Das 21. Jahrhundert ist maritim – Teil II einer Aufsatzserie

Es folgt der im DMI-Aufsatzwettbewerb zweitplatzierte Beitrag von dem Autorenteam Oberleutnant zur See M.Sc. Benedict Warkus und Oberleutnant zur See M.A. Kian Kottke:

Das 21. Jahrhundert – Ein maritimes Jahrhundert?
von OLt zS M.A. Kian Kottke und OLt zS M.Sc. Benedict Warkus

Einleitung
Naturgemäß hat die maritime Lobby in Deutschland, u.a. die Marine, Rüstungskonzerne und Unternehmen mit einem Bezug zur Seefahrt, ein starkes Interesse daran, die steigende Relevanz des Maritimen für Wirtschaft, Sicherheit, Wissenschaft und die Gesellschaft an sich herauszustellen. Diesem Ziel hat sich auch das DMI verpflichtet. Vor diesem Hintergrund muss auch die im Titel genannte Frage betrachtet werden. Handelt es sich also lediglich um einen Wunsch, der im Wesentlichen auf Interessenkalkül basiert, oder um eine gerechtfertigte, belegbare Annahme über die zukünftige Entwicklung? Zunächst bedarf es jedoch einer Klärung der Frage, was unter dem relativ vagen Begriff des „maritimen Jahrhunderts“ überhaupt zu verstehen ist. Als Anhaltspunkt soll das Maß gelten, in dem die See an elementarer Bedeutung für die verschiedenen relevanten Lebensbereiche moderner Gesellschaften gewinnt, im Sinne von Möglichkeiten zur Steigerung von Sicherheit, Wissen und wirtschaftlichem Wohlstand, aber auch als Risikofaktor für ebendiese Felder. Zu nennen sind hier u.a. der Seehandel, der zwar im Zuge der Globalisierung zu einer weltweiten, wenngleich ungleichmäßig verteilten Wohlstandsmehrung beigetragen hat, gleichzeitig aber auch als sensible Lebensader der Weltwirtschaft besonders anfällig für Störungen ist; die Nutzung der See als Ressourcenbasis, die ein zunehmend wichtiger Baustein der Weltwirtschaft geworden ist, die jedoch gleichzeitig auch unkalkulierbare umwelt- und sicherheitspolitische Risiken mit sich bringt; auch symmetrische und asymmetrische Konflikte und Instabilitäten in Küstenstaaten weisen vermehrt einen maritimen Bezug auf, den weder die Staaten noch das Völkerrecht (geschweige denn das deutsche Grundgesetz) angemessen antizipiert haben.
Fest steht, dass der „Faktor See“ bereits heute eine nicht zu unterschätzende Bedeutung einnimmt, wenngleich sich dies in Deutschland nicht im politischen und öffentlichen Diskurs widerspiegelt. Auf die Frage, ob und inwiefern die nächsten Jahrzehnte eine deutliche Steigerung der Relevanz des Maritimen für die moderne Gesellschaft mit sich bringen, soll im weiteren Verlauf dieses Essays ein Ausblick gegeben werden. Zunächst sollen dazu insbesondere die wirtschaftlichen Faktoren, anschließend die v.a. sicherheitspolitischen Risikofaktoren betrachtet werden.

