Unter Wasser – Über Rüstungs- und andere Kernkompetenzen

Derzeit sorgt in der deutschen Wehr-Community eine Folie mit dem Titel „Diskussionsvorschlag Schlüsseltechnologien BMVg“ aus dem Verteidigungsministerium für Aufsehen, in der Schlüsseltechnologien definiert wurden, die als deutsche Kernkompetenzen der Rüstungsindustrie zu erhalten seien. Dazu gehörten Technologien zur vernetzten Operationsführung und Verschlüsselung, die Sensorik bei Aufklärungssystemen wie etwa der Drohne Euro Hawk und Schutzausrüstung. U-Boote, Handfeuerwaffen und gepanzerte Fahrzeuge gehörten nicht dazu. Hier sei Deutschland zwar Weltmarktführer,  doch man brauche diese Technologien nicht zwingend, um wehrtechnisch unabhängig vom Ausland zu bleiben.

Mit anderen Worten: Das BMVg betrachtet die Unterwasserkompetenz der hiesigen Industrie nicht (mehr) als Schlüsseltechnologie, die es exklusiv und aus Prinzip in Deutschland zu produzieren und zu beschaffen gilt. Dies betrifft konkret den U-Boot-Bau sowie wie die Systeme Torpedos, Unterwasserdronen, Mine und Minenjagd.

In der Rüstung stoßen die Interessen von Industrie und Militär, und im weitern Sinne Wirtschaft und Verteidigung, aufeinander. Wenn man hier von Schlüsseltechnologien spricht, dann geht es also offensichtlich um Dinge, die entweder für die Industrie oder für die Streitkräfte von essentieller Bedeutung sind.

Wie legt man diese Bereiche fest? Man darf voraussetzen, dass die Industrie Technologien, die sie für überlebenswichtig hält, aus eigenem Antrieb und mit eigenen Mitteln aufbaut und pflegt. Darum muss sich der Staat nicht kümmern. Erst wenn es um Technologien geht, die nicht allein aus dem Interesse der Wirtschaft, sondern aus sicherheits- und verteidigungspolitischen Gründen national erhalten werden sollen, bedarf es einer offiziellen Definition.

Welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang konventionelle U-Boote? Blickt man in die Welt, so stellt man fest, dass gerade mittlere Mächte eine große Zahl solcher Boote unterhalten, darunter auch Staaten, die uns über kurz oder lang in einem Konflikt gegenüberstehen könnten. U-Boote und Seeminen sind die klassischen Mittel des auf See Unterlegenen, also von Nationen, die der geballten Seemacht der USA und ihrer Verbündeten nichts Gleichwertiges entgegensetzen können. Mit diesen Mitteln kann man verdeckt gegen die Schifffahrt vorgehen, und das kann nicht einmal genau dem Verursacher zugeordnet werden. Für die Handels- und Exportnation Deutschland, die ein Drittel der Containertonnage dieser Welt besitzt, ist eine derartige Bedrohung ein fundamentales Problem.

Die Bekämpfung konventioneller U-Boote gehört mit zu den schwierigsten Aufgaben auf See. Die Beteiligung eigener U-Boote an dieser Aufgabe ist State of the Art. Deutschland ist nicht nur technologischer Marktführer, sondern es ist sicherlich das Land im Westen, das die größte und fortgeschrittenste Einsatzexpertise mit derartigen Waffensystemen hat. Unsere größeren Verbündeten haben keine konventionellen U-Boote und somit keine aktuelle operative Erfahrung. Insofern hat Deutschland die wohl umfassendsten Kenntnisse und die größte Beurteilungskompetenz im Bündnis mit Blick auf diese sehr besonderen Waffensysteme. Sie kann nur aufrecht erhalten werden, wenn Betriebs- und Konstruktionskompetenz gleichermaßen im Lande vorhanden sind.

Aus wirtschaftlichen Gründen besonders betroffen und zugleich außergewöhnlich befähigt hat Deutschland ein herausragendes Interesse, seine Fähigkeit zum Einsatz und zur Bekämpfung konventioneller U-Boote zu erhalten. Das ist nicht nur nationales Interesse, sondern zugleich ein bedeutender und von anderen Nationen nicht zu leistender Bündnisbeitrag, von dem kleinere Partner mit ihren U-Booten profitieren können.

Fazit: Aus unserer Sicht besitzt Deutschland im Bereich Unterwasser eine militärische und industrielle Kompetenz, die nicht leichtfertig aufgegeben werden sollte. Die U-Boot-Technologie ist sehr wohl eine nationale Schlüsseltechnologie. Das schließt nicht aus, wie bei Flugzeugen und Hubschraubern mit seinen europäischen Partnern zu kooperieren.

