereich für eine erfolgversprechende Strategie im Umgang mit sicherheitspolitischen Herausforderungen und Risiken notwendig sind. Die EU will sich grundsätzlich dieser Aufgabe stellen und wird in den nächsten Tagen den förmlichen Auftrag zur Erstellung einer maritimen Strategie bis zum Frühjahr 2014 erteilen. Für Deutschland wie Europa gilt es dann, die Frage zu beantworten, in welchen Bereichen deutsche wie europäische Interessen gefährdet sind oder gefährdet werden können, und wie man diesen mit politischen, gesellschaftlichen, umweltpolitischen, wirtschaftlichen und – wo erforderlich –militärischen Maßnahmen begegnen will (Level of ambition).

Strategische Überlegungen für das 21. Jahrhundert sollten grundsätzliche maritime strategische Überlegungen der Geschichte mitberücksichtigen, aber diese nicht linear in das neue Jahrhundert fortschreiben. Dies gilt für Mahan, Corbett, Castex, Aube, Richardson, Wegener und in neuerer Zeit Colin S. Gray und Geoffrey Till, wobei Letzterer in seinem Buch „Seapower. A Guide for the Twenty-First Century“ durchaus schon in die neue Richtung in einer globalisierten Welt zeigt, bei der das Thema maritime Sicherheit mehr als die Sicherheit vor (vorwiegend) militärischen Bedrohungen bedeutet. 

Zu dieser notwendigen Diskussion sind zeitgerecht beim Verlag des US Naval Institutes (USNI Press) in 2013 zwei interessante Bücher erschienen. Sam J. Tangredi geht in seinem Buch „Anti-Access Warfare. Countering A2/AD Strategies“ der seit geraumer Zeit in den Think Tanks der USA und dem Pentagon diskutierten Fragen nach, wie man auf erkennbare Strategien der VR China und des Iran zur Verwehrung der Nutzung von Seegebieten durch die US Navy und ihre Verbündeten begegnen soll. Tangredi wählte hierbei einen Ansatz, der bisher in den vielen erschienen Papieren kaum Berücksichtigung gefunden hatte: er vertiefte sich in die Geschichte und an dortige Erfahrungen zu Strategien der Verwehrung der Nutzung der See des strategisch Unterlegenen gegenüber dem Überlegenen. Als Beispiele nahm er unter anderen den Krieg des Perserkönigs Xerxes gegen die griechischen Stadtstaaten und deren Sieg durch die Seesschlacht von Salamis und folgende Zerstörung der Versorgung des persischen Heeres über die Seeverbindungen von Kleinasien nach Griechenland; den Kampf Englands unter Elisabeth I. gegen Spanien und dessen „unbesiegbare“ Armada oder auch den Kampf des osmanischen Reiches im Verlauf des ersten Weltkrieges gegen Großbritannien um den Zugang zu den Dardanellen und dem Schwarzen Meer.

Hieraus entwwickelte Tangredi fünf grundsätzliche Elemente, an denen auch heutige Strategien in ihren Aussichten auf Erfolg ausgerichtet werden sollten: die Wahrnehmung der strategischen Überlegenheit der angreifenden Streitkräfte, die Vorrangstellung der Geographie, die Vormachtstellung des maritimen Raumes, die kritische Bedeutung von Informationen und Aufklärung (Nachrichtengewinnung) sowie der entscheidende Einfluss von äußeren Ereignissen. Damit bezieht Tangredi eindeutig Position gegen das in den USA weitverbreitete Denken in die Überlegenheit von neuen Technologien und Waffenwirkungen, wenn diese das gesellschaftliche wie politische Umfeld in der jeweiligen Region nicht mit in ihre strategischen Überlegungen einbeziehen.

Das zweite Buch stammt von Bernard D. Cole, dem Verfasser von „The Great Wall at Sea. China´s Navy in the Twenty-First Century“, mit dem Titel „ Asian Maritime Strategies. Navigating Troubled Waters”. Cole erweitert den Betrachtungshorizont über den bisher üblichen Blick auf den west-pazifischen Raum auf den Bereich des Indischen Ozeans und untersucht die Reaktionen der Anrainer des Indo-Pazifik auf die wachsenden Risiken und Herausforderungen im sicherheitspolitischen Umfeld. Deren seit Jahren anhaltenden militärischen Aufrüstungsbemühungen mit Schwerpunkt im maritimen Bereich und Suchen nach dem Bündnispartner USA finden zur Zeit ihre Bestätigung im Verhalten der VR China und Japans im ostchinesischen Meer. Bei den streitigen Punkten geht es um die ungehinderte Nutzung der Hohen See, um nationale Ausbeutung  von Ressourcen im Meer und auf dem Meeresboden, um Ausübung regionaler Macht und Ausdehnung eigener Einflusssphären. Alle diese Problemstellungen fasst Cole in seinem Abschlußkapitel äußerst schlüssig zusammen und  erläutert die erkennbaren Felder der möglichen Zusammenarbeit einzelner Anrainerstaaten, aber auch politischer Strukturen wie ASEAN und schließt mit einem kurzen Ausblick auf das künftige Verhältnis der USA und der VR China. Aus seiner Sicht kann der derzeit beginnende Rüstungswettlauf in der Region des Indo-Pazifik durch Kooperation aller Staaten in der Region noch verhindert werden. Dies setzt aber die Bereitschaft zu politischen und ökonomischen Kompromissen der handelnden Akteure voraus.

Hier schließt sich der Kreis zu den Überlegungen der Kommission der EU über eine europäische maritime Strategie, die in dieser ja eigene Erfahrungen aus dem Ende des Ost-West Gegensatzes über Vertrauensbildung, Rüstungskontrolle und Abrüstung einfließen lassen kann in die Notwendigkeit einer Strategie, die für Problemlösungen mehr auf politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Maßnahmen im Rahmen von smart power setzt, ohne hierbei die Notwendigkeit von militärischen Mitteln auszuschließen sondern diese geschickt in eine Strategie miteinbezieht.

Heinz Dieter Jopp, Barmstedt im Dezember 2013.

4 Gedanken zu „Maritime Literatur – Lese-Empfehlungen über maritime Sicherheit

  1. Nur zur Klarsteellung für die geneigten Leser: Ich wollte das Buch „Asian maritime Strategies“ von Bernard D. Cole vorstellen. Cole ist einigen Lesern ja bekannt als Autor von „The Great Wall at Sea“. Aber auch dieses Buch ist eine Empfehlung wert.

  2. Es ist zu begrüßen, wenn dieser Blog durch Buchempfehlungen bereichert wird. Ich habe gerade das neue Werk von Herfried Münkler: „Der Lange Krieg. Die Welt 1914-1918“ beendet. Sein Beitrag zur kaiserlichen Marine, die Überlegungen zu einer „Risikoflotte“ und die Marine im Ersten Weltkrieg lohnt.

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