Skagerrak: Das Rütteln der Deutschen an der Kerkertür

Wir sind von der „Blog-Reederei“ aufgefordert worden, das Kapitel zur Kaiserlichen Marine in dem jüngst erschienenen Buch von Professor Herfried Münkler „Der Grosse Krieg. Die Welt 1914 – 1918“ kurz vorzustellen. Bei dem „Grossen Krieg“ handelt es sich um ein Opus von 797 Textseiten plus Anhang. Naturgemäß liegen die Schwerpunkte auf der Westfront, dem Krieg gegen das zaristische Russland und dem Krieg der Donaumonarchie. Münkler, der an der Humboldt-Universität in Berlin lehrt, befasst sich mit den maritimen Aspekten unter der Kapitelüberschrift „Ausweitung des Kampfes“. Die folgenden Auszüge kommen aus den Zwischenkapiteln „Risikoflotto und <Fleet in being>“, „Die deutsche Kriegsmarine in der Defensive“, „<Das Rütteln der Deutschen an der Kerkertür>: Skagerrak“ und „Der eingeschränkte und der uneingeschränkte U-Boot-Krieg“.

Die Anfänge der kaiserlichen Marine-Rüstung in den 1880er Jahren waren auf das sich abzeichnende Bündnis zwischen Frankreich und Russland – und nicht auf Großbritannien – gerichtet. Man war davon ausgegangen, dass die französische Flotte die deutschen Nordseehäfen blockieren oder angreifen und Russland nach der Seeherrschaft im baltischen Meer streben würde, um dann an der langen deutschen Ostseeküste amphibisch anzugreifen. Geostrategisch befand sich das Deutsche Reich bei einem solchen Szenario in einer hervorragenden Ausgangsposition: Die deutsche Flotte musste lediglich die Vereinigung der französischen und der russischen Flotte verhindern.

Bekanntlich änderte sich die strategische Ausrichtung der kaiserlichen Marine mit der Berufung Alfred von Tirpitz’ zum Reichsmarinestaatssekretär im September 1897. Für ihn waren die Seestreitkräfte kein Unterstützungsinstrument des Heeres sondern sollten den rasant wachsenden deutschen Welthandel schützen und den Anspruch der Deutschen auf Teilhabe an der Weltmacht unterstreichen, und das hieß, dass sie sich mit der englischen Flotte zu messen hatte.

Eine Konstante deutsche Marinepolitik war jedoch bis in den Zweiten Weltkrieg der Umstand dass es keine ausreichend starke Flotte gab, um eine entscheidende Auseinandersetzung mit den Briten zur See zu wagen. Münkler arbeitet Tirpitz’ Konzept der „Risikoflotte“ sauber heraus, die der Flottennovelle von 1900 zugrunde lag: Eine starke deutsche Flotte strebt nicht nach Parität mit der Royal Navy, birgt aber das Risiko einer Schwächung der, global agierenden, britischen Seestreitkräfte. Aus all diesen Überlegungen lässt sich ablesen, dass Tirpitz der deutschen Flotte einen in erster Linie abschreckenden Charakter zugedacht hatte.

Allerdings lag hier eine Fehleinschätzung auf deutscher Seite vor:
Den Briten fehlte ohnehin das Verständnis für die Abschreckungsfunktion der deutschen Flotte, weil sie ihre eigenen Seestreitkräfte keineswegs nur als politisches, sondern auch als militärisches Instrument ansahen, mit dem sie Krieg nicht nur verhindern, sondern auch führen wollten. Diese fundamentale Asymmetrie in der Aufgabenbestimmung beider Flotten resultierte aus der unterschiedlichen geostrategischen Lage Deutschlands und Großbritanniens.   Die britische Politik war zwar zu weitreichenden Konzessionen gegen US-Amerikanern und Japanern, schließlich auch gegenüber Franzosen und Russen bereit, nicht aber gegenüber den Deutschen – schließlich glaubte man in England, diese würden das Mutterland des Empire selbst bedrohen.

