Verantwortung für den maritimen Raum – Teil I einer Aufsatzserie

Der Inspekteur der Marine und der Präsident des Deutschen Maritimen Instituts (DMI) hatten auch für das Jahr 2014 einen Aufsatz-Wettbewerb ausgeschrieben:
Junge Offiziersanwärter/-innen und Offiziere wurden aufgerufen, zu dem Thema „Verantwortung für den maritimen Raum“ Stellung zu beziehen!

Die Würdigung der drei Gewinner des Aufsatzwettbewerbs wurde im Rahmen der „Maritime Convention“ am 5. November 2014 in Berlin durch den Inspekteur der Marine, Vizeadmiral Andreas Krause, und den Präsidenten des DMI, Vizeadmiral a.D. Hans-Joachim Stricker, durchgeführt.

Wie beim vergangenen Wettbewerb möchten wir an dieser Stelle die drei prämierten Aufsätze und ihre Autoren vorstellen!
Beginnen wir mit dem Aufsatz von Oberleutnant zur See der Reserve Helge Adrians:

Das 21. Jahrhundert wird zum maritimen Jahrhundert. Zumindest dann, wenn sich die seit Ende des Kalten Krieges begonnene Entwicklung fortsetzt, die gemeinhin als Globalisierung bezeichnet wird. Die immer stärker werdende Vernetzung der Welt, welche auf allen Ebenen stattfindet, spielt sich dabei hauptsächlich in zwei Räumen ab, die im Alltag nicht unterschiedlicher wahrgenommen werden könnten:
Der Cyberspace und das Meer.

Räume sind Sphären
Bevor jedoch auf die beiden genannten Räumen näher eingegangen werden soll, gilt es zunächst zu klären, was mit dem Begriff „Raum“ eigentlich gemeint ist. Leicht erscheint hierbei der Rückgriff auf eine gängige, an die Architektur angelehnte Vorstellung:
Der Raum als Box, als gänzlich umschlossene und spezifisch definierte Welt, innerhalb deren innerer Grenzen etwas passiert. Dies können sowohl menschliche Handlungen sein als auch sich verändernde Umwelterscheinungen. Der wesentliche Vorteil, den Raum als eine Art Schachtel zu definieren, liegt nun darin, dass nahezu jede Person problemlos in der Lage ist, sich hierunter annähernd das gleiche vorzustellen. Nichtsdestotrotz kommt dieses Konzept gerade in Bezug auf den Cyberspace und das Meer wortwörtlich an seine Grenzen: Die entscheidende Frage ist nämlich, wo diese Räumen anfangen beziehungsweise an welcher Stelle sie enden. Jüngere Entwicklungen zeigen etwa, dass sich die reale und die digitale Welt immer mehr vermischen. Das bedeutet, dass in bestimmten Bereichen nicht mehr klar unterschieden werden kann, was sich im Diesseits und was in der Virtualität abspielt. Ein Beispiel hierfür sind soziale Netzwerke: Längst wird ihnen nicht mehr bloß die Bedeutung von Werkzeugen zur Kommunikation zugestanden. Stattdessen sind sie zu festen Bestandteilen des öffentlichen Lebens geworden; sie sich wegzudenken, erscheint heutzutage und insbesondere unter der jüngeren Generation nahezu undenkbar. Doch nicht nur soziale Netzwerke und andere Kommunikationsformen wie E-Mails oder Chats bestimmen den Cyberspace: Viele Angelegenheiten, die wir mittlerweile kaum noch bewusst wahrnehmen, weil wir uns daran gewöhnt haben, werden heute über das Internet gesteuert. Sei es die Bedienung von Maschinen, die Abwicklung von Finanzgeschäften oder die Erhebung von Daten – all dies passiert automatisch und allzu oft auch unhinterfragt. Gerade weil der Cyberspace kein exklusiver und abgeschlossener Kosmos mehr ist, sondern vielmehr eine Sphäre mit unzähligen Schnittstellen zur realen Welt, entwickelt sich ein immer stärker ausgeprägtes öffentliches Bewusstsein, was die Bedeutung dieses Raumes und die damit verbundene Verantwortung der Akteure angeht. Forderungen nach mehr Datenschutz, digitalen Bürgerrechten und weniger Überwachung zeugen davon. Hierin liegt einer der wesentlichen Unterschiede zum maritimen Raum.

