Resilienz – Robustheit auch zur See!

Wir lesen in der sicherheitspolitischen Diskussion immer häufiger das Wort Resilienz und haben dem Wort und seiner Bedeutung nachgespürt. Außerdem möchte „Meer verstehen“ wissen, was dieses Konzept auf See bedeutet.

Der Begriff Resilienz stammt aus den Sozialwissenschaften und bezeichnet die Fähigkeit eines Systems, nach Störungen wieder in sein Gleichgewicht zurückzufinden. Sicherheitspolitisch steht Resilienz für die Robustheit und Störresistenz von Staat und Gesellschaft.

Das bisherige Sicherheitskonzept des Westens zielte darauf ab, Risiken und Bedrohungen auf Distanz zu halten. Deutschland am Hindukusch zu verteidigen, war eines der Schlagwörter. Islamistischer Terror im Nahen Osten und hybride Kriegführung in Europa haben gezeigt, dass das nicht immer gelingt. Die westlichen Gesellschaften müssen sich stärker als früher darauf einstellen, dass Terror und Gefahr ihre Bürger und ihr Staatsgebiet treffen.

Den vollkommenen Schutz gibt es nicht. Vielmehr geht es um den Umgang mit Gewalt im eigenen Land und ihren Folgen. Wir müssen uns wärmer anziehen. Das bedeutet in vielerlei Hinsicht einen Kurswechsel – mental, materiell und organisatorisch.

Wir wissen, dass unsere, die deutschen und europäischen, Verkehrs-, Energie- und Kommunikationsnetze bis an die Kapazitätsgrenze ausgelastet sind und kaum Reserven haben. Schon längst hat die Bahn keine Ersatzlokomotiven mehr in Bereitschaft stehen. Die Industrie produziert just in time und verzichtet soweit wie möglich auf Vorratslager.

Seit Ende des Kalten Krieges sind viele Sicherheitsvorkehrungen für den Fall abgeschafft worden, dass es in unserem Land selber Gewalt und Kampfhandlungen gibt. Der Schutz der bestehenden kritischen Infrastruktur ist somit die größte Sorge der für die innere Sicherheit Verantwortlichen.

Ähnliches ist bei den Streitkräften festzustellen. Sie haben sich umgestellt von robuster Landesverteidigung auf Krisenprävention im fernen Ausland nach dem Prinzip, möglichst effizient Einsatzkontingente zu produzieren. Überflüssig erscheinende Doppelkapazitäten galten als ineffizient und wurden konsequent abgebaut. Vor allem die Basis Inland ist auf kommerzielle Leistungen angewiesen und kann in Krisen keine autonome Handlungsfähigkeit der Bundeswehr mehr sicherstellen.

Die neue Lage erfordert in Gesellschaft, Wirtschaft und Militär wieder Redundanz und Reserven, um bei Störungen robust zu sein und Alternativen zu haben. Abwehrbereitschaft muss sichtbar und glaubhaft sein, um Angreifer vorab zu entmutigen und von ihrem Vorhaben abzubringen. Je verwundbarer ein Land erscheint, desto verlockender ist es anzugreifen. Erkennbare Robustheit dient also nicht nur dem Umgang mit der Störung, sondern ist eine Ergänzung der bisherigen Prävention gegen die neuen Bedrohungen.

Es geht dabei nicht um ein Zurück zur alten Gesamtverteidigung mit Luftschutzbunkern, Sirenen und staatlichen Lebensmittelvorräten. Das ist weder bezahlbar noch entspricht es den gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und technischen Veränderungen der letzten 25 Jahre. Vielmehr gilt es, in Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft, öffentlicher Hand und Streitkräften an den verwundbarsten Stellen Reserven und wenn möglich Alternativen zu schaffen. Je diversifizierter die Lösungen  desto weniger sind sie anfällig gegenüber Störungen.

Das gilt auch auf See. Unser Außenhandel ist vom Seeverkehr im erheblichen Maße abhängig. Der Schutz aller hierfür erforderlichen Einrichtungen wie etwa Häfen und Wasserstraßen gehört in die Überlegungen zur Resilienz Deutschlands einbezogen.

„Meer verstehen“ stellt dazu ein paar Fragen. Haben wir eigentlich ein gemeinsames Lagebild aller staatlichen Stellen und ein Konzept für den Fall der Fälle? Reichen unsere staatlichen Mittel, um bei Bedarf die Überwachung der Küsten zu intensivieren und Gefahren wie etwa durch Seeminen schnell genug bewältigen?