 

14 Gedanken zu „Unter Wasser – Über Rüstungs- und andere Kernkompetenzen

  1. Die Punkte sind alle richtig und gelten fort. Aber Politik versteht offensichtlich nur eine Sprache. Es geht eben nicht nur um die zwei noch bestellten zwei Uboote für die Deutsche Marine. Es geht auch um Uboote für Israel. Dieser Auftrag ist damals nicht ohne Grund nach Deutschland vergeben worden.
    Heute wird ja Deutschland öffentlich von israelischen Politikern dafür gedankt, dass wir das Überleben Israels gesichert haben.
    Hier kommt dann das strategische Interesse der Bundeskanzlerin ins Spiel.
    Im BMVg vergessen?

  2. Mit dem Aufbau des NATO Centre of Excellence for Operations in Confined and Shallow Waters (COE CSW) in Kiel hat Deutschland im Bündnis Verantwortung für diese Spezialaufgabe übernommen. Ein großer Teil davon besteht darin, den Einsatz und die Bekämpfung von Ubooten und Minen in Flächen und engen Gewässern weiterzuentwickeln. Diese Aufgabe gewinnt in Zeiten, in denen man offensichtlich wieder an eine robuste Verteidigung gegenüber staatlichen Bedrohungen denken muss, an Bedeutung. Abgesehen davon sind diese Fähigkeiten, wie oben schon gesagt, wichtig um unsere Schifffahrt zu schützen.

    Angesichts einer ohnehin im Vergleich mit anderen Ländern recht kleinen Marine sollte man jetzt nicht deren wertvollste Spezialfähigkeiten in Frage stellen,
    meint
    der Segler

  3. Stimme dem bisherigen Argumentstaionsfaden ausdrücklich zu. Wenn es zwei deutsche Kernfähigkeiten gibt – die sich auch in einer industriellen DNA wiederspiegeln – dann sind dies Gefechtsfahrzeuge (LKW mit geschützter Fahrerkabine kann nahezu jedes Unternehmen!) und das Unterwasser-Cluster (UBoot, MIne, Sonar und künftig autonome Unterwasser-Robotik). Das Unterwasser-Cluster kann nicht nur nicht in Frage gestellt werden, sondern muss im Gegenteil Schwerpunkt einer nationalen sicherheitspolitischen wie industriestrategischen Agenda sein – auch mit Blick auf die viel beschworene Anlehnungspartnerschaft.
    Man sollte den barmherzigen Mantel des Schweigens über den Versuch der „jungen Wilden“ im Bendlerblock legen, eine Diskussion zu nationalen Schlüsseltechnologien zu provozieren. Es ist nicht gut, wenn man glaubt, man sei schlauer als andere!

  4. Als Neuling im Blog grüße ich Fleet, Segler und Jopp als Vierter im Bunde, wie schon bei „Sound of Silence…“. U-Boote sind keine Schlüsseltechnologie (mehr), ich habe das 2014 ohne Überraschung zur Kenntnis genommen. Mit den Kampfpanzern ist das U-Boot da in „guter“ Gesellschaft – erstere mussten auf 10% ihrer Kalten Kriegsstärke schrumpfen (was heute angesichts russischer Untaten als schwerer Fehler erscheint), da sind letztere ja noch gut bedient mit nunmehr 6/24 = 25% und noch dazu mit erheblichem, plattformbezogenem Fähigkeitszuwachs! U-Boote werden in deutschen Marinen traditionell erst in Kriegszeiten geschätzt, im Frieden zählen sichtbare Flaggenstöcke. Schon Tirpitz schrieb in seinen „Erinnerungen er „habe es abgelehnt, für U-Boote Geld wegzuwerfen, solange sie nur in Küstengewässern fahren…konnten..“. Ich erspare mir den Exkurs in den 2. Weltkrieg, zumal wir als nunmehr Verbündeter der großen Seemächte auch ein ganz anderes Rational beim U-Booteinsatz verfolgen können. Politik, Marine und Industrie haben uns über den Kalten Krieg hinaus das U-Boot als Seekriegsmittel der Flotte, wenn auch in magerer Stückzahl, erhalten. Ich bin mir allerdings sicher, dass es allein die U-Boot-Rüstungsindustrie ist, die (weil fürs Überleben zum Export gezwungen) Weltmarktführer wurde und daher über lange Jahre als Schlüsselindustrie (bis 2014) sakrosankt bleiben konnte. Die politische Führung jedoch – weil zum strategischen Denken unfähig (s. Griephan 27/16) – verstand nie, was für ein flexibles Instrument sie mit leistungsfähigen U-Booten in der Hand hat. Unsere Boote dürfen heute – wenn man denn eine Besatzung zusammenscharren kann – in anspruchsvollen Übungen ihr Potenzial zeigen, militärisch eingesetzt (mal Active Endeavour ausgenommen) werden sie nicht. Aber auch die Marine hat oberhalb der A15-Ebene niemanden mehr, der sich explizit mit U-Booten befasst, geschweige denn über Einsatzoptionen oder gar – doktrin nachdenken könnte. In der Endphase der Ära „KT“, als die Zauberlehrlinge in den Führungsstäben in kulturrevolutionärer Manier zum Denken außerhalb der Box geradezu angestachelt wurden, gelangte per Vorlage als Einsparungsoption die Streichung der U-Boot-Komponente auf den Tisch des Ministers – kein Scherz! Und das, obwohl die Boote der Klasse 212A noch nach frischer Farbe rochen und 2 Einheiten des 2. Loses im Bau waren. Originalton aus dem Munde eines 2-Sterners (sinngemäß): „Wir konnten das schreiben, weil wir sicher sind, dass die Streichoption auf Grund des Industriebonus verworfen wird“. So also schaut’s aus mit der Schlüsseltechnologie „U-Boote“…