Das Meer endet nicht am Strand
Wie eingangs erwähnt spielt sich die Globalisierung keineswegs nur im Internet ab, sondern auch auf dem Meer beziehungsweise im maritimen Raum. Entgegen der landläufigen Vorstellung von diesen Begriffen handelt es sich dabei jedoch nicht allein um diejenigen Erdteile, die vom Wasser bedeckt sind. Das ist zwar das zentrale Charakteristikum, doch eine solche Definition wäre ebenso einseitig, wie den Cyberspace auf elektronische Prozesse zu reduzieren. Wie die digitale Welt, so muss auch der maritime Raum als Sphäre verstanden werden, also als ein Ort, wo Erscheinungen auftreten und sich Dinge abspielen. Die sich daraus ableitenden Folgen enden aber nicht am Strand, sondern strahlen bis ins Binnenland. Was sich jetzt sehr philosophisch anhört, hat ganz praktische Hintergründe: Man stelle sich etwa ein voll beladenes Containerschiff vor, das von Piraten entführt und festgehalten wird oder in Seenot gerät und sinkt. Die Konsequenz ist in beiden Fällen, dass bestellte Waren nicht ihre Abnehmer erreichen, was diese folglich ärgert. Gerade weil die meisten ausländischen Güter per Schiff transportiert und erst dann auf dem Landweg verteilt werden, zeigt, dass selbst Menschen, die fernab jeder Küste leben, von den Geschehnissen im maritimen Raum nicht unberührt bleiben. Ein anderes Beispiele für die vom Meer ausgehenden Effekte ist die OffshoreWindenergie: Dank der starken Winde über dem Meer und groß angelegter Windparks ist es möglich, sehr viel Strom kostengünstig und vergleichsweise umweltfreundlich zu produzieren. Hiervon können nicht nur Anrainer im Küstengebiet profitieren, sondern auch Menschen aus dem Binnenland. Es gibt also eine Verbindung zwischen dem, was sich auf dem Meer abspielt, sowie den Zuständen an Land. Dabei darf der maritime Raum aber keineswegs als homogenes Gebilde aufgefasst werden. Vielmehr besteht er aus verschiedenen Teilen, die sich je nach Betrachtungsweise unterschiedlich benennen lassen. Die Frage ist dabei immer:  In welchem Kontext wird gedacht? Ausgehend von den geographischen Gegebenheiten lässt sich die Erde so in verschiedene geostrategische Regionen einteilen. Mittels dieser Methode können dezidierte Analysen vorgenommen und Entscheidungen getroffen werden.

Der maritime Raum führt ein Schattendasein
Es zeigt sich, dass der althergebrachte Raumbegriff im Sinne einer Schachtel angesichts der globalen Vernetzung wenig zielführend ist und neu definiert werden sollte. Was die Beschreibung des Meeres und seiner Bedeutung für die Gesellschaft angeht, so gibt es viele Parallelen zum Cyberspace. Trotzdem ist die Wahrnehmung des maritimen Raumes im täglichen Leben eher gering. Diese Tatsache verwundert, gründet sich Deutschlands Wohlstand doch in erheblichem Maße auf dem Außenhandel, welcher größtenteils über den Seeweg erfolgt. Die Ursache dieses Zustands liegt darin, dass nur ein kleines Stück der deutschen Außengrenzen aus Küsten besteht. Folglich leben die meisten Bürger im Binnenland, fernab von Nord- und Ostsee. Im Unterschied zu anderen Staaten hat sich hierdurch nie ein gesamtstaatliches natürliches maritimes Bewusstsein gebildet. Das Meer spielt im Leben der meisten Deutschen daher nur eine untergeordnete Rolle. Vor rund 100 Jahren war das anders: Wenngleich Deutschlands Küste damals ein kleines Stück länger war, sorgten vor allem der marineaffine Kaiser Wilhelm II. sowie nicht zuletzt die Flottenpläne des späteren Großadmirals Alfred von Tirpitz dafür, im ganzen Land eine wahre Euphorie für die See und das Meer auslösen. Dem bis dato vorherrschenden kontinentalen Denken ist der maritime Gedanke entgegengesetzt worden. Was seit jeher die Seefahrt ausmacht, wurde nun zur Staatsdoktrin: Über den eigenen Horizont denken, neue Ufer erreichen, fremde Länder erobern. Doch gerade letzteres bedeutete am Ende den Untergang des Kaiserreiches – und damit auch des maritimen Denkens in Deutschland.