Noch interessanter ist, was umgekehrt die maritime Seite zur Resilienz beitragen kann. Welche ergänzenden Kapazitäten gibt es hier, um deutsche und europäische Infrastruktur und Netze zu verstärken? Tanker, beispielsweise, bringen Öl und Gas in Ergänzung zu bestehenden Pipelines, aber Deutschland hat kein Gasterminal. Short Sea Shipping kann unsere Autobahnen entlasten. Aber haben wir ausreichende Verkehrsanbindungen für unsere Seehäfen? Der Bau wichtiger Straßenprojekte in Norddeutschland wie etwa der Elbquerung unterhalb Hamburgs oder von dort nach Norden wird eher Jahrzehnte als Jahre dauern. Welche Alternativen bieten hier Fähren?

Manches Projekt aus diesem leicht zu erweiternden Katalog ist geprüft und wegen mangelnder Wirtschaftlichkeit verworfen worden. Effizienz ist jedoch nicht das einzige Kriterium, wenn es um mehr Robustheit und Störresistenz geht. Resilienz ist Teil der staatlichen Sicherheitsvorsorge. Sie ist ebensowenig zum Nulltarif zu haben wie Verteidigung oder Hochwasserschutz. In unserem kontinental denkenden Land bietet die See in jedem Falle Alternativen.

8 Gedanken zu „Resilienz – Robustheit auch zur See!

  1. Danke fuer diese Analyse, die zwischen den Zeilen das Totalversagen der Bundesregierung in der maritimen Sicherheitspolitik wiederspiegelt. Aber es sollte dabei auch nicht verschwiegen werden, dass der „Ausverkauf“ der deutschen Handelsschiffahrt ebenfalls der verfehlten maritimen Wirtschaftspolitik der Regierungskoalition angelastet werden muss. Im Zuge der Ausflaggung auch des aermlichen Restes der deutschen Handelsflotte werden Hunderte hochqualifizierter Schiffsfuehrungskraefte der Verdammnis der Arbeitslosigkeit ueberantwortet oder gezwungen, unter einer „Flag of Convenience“ zu unwuerdigen Bedingungen ohne Sozial- und Krankenversicherungsschutz ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Die Betroffenen haetten wirklich zu gern gewusst, warum Deutschland nicht dem Beispiel seiner Nachbarn Daenemark und Niederlande gefolgt ist und die Lohnnebenkosten auf ein vernuenftiges Mass abgesenkt hat.

    • Ein „Versagen“ der Bundesregierung impliziert einen vermeidbaren Vorwurf; hätte die Bundesregierung gehandelt, wäre dies honoriert worden? Nein, jedenfalls nicht durch ein nennenswertes Wählerpotential. Somit hat die Bundesregierung äquivalent zur Wählermeinung gehandelt. Kann man ihr dies vorwerfen? Nein! Bundesbürger interessieren sich nicht für maritime Sicherheit, ergo investiert kein Abgeordneter in diesen Themen! Dank gebührt dem DMI, welches sich dennoch dieser unpopulären Themen annimmt. Je eher sich maritime Themen in der breiten Bevölkerung abbilden, desto besser die Aussichten für eine politische Relevanz!

  2. Dem Dank meiner Vorredner schließe ich mich gern an. Resilienz ist ein neues sicherheitspoolitisches Zauberwort, mit dem man sich befassen muss, auch und gerade wenn andere Themen zurzeit die Öffentlichkeit beanspruchen.

    Wichtig ist der Hinweis, dass Diversifizierung wichtiger Funktionen einen Wert an sich darstellt, indem sie Alternativen schafft. Hier an den Seeweg zu denken ist konsequent, vor allem in Deutschland, das davon zwar erheblich abhängt, sich dessen aber kaum bewusst ist. Deshalb auch Dank für Herrn Heimstaedts Hinweis auf die Handelsflotte.

    Auf die Bedeutung der See hinzuweisen bleibt eine große Aufgabe, mit der man das DMI nicht allein lassen sollte,

    meint
    der Segler

  3. Der hier präsentierte und diskutierte Begriff der Resilienz fällt bei uns maritim Getauften natürlich auf fruchtbaren Boden. Die Ignoranz der maritimen Dimension seitens unserer politischen Führung ist zwar bedauerlich, aber nicht weiter verwunderlich. Vielmehr reagiert (und nicht agiert) diese aus einer Froschperspektive heraus auf tagesaktuelle Ereignisse (siehe die aktuelle Flüchtlingskrise) und ist daher oft überrascht.

    Erforderlich und wünschenswert wäre hier eine Vogelperspektive mit einem vorausschauenden Blick und Handeln. Die aktuelle Flüchtlingswelle ist nur das Präludium zu dem, was uns zukünftig aus Afrika erwarten und erreichen wird – damit die Umkehr der europäischen maritimen Expansion, die ab dem 15. Jahrhundert begann. In diesen wünschenswerten Weitblick fiele dann auch das Antizipieren von Problemen der Zukunft hinein, was als integraler Bestandteil der Resilienz von Systemen anzusehen wäre.