  5. Weil ich schon mal in Schwung bin, noch ein Verslein…Es sind die U-Boote der „Parent Navy“, die im Export das Salz in der Suppe ausmachen. Wie ich (und im Übrigen auch H. Ohff) im Kommentar zu „Sound of Silence…“ schon schrieb, bin ich überzeugt, dass es ein Fehler der Industrie war, in Australien den Exporterfolg in den Vordergrund zu stellen und nicht das Boot der eigenen Marine sowie dessen überragende Qualität gerade in puncto Signaturarmut = Stealth.

    Der Schwachpunkt an dieser Argumentationslinie ist allerdings, dass U212A (auch beim 2. Los) aus Budgetgründen (wg. Höherpriorisierung anderer Seekriegsmittel) und nach dem operativen Willen der Marine in Bewaffnung, Seeausdauer und Antriebsleistung weit unter den Möglichkeiten bleiben musste, die bei einer solchen Plattform heute zum Standard gehören. Beispiel Bewaffnung: Diesem deutschen Boot wird weder ein Seeziel-FK und schon gar kein FK zum Wirken an Land zugestanden – der Korvette mit großem Aufwand selbstverständlich schon! Damit wird jedem professionellen Beobachter klar, dass für die Deutsche Marine das U-Boot kein „strategic asset“ bedeutet! Da sind wir wieder bei der strategischen Positionierung, die gerade in Australien gefragt war. Und u.a. deshalb wird mir beim Gedanken an das Norwegengeschäft bange: Die Franzosen haben den Norwegern bereits angeboten, sie bei der „Submarinisierung“ ihrer Naval Strike Missile (NSM) zu unterstützen – und das obwohl sie mit Scalp Naval bereits einen eigenen, U-Boot-gestützten FK besitzen. Es ist zu erwarten, dass eine der Bedingungen, die Norwegen an die Wettbewerber tkMS und DCNS stellen wird ist, die NSM in den Entwurf zu integrieren; einen entscheidenden Punkt haben die Franzosen also schon im Vorfeld abgehakt…

    • My pleasure! Habe mal die anderen Artikel gescannt und festgestellt, dass dieses Fähnlein der 3 Aufrechten so gut wie die einzigen Kommentatoren im ganzen Blog sind. Wie arm…

  6. Diese Beobachtung ist durchaus richtig, und deshalb freuen wir uns über jeden Beitrag, der von anderen Autoren stammt. Andererseits gibt es einen erheblich größeren Leserstamm, und man erhält durchaus von unerwarteter Seite Rückmeldungen zu hiesigen Diskussionen. Das gilt besonders für dieses aktuelle Thema. Insofern kann man mit der Situation leben, findet
    der Segler

  7. Ja, ich lebe schon sehr sehr lange damit…Es gibt in der Marine so eine unselige Tradition, dass man mit „Maulhalten“ am Besten fährt. Gutes Beispiel sind die so hochgelobten HiTaTa’s, bei denen junge Leute zur Erbauung Aller vortragen, Top-Brass-Ruheständler, Historiker und gelegentlich mal ein aktiver Admiral, d.h. die ersten 3 Sitz-Reihen, dann die Aussprache bestreiten und der Rest stoisch auf die Kaffepause wartet…sonst könnte man ja in den Verdacht geraten, sich profilieren zu wollen…

    • Die Diskussionskultur in der Marine mag man bedauern, ändern wird man sie nicht, schon weil die Politik in eine offenere Diskussion zumindest gegenüber den höheren Verantwortlichen reingrätschen würde. Das wäre also keine Hilfe. Dieser Blog ist im übrigen keine Marineseite, sondern dient der Diskussion zwischen allen maritim Interessierten.