Wirtschaftliche Faktoren
Die „Freiheit der Meere“ dürfte das wohl gängigste Schlagwort sein, was die Bedeutung der See für Handel und Wohlstand der letzten Jahrhunderte beschreibt. Durch freie Handelswege taten sich in der Vergangenheit ungeheure Möglichkeiten für Küstenanrainer aber auch Binnenländer auf, welche vom enormen Warenumschlag auf dem Seeweg profitierten. Das Aufzählen von Statistiken würde sich an dieser Stelle anbieten, käme allerdings einer Binsenweisheit gleich und unterbleibt daher. Dass die Weltwirtschaft heute mehr verflochten ist denn je, wird nicht nur durch deutsche Im- und Exportstatistiken belegt, von der massiven Bedeutung freie Seehandelswege ganz zu schweigen. Die Bedrohung freier Seewege hat eine deutliche Beeinträchtigung des wirtschaftlichen Warenverkehrs zur Folge, wie sich insbesondere am Horn von Afrika zeigt, wo nicht nur staatlich geführte Militäroperationen, sondern mittlerweile auch private „Sicherheitsdienste“ das Recht auf freie und friedliche Nutzung der See schützen müssen. Die damit einhergehenden Kostensteigerungen werden sich über kurz oder lang auch auf die hierzulande angebotenen Waren auswirken, die „Freiheit der Meere“ hat folglich ihren Preis, welcher tendenziell steigt.
Diese „Freiheit der Meere“ ist jedoch mittlerweile nur einer von diversen Faktoren, welche die wirtschaftliche Bedeutung der See manifestieren. So ist die See längst nicht mehr nur als „Transportweg“ zu betrachten sondern stellt mehr und mehr ein eigenes Wirtschaftsgut dar. Fischerei, welche zumindest in der EU strengen Regeln unterliegt, führt in anderen Regionen, z.B. vor der westafrikanischen Küste, zu nachhaltigen Schäden und damit zu einer dauerhaften Schädigung der See als Wirtschaftsgut. Ebenfalls verdeutlicht die Katastrophe der „Deep Water Horizon“, welche Risiken mit der Erschließung von unterseeischen Rohstoffvorkommen einhergehen. Die Bedeutung solcher Rohstoffvorkommen ist in den letzten Jahrzenten enorm gestiegen. Manganvorkommen in großen Teilen des Pazifiks spielen dabei ebenso eine Rolle wie die zunehmende Erschließung von Gas- und Ölvorkommen. Durch klimatische Veränderungen ist es heutzutage möglich, zuvor unbeachtete Gebiete in der Arktis und Antarktis zu erschließen und in wenigen Jahren auch vollständig zu nutzen. Hierbei ergibt sich wiederum die Problematik, welche Länder aufgrund welcher Vereinbarungen Zugang zu solchen Vorkommen erlangen – eine Frage, die inzwischen auch militärisches Konfliktpotential aufweist, betrachtet man beispielsweise den Streit zwischen China und Japan um die Senkaku-Inseln. Fakt ist, dass die wirtschaftliche Bedeutung der See bereits jetzt enorm ist und noch weiter steigen wird. Stellt Krieg, sinngemäß nach Clausewitz, die Fortsetzung der Politik mit militärischen Mitteln dar, so sind zweifellos auf lange Sicht wirtschaftliche Faktoren die treibenden Kräfte der Politik. Die See wird damit nicht nur zu einem „Wirtschaftsgut“, von welchem alle partizipieren wollen, sondern zu einem strategischen Faktor im Kalkül der Staaten.

Sicherheitspolitische Faktoren
In wirtschaftlicher Hinsicht ist also ein stetiger Bedeutungszuwachs des Maritimen zu erwarten. In gleichem Maße steigt somit allerdings auch die Anfälligkeit der modernen und globalisierten Gesellschaften für maritime Gefährdungen.
Weltweit scheinen Nationalstaaten die Weltmeere als Ort für Machtprojektion und Machtkämpfe wiederentdeckt zu haben. Die Geopolitik, eigentlich ein Relikt des Kalten Krieges, erfährt eine Renaissance und führt im Indischen Ozean und Westpazifik zu einem maritimen Aufrüsten, in das nicht nur etwa Indien und China, sondern auch zahlreiche weitere Küstenanrainer aus Südostasien und Ozeanien involviert sind. In vielen Fällen stellen bisher ungelöste territoriale Streitigkeiten die Konfliktursache dar. Tatsächlich bedeutend sind allerdings vornehmlich unterseeisch lagernde Rohstoffe, deren Ausbeutungsrechte sich die Staaten mit der Durchsetzung ihrer Gebietsansprüche sichern wollen. Mit dem steigenden Ressourcenhunger der sich entwickelnden Gesellschaften wird auch deren Konfliktbereitschaft zunehmen – und die Sicherheit der Weltmeere somit potentiell schwächen. Auch Brasilien, der größte und einflussreichste Staat Südamerikas, baut seine maritimen Streitkräfte aus, um seine Ansprüche auf die riesigen, der Küste vorgelagerten Rohstoffquellen sowie seine Position als überregionale Macht, die bis in die Karibik und nach Westafrika projektiert, zu unterstreichen.
Neben traditionellen, symmetrischen Konfliktstrukturen stellen seit einigen Jahren vielfältige, schwer einzuschätzende asymmetrische Gefährdungen durch vornehmlich private Akteure ein nicht zu unterschätzendes Unsicherheitspotential sowohl für die Nutzung der See als auch die Bevölkerung an Land dar. So etwa in Form von Piraterie, die sich nicht nur vor Somalia, sondern auch an der westafrikanischen Küste sowie in Südostasien bemerkbar machte, oder auch in Form einer diffusen terroristischen Bedrohung, die sich in kritischer Nähe zu wichtigen maritimen Choke Points des Welthandels (z.B. Bab el Mandeb, Suez Kanal, Straße von Malakka) verorten lässt. Waffenlieferung über die See begünstigen nicht nur die Bedingungen von Proliferation, sondern sind auch in der Lage Konflikte im Landesinneren zu befeuern. Nicht ohne Grund patrouillieren Einheiten verschiedener westlicher Staaten vor der libanesischen Küste. Ebenso hat der Schmuggel von Menschen und vor allem illegalen Rauschmitteln über das Mittelmeer in den letzten Jahren stark zugenommen, was auch Folgen für die (B)Innenpolitik von Ländern wie Italien und Spanien, aber auch für die EU hat.
Knapp 70% der Weltbevölkerung lebt in relativer Nähe zur See und der Zuzug in die wirtschaftsstarken Küstenregionen ist nach wie vor ungebrochen. Einhergehend mit einem zunehmend komplexer werdenden Konglomerat aus Konflikten und Instabilitäten und der seit Anfang des letzten Jahrzehnts stark gesunkenen Bereitschaft westlicher Bevölkerungen (und Politiker) zu Landeinsätzen ihrer Streitkräfte ergibt sich geradezu die Notwendigkeit, die Potentiale maritimer Sicherheit in Deutschland und in Europa höher zu priorisieren. In Zeiten allgegenwärtiger Kürzungen in den Verteidigungsbudgets fällt die Aufrechterhaltung einer breit aufgestellten maritimen Streitkraftkomponente jedoch zunehmend schwer. Die Nutzung von Synergieeffekten und Kooperationspotentialen auf europäischer Ebene könnte eine Lösung sein und würde zudem den seit jeher an internationale Verbindungen gewöhnten Seefahrern wohl leichter fallen als den Landstreitkräften.