Sicherheit ist die Voraussetzung von Freiheit
Während der maritime Raum damals vor allem aus geopolitischer Sicht eine große Rolle spielte, sind es heute ökonomische Gründe, die ihn stärker in den Fokus rücken. Die Logik der Märkte hat die des Krieges abgelöst. Das ist ohne Zweifel ein großer Fortschritt im Vergleich zu früher, wo Konflikte eher mit dem Schwert statt mit dem Kopf ausgetragen wurden. Dennoch hat diese Entwicklung einen Makel mit sich gebracht, der darin liegt,
Handeln hauptsächlich vom erwartbaren Gewinn abhängig zu machen.
Der maritime Raum bietet in vielerlei Hinsicht Nutzen. Man denke dabei an
Handelsrouten, Möglichkeiten zur Energiegewinnung im, über und unter Wasser, das
erholsame Klima oder natürliche Nahrungsquellen. Von all dem zu profitieren, kann nur durch menschliches Handeln funktionieren. Doch jeder Eingriffhat Konsequenzen.
Was ein fahrlässiger Umgang mit dem maritimen Raum bedeutet, zeigt die Piraterie am Horn von Afrika: Der Staatszerfall Somalias hat sicherlich dazu beigetragen, die
Entstehung krimineller Strukturen zu fördern. Es waren aber vor allem die Überfischung der angrenzenden Seegebiete durch ausländische Fangflotten sowie die Verklappung von Sondermüll vor den Küsten, die den Menschen vor Ort den letzten Anreiz dazu gaben, ins
Pirateriegeschäft zu wechseln. Dass es hierzu kommen konnte, hat also nicht allein
sicherheitspolitische Gründe, wobei Sicherheit weiterhin wichtig ist.
Ähnlich wie mit dem Begriff des Raumes so muss auch der der Sicherheit neu definiert
werden. In den Köpfen vieler Menschen ist hiermit immer noch in erster Linie die
Vorstellung von staatlicher Ordnung und Gewaltanwendung verbunden. Der Schutz von Existenzen ist aber mehr als die Absicherung von Staatsmacht. Obwohl es zunächst
paradox klingt, so geht es doch darum, Freiheit zu schaffen. Dass sich seltene Tier- und
Pflanzenarten ungestört entwickeln können, kann nur ohne Eingriffe von außen gelingen. Ähnlich verhält es sich mit dem Gelingen von freiem Handel. Doch unkontrollierte
Freiheit bietet nicht nur Vorzüge, sondern auch Risiken. Diese bestehen dann, wenn es
weder Regeln noch Kontrolle gibt, so dass jeder tun und lassen kann, was er will.
Oft wird vergessen, dass das Meer einer der letzten Orte ist, die der Mensch weder erobert noch sonderlich erforscht hat. Es ist im Großen und Ganzen herrschaftsfrei. Nicht nur Piraten haben sich diesen Umstand zu Eigen gemacht, sondern auch jene Hintermänner, die illegal Fischfang betreiben oder Müll entsorgen. Es wäre allerdings falsch zu meinen, sie alle täten dies aus böser Absicht. Vielmehr ist es die Logik des Marktes, die sie dazu veranlasst, nach Lücken im System zu suchen, möglichst schnell und ohne viel Aufwand Profite zu erzielen. Sich mit den Folgen ihres Handelns auseinanderzusetzen, ist dabei weder für den Piraten noch für den Geschäftsmann ein Grund, ihre Strategie gegebenenfalls zu ändern.

