Das Europa der prosperierenden Regionen – Renaissance der Hanse?

Die Frage, was die Europäer jenseits der Administration der Europäischen Union verbindet, ist eine hoch emotionale: Wie wichtig die regionale Identität auch im modernen Europa ist, kann man an den Unabhängigkeitsbestrebungen der Basken, Flamen, Katalanen, Schotten, Wallonen und den vielen Anderen beobachten. Daraus folgend hat die Frage nach der Identität handfeste wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Dimensionen. Bis vor wenigen Tagen war nicht eindeutig klar, ob es Großbritannien nach 307 Jahren in seiner jetzigen Form nächstes Jahr noch geben würde. Bemerkenswert ist, dass dieser ganze Vorgang so unaufgeregt von statten ging:
Jenseits der Insel war und ist die schottische Frage irrelevant! Als wie vereint sich das Königreich nach einer Trennung noch hätte bezeichnen können und wie der Union Jack ohne seinen schottischen Anteil auszusehen hätte ist nicht wichtig. Schottland selbst wäre (historisch betrachtet) relativ weich gefallen, da es in Bezug auf Währung und Einbettung in bestehende Sicherheitsarchitektur Optionen gehabt hätte, und das alles ohne Bürgerkrieg.

Aus schottischer Sicht war die Zeit also nie so günstig wie jetzt, den Schritt zur Unabhängigkeit zu wagen, den so richtig verlieren konnten sie nicht. Trotz der Ablehnung des Referendums konnte Edinburgh verstärkt Autonomie von London für sich gewinnen und durch das vergleichsweise knappe Ergebnis der Abstimmung bleibt eine zukünftige Unabhängigkeit als Druckmittel grundsätzlich erhalten.

Es waren diese Optionen, die das schottische Referendum erst möglich gemacht haben. Man kann argumentieren, dass ein supra-nationales Projekt wie die Europäische Union die Bedeutung der Nationalstaaten relativiert, da sie nicht mehr am obersten Ende der politisch-administrativen Nahrungskette stehen. Von der Relativierung des Nationalstaates durch das europäische Projekt profitieren die ihm angeschlossenen Regionen, sie können sich jenseits der nationalen Zwangsehen mit den direkten Nachbarregionen besser überregional gegenseitig suchen, finden und prosperieren, was wiederum ihre Position innerhalb ihrer eigenen Verbunde stärkt und de facto zu mehr Autonomie führt. Das Ende des Nationalstaates bedeutet dies wahrscheinlich nicht, eher eine Relativierung der administrativen Beziehungen auf den verschiedenen Ebenen.

Zurück zum Maritimen – was bedeutet das für uns?
Wenn ein zusammenwachsendes Europa tatsächlich zu mehr regionaler Autonomie führt, dann werden sich jene Regionen, die es können, verstärkt politisch und wirtschaftlich zum gegenseitigen Nutzen verknüpfen – wie sie es im Laufe der Geschichte immer wieder getan haben. Ein historisches Beispiel möchten wir aufgreifen, weil es über Jahrhunderte wie kein anderes die Menschen von London bis Novgorod maritim miteinander verbunden hat: Die Deutsche Hanse!

Die Entscheidung fällt in Deutschland.
Aachen statt Brüssel, Hanse statt Heiliges Römisches Reich: Wenn es nicht gelingt, Solidarität über die Ländergrenzen hinweg zu erzeugen, bleibt Europas Einheit ein Traum.
10.07.2014, von Ian Buruma

 

[…] Es gibt in der Geschichte auch andere Vorbilder für politische Arrangements in Europa. Ich empfinde eine gewisse romantische Sympathie für die alte Hanse. Der Gedanke, dass freiheitlich gesinnte, vom Nord- und Ostsee-Handel lebende Städte einen lockeren Bund zum Schutz und zur Förderung ihrer aller Interessen bildeten, ist attraktiv. […] Aber die Hanse umfasste trotz ihrer weiten Verbreitung nur einen Teil Europas und bestand hauptsächlich aus Städten. [… ] Die Länder des Nordens und die des Südens werden sich möglicherweise gezwungen sehen, ihre eigenen Wege zu gehen – wohin Frankreich gehen wird, ist allerdings unklar. Das fördert möglicherweise eine Wiederbelebung der Hanse im nördlichen Europa. […]
Gefunden bei: faz.net 10. Juli 2014

Der Autor Ian Buruma, Jahrgang 1951, hat eine Professur für Demokratie, Menschenrechte und Journalismus am Bard College in New York.
Zuletzt veröffentlichte er das Buch „Year Zero. A History of 1945“.

Wir erinnern uns: Die Hanse war eine „zwischen Mitte des 12. Jahrhunderts und Mitte des 17. Jahrhunderts bestehenden Vereinigungen niederdeutscher Kaufleute, deren Ziel die Sicherheit der Überfahrt und die Vertretung gemeinsamer wirtschaftlicher Interessen besonders im Ausland war. Die Hanse war nicht nur auf wirtschaftlichem, sondern auch auf politischem und kulturellem Gebiet ein wichtiger Faktor“, so Wikipedia.

EnglischeKarteHanse

Englische Karte zur Ausbreitung der Hanse um 1400. Quelle: H.F. Helmolt, History of the World, Volume VII, Dodd Mead 1902.

Entscheidend ist, dass die historische Hanse mehr ein Verbund als eine Vereinigung war – ihre Mitglieder blieben den jeweiligen Fürsten und Herrschern untertan. Dass die Hanse eben auch einen starken kulturellen Einfluss hatte, fällt spätestens bei einem Besuch der Hafenstädte im Ostseeraum auf. Und genau darin besteht die Chance für die Renaissance einer modernen Hanse: Europas dynamische Regionen können sich – erneut – grenzübergreifend suchen und finden. Das gilt auf jeden Fall für den Ostseeraum, der sich politisch, wirtschaftlich und kulturell durch die Wirren des 20. Jahrhunderts nicht frei entwicklen konnte, dies könnte nun im aktuellen europäischen Rahmen umso besser gelingen.

Dazu benötigt wird „nur“ der freie Zugang zur Ostsee, der die Städte und Regionen über politische und geographische Grenzen hinweg verbindet, folgerichtig muss es im Interesse aller Anrainer sein, dass dies so bleibt. Sicherheit und das Einhalten von wirtschaftlichen, rechtlichen und technischen Standards waren nur einige der Aufgaben der historischen Hanse – und haben an ihrer Aktualität nicht verloren.

Vor diesem Hintergrund glauben wir, dass es sich lohnt nochmal einen genauen Blick auf die Hanse und ihre Geschichte zu werfen…

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