Fazit
Betrachtet man die vorherigen Ausführungen, so lässt sich zweifellos die aktuelle und künftige Bedeutung des Maritimen erkennen. Es ist ebenfalls deutlich geworden, dass die See bereits heute einen besonderen wirtschaftlichen und strategischen Faktor im Kalkül fast einer jeden Nation spielt. Daher liegen die künftigen Herausforderungen nicht nur in der Sicherheit der See- und Handelswege und dem Schutz vor Piraterie. Es ist zweifellos von großer Wichtigkeit, dass künftige maritime Herausforderungen nationenübergreifend und gemeinsam angegangen werden. Nur so lassen sich künftige Territorialansprüche sowie Zugangs- und Abbaurechte völkerrechtlich und zum Wohle aller Staaten gerecht koordinieren. Ein derartiges Vorgehen ist komplex und nicht innerhalb weniger Gipfeltreffen umzusetzen. Vielmehr braucht es ein nationenübergreifendes Bewusstsein über die vorhandenen Herausforderungen. Und genau darin, in der Entwicklung dieses Bewusstseins und in der daraus folgenden koordinierten Umsetzung völkerrechtlich verbindlicher Abkommen liegt die Bedeutung des 21. Jahrhunderts als ein maritimes Jahrhundert. Die See ist nicht nur als wirtschaftlicher und strategischer Faktor zu begreifen, vielmehr trug und trägt sie durch ihre Bedeutung zur Verbindung der Völker untereinander bei. Dies gilt es auch in Zukunft zu bewahren und es liegt an uns, diese Zukunft zu gestalten.

OLt z.S. Warkus ist Angehöriger der Crew 7/06, hat an der Helmut-Schmidt-Universität (HSU)/Universität der Bundeswehr Hamburg Politikwissenschaften studiert und ist zur Zeit Wachoffizier an Bord Minenjagdboot „Herten“.
OLt z.S. Kottke. ist Angehörger der Crew 7/07, hat ebenfalls an der HSU Hamburg Politikwissenschaften studiert und ist zur Zeit Wachoffizier an Bord Korvette „Ludwigshafen am Rhein“.

2 Gedanken zu „Das 21. Jahrhundert ist maritim – Teil II einer Aufsatzserie

    • Der austehende dritte Beitrag dieser Aufsatzreihe erscheint am Mittwoch den 19. März hier bei uns!
      Im Mai werden wir den Aufruf für den diesjährigen Aufsatzwettbewerb veröffentlichen.

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