      Die Anonymität mag man bedauern, sie hat jedoch zwei Vorteile. Zum Einen gibt es keine persönlichen Vorurteile nach dem Motto, „der war doch schon immer für oder gegen dies und das…“ Zum Anderen gibt es keine Dienstgrade und akademischen Titel, was allen Beteiligten, ob junger Soldat oder aufstrebender Doktorand, das Leben leichter macht, freut sich

      der Segler

  8. Auch ich möchte mich neu in den Kreis melden, um zu der Diskussion etwas beizutragen. Bezugnehmend auf den ursprünglichen Artikel und hier auf den Passus: „Die Bekämpfung konventioneller U-Boote gehört mit zu den schwierigsten Aufgaben auf See. Die Beteiligung eigener U-Boote an dieser Aufgabe ist State of the Art.“
    Dem stimme ich grundsätzlich zu! Gleichwohl ist die Ubootjagd deutlich mehr und komplexer als die Beteiligung und Einbindung eigener Uboote. Der dreidimensionale Ujagdverband bestehend aus Überwassereinheiten, Ubooten, Flugzeugen und Hubschraubern, welcher Mono-, Bi- oder multistatische akustische Ortungsmöglichkeiten aber auch nicht akustische Ortung einsetzt, ist aktuell das taktische Konzept für eine erfolgreiche Ubootjagd.
    Abgesehen davon, dass meistens nur im Rahmen von großen Übungen die entsprechenden Einheiten zur Verfügung stehen, muß ein so komplexes Unterfangen effizient orchestriert werden. Die Führung eines komplexen ASW Verbandes findet nicht an Bord von Ubooten, sondern in erster Linie Fregatten statt. Dafür stehen vielfältige Werkzeuge in Form von Verfahren zur Verfügung, die im Rahmen der Fachausbildung und von EAPs ausgebildet werden (sollten). Der GOST ist meiner Meinung nach eine hervorragende Einrichtung um diese Verfahren drill-mässig zu üben. Dabei täuschen aber gute Ergebnisse in der Gefechtsausbildung über eine Tatsache hinweg, die ich unterstreichen möchte: Verfahren sind nicht Taktik!
    Dabei ist gerade in der Ubootjagd ist Taktik von herausragender Bedeutung. Meiner Meinung nach wird darauf in der Deutschen Marine viel zu wenig wert gelegt, um eine ernstzunehmende Expertise zu erhalten. Die für die ASW verantwortliche Flottille ist die EF1, nicht die EF2. Übungsauswertungen wurden erst in den letzten Jahren initiiert und vorangetrieben; schwerpunktmässig durch das Ubootgeschwader. Eine umfassende, systemübergreifende Bewertung im Sinne von „guter / schlechter taktischer Ansatz“ findet kaum statt.
    In den kommenden Jahren werden die 8 F122 durch 8 Besatzungen F125 ersetzt. Die ASW Fähigkeit der F125 ist begrenzt und wird im täglichen Betrieb kaum Beachtung finden. Entsprechend müssten taktische Ausbildung und Erfahrungen zur Weiterentwicklung der ASW an Bord der F123 und F124 sichergestellt werden. Um die ASW Expertise entsprechend zu erhalten müssten deutliche Anstrengungen unternommen werden, damit das Personal aller Ebenen eine gewisse Expertise behält. Das sehe ich so noch nicht!
    Ich fürchte vielmehr den Verlust von taktischem Denken (nicht im Sinne der Anwendung von Verfahren) und Führungs- und Koordinationsfähigkeit.
    Zurückkommend auf den eigentlichen Titel des Artikels „Unter Wasser – Über Rüstungs- und andere Kernkompetenzen“ – Zu einer Kernkompetenz gehört mehr als die Verfügbarkeit von technischem Equipment. Wenn wir nicht aufpassen und gegensteuern verlieren wir schleichend die Kernkompetenz zur Führung des Seekriegs unter Wasser!

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