    Die Resilienz meint, abstrakt formuliert, lediglich die Widerstandsfähigkeit eines Systems, d. h. die Fähigkeit, Schocks zu widerstehen und wieder in das ursprüngliche Gleichgewicht zurückzufinden. Hierbei findet aber keine Entwicklung statt, d. h. ein solch resilientes System wird durch Schocks nicht besser, es bleibt nur intakt.

    Der o. a. gelungene Beitrag zu diesem Thema impliziert aber mehr, als mit dem Begriff der Resilienz zu fassen ist und zeigt schon die notwendige evolutionäre Komponente auf.

    Diese evolutionäre Komponente stärkt ein System nach einer Störung. Mit Nassim Nicholas Taleb gesprochen („Lesetipp“ bei Interesse sein Buch „Antifragile – Things that gain from disorder“) ist in Erweiterung des Resilienzgedankes „Antifragilität“ zur Stärkung von Systemen erforderlich.

    Ein Beispiel: Wenn wir auf einem Paket den Aufkleber lesen „Bitte nicht schütteln“, dann hat das nach diesem Ansatz folgende Konsequenzen, wenn wir es schließlich doch schüttelten:
    1. Ein fragiles System wird dadurch zerstört.
    2. Ein resilientes System bleibt, wie es ist.
    3. Ein antifragiles System wird dadurch besser.

    Mutter Natur, die Evolution und der menschliche Körper sind Beispiele von solchen antifragilen Systemen. Wenn wir Sport treiben, z. B. beim Krafttraining bis zum Muskelversagen, dann erhält unser Körper durch diese Form der Störung den Reiz, um an dieser Stelle mehr Muskelmasse aufzubauen. Soweit so gut…

    Bezogen auf die maritime Dimension wäre demnach eine massive Störung z. B. eines Seeweges (Bab el Mandeb) erforderlich, damit wir wissen, wo wir nicht nur robuster/resilienter, sondern besser, damit antifragil werden müssen. Hier gäbe es dann auch die Betroffenheit der Bevölkerung (damit Wählerschaft), die ggf. einen politischen Prozess auslösen und den maritimen Themen mehr Gehör verschaffen könnte.

    Nun hat gerade mit Blick auf das Horn von Afrika die Politik eine mögliche (und anfangs tatsächliche) Störung durch die Piraterie „antizipiert“ – stark verkürzt gesprochen. Die Marine leistet hier den erforderlichen Beitrag zur Stabilität unseres maritimen Welthandels.

    Doch wie betroffen ist unsere Bevölkerung dadurch? – Wohl gar nicht. Dies wird erst der Fall sein, wenn der Flatscreen-Fernseher aus Asien nicht mehr 500€, sondern 5000€ kostete, wenn bei Störung eines Seeweges solche Ware über längere Seewege und per Flugzeug transportiert werden müsste.

    Was folgt nun daraus: Ich denke, dass diese unsere Plattform eine gute Basis ist, um für die maritime Dimension unseres sozialen Systems Aufklärungsarbeit zu leisten – vor allem was die Stabilität impliziert. Doch wir stehen noch am Anfang…

    • Danke für den Kommentar! In der Tat heißt es, mit jeder Herausforderung zu wachsen. Die jetzige vieldimensionale Krise – Verschlechterung der sicherheitspolitischen Lage vielerorts in unserem erweiterten Umfeld, Flüchtlinge, Terror – hat zumeindest dazu geführt, dass unsere Gesellschaft aufgeschreckt ist. Die Mehrheit hat erkannt, dass „weiter so“ nicht geht. Jetzt geht es darum, nicht in kurzfristigen Aktionismus zu verfallen, sondern sich grundsätzlich auf eine veränderte Situation einzustellen. Unser Land muss ebenso wie unsere wichtigsten Verbündeten handlungs- und abwehrbereit werden. Die Bevölkerung ist mental dafür bereit, sie erwartet geradezu ein stärkeres Zusammenrücken. Ob die Politik dafür ein gutes Rezept findet, fragt sich

      der Segler

  4. Hat dies auf Meer Verstehen rebloggt und kommentierte:

    Angesichts. Der Strategiedebatte rund um den NATO-Gipfel in Warschau ist es gut, sich noch einmal des Themas Resilienz anzunehmen. Das fand übrigens auch die Bundesakademie für Sicherheitspolitik, die gerade den folgenden Artikel zur Resilienz veröffentlicht hat: https://www.baks.bund.de/sites/baks010/files/arbeitspapier_sicherheitspolitik_2016_19.pdf.
    Gute Lektüre
    wünscht
    der Segler

Ihre Meinung zählt!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s