Münkler stellt die Frage, wie sich Tirpitz die Auseinandersetzung mit den Briten, die er eigentlich vermeiden wollte und die für London eine selbstverständliche Option darstellte – führen wollte. Die geostrategische Lage der Kontrahenten führte somit dazu, dass die Deutschen offensiv werden und ein hohes Risiko eingehen mussten, um mit ihrer Flotte etwas zu bewirken, während sich die Briten mit der Aufrechterhaltung des Status quo begnügen konnten.   So ergab sich bei Kriegsbeginn eine Konstellation, bei der weder die Briten noch die Deutschen ein großes Interesse an einem direkten Zusammenstoß beider Flotten hatten.

Der Skagerrak-Schlacht widmet Münkler ein eigenes Zwischenkapitel. Für den weiteren Verlauf des Krieges hatte diese Seeschlacht keine Bedeutung: Sie mochte einen taktischen Erfolg der Deutschen darstellen, änderte aber nichts an den Konstellationen in der Nordsee. Eine New Yorker Zeitung hat wenige Tage später das Ergebnis dieses Gefechts ebenso prägnant wie zutreffend zusammengefasst: „Die deutsche Flotte hat ihren Kerkermeister angegriffen, aber sie ist immer noch im Kerker.“

Zu Recht weist der Verfasser darauf hin, dass zu Kriegsbeginn kaum jemand ahnen konnte, welche Rolle den Unterseebooten (besser Tauchbooten) zukommen würde.

Es gehört zur Ironie der Weltkriegsgeschichte, dass gerade die Deutschen, die zu Lande wie zu Wasser alles auf die große Entscheidungsschlacht gesetzt hatten, von 1916 an vom Handelskrieg und einer Strategie der wirtschaftlichen Ermattung der Briten durch den U-Boot-Krieg die entscheidende Wende erwarteten. In der Zwischenzeit kann die Frage, ob der uneingeschränkte U-Boot-Krieg der eigentliche Auslöser für den Kriegseintritt der USA gewesen sei, wissenschaftlich belastbar beantwortet werden: Im Grunde war der uneingeschränkte U-Boot-Krieg „Brandbeschleuniger“; die eigentliche Entscheidung der USA zum Kriegseintritt war der Sorge geschuldet, die massiven Kriegskredite zugunsten Großbritanniens und Frankreichs bei einem deutschen Sieg verlustig zu gehen.

Zum einhundertsten Jahrestag des Ausbruchs des „Grossen Krieges“, der in Deutschland lediglich als Wegbereiter des Zweiten Weltkrieges gesehen wird, ist es Münkler gelungen, ein großes Werk vorzulegen. Leider kann er den Rock des Gelehrten nicht immer zugunsten des Narrativs abstreifen. Eine kürzere Abhandlung unter Verzicht auf politikwissenschaftlichen Exkurs und ohne wissenschaftlichen Apparat hätte Münkler gut zu Gesicht gestanden. Er verweist die These vom deutschen „Griff nach der Weltmacht“ (die Ansicht von Fritz Fischer hält laut Münkler nicht einmal einem Proseminar stand!) auf die wissenschaftliche Müllhalde. Er erklärt, warum das Attentat in Sarajewo höchstens in einem dritten Balkankrieg hätte enden müssen, statt zum europäischen Flächenbrand zu werden. Wenig beeindruckt zeigt sich Münkler von der These der Unausweichlichkeit nach Auslösung der Mobilisierung auf allen Seiten. Wenn man gewollt hätte, hätte der Primat der Politik – auch gegenüber dem Schlieffenplan – gegriffen!
Fleet, im Januar 2014
Der Autor ist der Redaktion bekannt

Ein Gedanke zu „Skagerrak: Das Rütteln der Deutschen an der Kerkertür

  1. Danke für den Literaturhinweis! Das Jahr 2014 wird uns noch kräftig mit dem in Deutschland zu wenig betrachteten Ersten Weltkrieg konfrontieren. Grund genug, frühzeitig ein paar Bücher zu lesen
    meint
    der Segler

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