Maritimes Denken ist kein Schiffeversenken
Verantwortung bedeutet, für die Folgen des eigenen Handelns zur Rechenschaft gezogen werden zu können. Dies zu tun, ist eine Tugend. Doch für soetwas ist im
Wettbewerbsdenken wenig Platz, worin ein großes Problem liegt. In Bezug auf den
Cyberspace wird er jetzt erkannt, dass die ungeahnten Grenzen der virtuellen Welt auch Schattenseiten haben. Weil dieser Raum omnipräsent ist, fühlt sich die Mehrheit der
Bürger betroffen und steht Schutzmaßnahmen eher positiv gegenüber. Sie dürfen nur nicht die individuelle Freiheit gefährden sowie die Befriedigung des persönlichen Konsum stören. Ob mehr oder weniger Staat, ist nicht die Frage – was er tut, muss vernünftig sein. Genauso wie der Cyberspace verlangt auch die Freiheit der Meere nach einem
verantwortungsvollen Umgang. Zwischen dieser Erkenntnis und der Umsetzung muss
jedoch ein Bewusstsein für die Angelegenheiten dieses Raumes stehen. Hieran hapert es derzeit noch in Deutschland. Maritimes Denken ist kein Schiffeversenken, sondern die Suche nach Möglichkeiten, die Welt miteinander zu vernetzten. Dies geschieht nicht nur zwischen Häfen, sondern zwischen den Menschen. Dass es etwa möglich ist, exotische Früchte in deutschen Supermärkten zu verkaufen, ist dem Seehandel zu verdanken. Oder dass sich Menschen an sauberen Stränden – egal ob an der Nordsee oder am Mittelmeer – erholen können, ist nicht zuletzt ein Verdient des maritimen Umweltschutzes. Den meisten Leuten dürfte klar sein, dass das Meer eine Vielzahl nützlicher Dinge
bereithält. Es gilt jedoch, diese miteinander zu verbinden und deren Schutz zu einem
nationalen Interesse zu erklären. Denn Verantwortung fängt nicht erst dann an, wenn
Fehler begangen worden sind. Es geht vielmehr um ein selbstbewusstes Auftreten zum
Zwecke der eigenen Überzeugungen.

Umweltschutz muss Teil militärischen Denkens werden
Was im Umweltschutz bereits gelungen ist und sich hinsichtlich ökonomischer Fragen
gerade entwickelt, steckt bei der Verteidigung noch in den Kinderschuhen. Verantwortung für den maritimen Raum kann nur glaubwürdig übernommen werden, wenn auch die
geeigneten Mittel zur Durchsetzung zur Verfügung stehen. Denn freie, offene und sichere Seewege sind nur durch eine starke Marine möglich. Bei dieser Forderung geht es keineswegs um eine Wiederbelegung des Navalismus aus Kaisers Zeiten. Der Einsatz von militärischer Gewalt ist und bleibt ein ultima ratio-Mittel der Politik. Von dieser Maxime unberührt ist jedoch das Vorhalten von bestimmten Fähigkeiten, die es ermöglichen, frühzeitig Gefahren zu erkennen und notfalls schnell und effektiv eingreifen zu können: Zum Schutz eigener Staatsbürger, zur Sicherung von Handelswegen, zur Hilfe bei Katastrophen und – das dürfte neu sein – zur Verhinderung von Umweltzerstörungen.
Für all das ist ein interdisziplinärer Ansatz nötig. Die Verantwortung für den maritimen
Raum ist nicht teilbar. Sie muss aus einer Hand erfolgen. Nur Seestreitkräfte sind hierzu in der Lage und werden es auch sein. Doch sie müssen leistungsfähig sein. Das bedarf nicht nur einer entsprechenden materiellen Ausstattung, sondern auch eines rechtlichen Rahmens, der Handlungssicherheit bietet, sowie – nicht zu vergessen – einer breiten
gesellschaftlichen Unterstützung. Die Bürger müssen verstehen und nachvollziehen
können, warum welche Maßnahmen durchgeführt werden.

Die nächste Generation informieren
Es ist sicherlich utopisch, den Stellenwert des maritimen Raumes über den Cyberspace
stellen zu wollen. Es wäre aber schon ein großer Fortschritt, das Meer als Ort von
Handlungen stärker im medialen und gesellschaftlichen Diskurs hervorzuheben. Daher sind beispielsweise Überlegungen zu begrüßen, das Fach Wirtschaft endlich
flächendeckend an Schulen einzuführen. Hierdurch gibt es die Möglichkeit, bereits
frühzeitig jungen Leuten die Bedeutung des maritimen Raumes für ihr späteres Leben
näher zu bringen. Ferner ist jeder, der sich der Bedeutung des Meeres bewusst ist,
aufgefordert, hierfür zu werben. Denn es muss klar sein: Ohne den maritimen Raum wäre
Deutschland nicht da, wo es heute ist.

Oberleutnant zur See der Reserve Helge Adrians ist Angehöriger der ROA Crew VII/09, hat anschließend an Universität Bremen Geschichtswissenschaft und Philosophie (mit Bachelor Abschluss) studiert. Seit Wintersemester 2013/2014 studiert er, ebenfalls an der Uni Bremen, den Master-Studiengang „Komplexes Entscheiden“.

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