Über die gesamtwirtschaftliche Bedeutung der maritimen Wirtschaft

Die maritime Wirtschaft in Deutschland ist eine Branche von hoher gesamtwirtschaftlicher Bedeutung. Von ihr gehen nicht nur bedeutende regionalwirtschaftliche Effekte aus, sie nimmt auch eine Schlüsselrolle für die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes und die Sicherung von Wachstum und Beschäftigung in Deutschland ein.

Rund 95% des interkontinentalen Warenaustausches erfolgen über den Seeweg. Als eine führende Exportnation hat Deutschland daher ein überragendes Interesse an einer leistungsstarken, international wettbewerbsfähigen maritimen Wirtschaft. Etwa 60% der deutschen Warenexporte und ein Großteil der Rohstoffimporte werden per Schiff transportiert, und die Häfen sichern einen wichtigen Teil der Grundversorgung der deutschen Industrie; dies gilt auch für den Handel mit Vorprodukten. Mit der fortschreitenden Globalisierung der Märkte und einem prognostizierten weiteren Anstieg des Welthandels wird der Güterverkehr über See weiter zunehmen. Derzeit befinden sich 2.962 Handelsschiffe im Eigentum deutscher Reedereien (Stand: 30.06.2015), die damit die viertgrößte Flotte der Welt stellen. In der Sparte der Containerschifffahrt liegt die deutsche Flotte weiterhin an erster Stelle.

Die maritime Branche gehört damit zu einem der wichtigsten Wirtschaftszweige in Deutschland. Werften und Reedereien haben ihre Standorte traditionell in den Küstenregionen sowie entlang der großen Binnenwasserstraßen. Viele Zulieferbetriebe, darunter zahlreiche innovative mittelständische Unternehmen aus den Bereichen Anlagenbau, Werkstoffe, Elektrotechnik und dem Dienstleistungssektor, sind hingegen in Mittel- und Süddeutschland zu finden.

Im Zuge der Energiewende gewinnen die erneuerbaren Energien und insbesondere die Offshore-Windenergie an Bedeutung. Bis zum Jahr 2030 sollen in Nord- und Ostsee Windenergieanlagen mit einer Leistung von bis zu 15.000 Megawatt (MW) installiert werden. Für die maritime Wirtschaft sind hiermit enorme Wachstumspotentiale verbunden: Die Errichtung und Wartung von Windenergieanlagen erfordert neben dem Bau von Plattformen und Fundamenten auch den Einsatz speziell ausgerüsteter Schiffe. Der Bedarf an Offshore-Spezialschiffen wird sich daher mit dem Ausbau der Windenergie auf See kontinuierlich erhöhen. Auch die deutschen Häfen als Logistik- und Produktionszentren können von dieser Entwicklung profitieren.

Die deutsche Industrie ist auf eine sichere Versorgung mit Rohstoffen und Energieträgern angewiesen. Mit dem wachsenden Bedarf eröffnen sich neue Perspektiven für Unternehmen im Bereich der Meerestechnik. Denn um die Versorgungssicherheit mit wichtigen Rohstoffen und seltenen Erden auch mittel- bis langfristig zu gewährleisten, könnte künftig die wirtschaftliche Nutzung mariner mineralischer Rohstoffe eine Rolle spielen. Neben der Sicherung der Rohstoffversorgung könnte eine Vorreiterrolle Deutschlands beim Tiefseebergbau – insbesondere mit Blick auf die Notwendigkeit des Einsatzes umweltverträglicher Technologien, um die Zielsetzungen des durch die Internationale Meeresbodenbehörde (ISA) zeitnah zu erarbeitenden „Mining Codes“ einhalten zu können – auch dazu beitragen, der Wirtschaft ein interessantes neues Geschäftsfeld zu eröffnen.

Gemessen an ihrer Transportleistung ist die Schifffahrt der umweltfreundlichste Verkehrsträger. Seeschiffe transportieren im Vergleich zum Landverkehr deutlich mehr Ladung bei erheblich geringerem Emissionsausstoß. Die Nutzung der Meere als Verkehrswege muss im Einklang mit der Bedeutung der Meere als Ökosysteme, Klimafaktoren und Energiespeicher stehen. Gleichzeitig muss auch die Seeschifffahrt durch Verringerung ihrer CO2-Emissionen einen Beitrag zum globalen Klimaschutz leisten. Deutschland setzt sich im Rahmen der Internationalen Seeschifffahrts-Organisation (IMO), der Europäischen Union sowie in regionalen Gremien für die Stärkung des Umwelt- und Klimaschutzes im Seeverkehr ein. Für die maritime Wirtschaft bedeuten die steigenden Umwelt- und Klimaschutzanforderungen erhebliche wirtschaftliche Herausforderungen. Gleichzeitig eröffnet diese Entwicklung für die deutschen Unternehmen auch Wettbewerbsvorteile, da sie traditionell Vorreiter im Bereich der Entwicklung und Erprobung von neuen Umwelttechnologien sind.

Die maritimen Technologien sind von hoher strategischer Bedeutung bei der Beschaffung von Rohstoffen und Wirtschaftsgütern für die deutsche Industrie. Die hohe Kompetenz der maritimen Wirtschaft zeigt sich insbesondere in den Bereichen Spezialschiffstechnik, Produktion sowie bei Sicherheits- und Umweltschutzsystemen. Auf dem hart umkämpften Markt kann der Know-how-Vorsprung nur durch stetige Forschungs- und Entwicklungsanstrengungen gehalten werden. Die Vernetzung der maritimen Wirtschaft mit anderen Hochtechnologiebranchen (wie Automobilindustrie, Luft- und Raumfahrtbranche, Energiewirtschaft) trägt dazu bei, Synergien zu nutzen und ist Voraussetzung für den Technologietransfer. Die bestehende Struktur an Großforschungseinrichtungen in Deutschland bildet hierfür die ideale Basis. Dies ist auch ein wichtiger Standortvorteil gegenüber ausländischen Wettbewerbern. Die Förderung von Forschung, Entwicklung und Innovation in den maritimen Technologien ist Teil der Hightech-Strategie der Bundesregierung. Maritime Technologien gehören zu den wichtigsten 17 Zukunftsfeldern, für die die Bundesregierung Innovationsstrategien vorgelegt hat.

Sichere Seewege sind für den Personenverkehr sowie den internationalen Seehandel von elementarer Bedeutung. Deutschland ist als bedeutende Exportnation in besonderem Maße auf sichere Seetransportwege angewiesen, ob es nun um eine kontinuierliche Energieversorgung oder zuverlässige Logistikketten geht. Häfen sind – ebenso wie Offshore-Windenergieanlagen und der Transport- und Verkehrsbereich – Teil der kritischen Infrastrukturen. Bei den Häfen muss die Aufmerksamkeit vor allem zwei Gefährdungsursachen gelten: der terroristischen Bedrohung und den in ihrer Bedeutung zunehmenden Naturgefahren. Auch in den Häfen wird immer stärker auf den Einsatz von Informationstechnologien (IT) gesetzt, um Prozesse effektiver und effizienter betreiben, steuern und überwachen zu können. Daraus ergeben sich zum Teil hochkomplexe IT-basierte Vernetzungen und Abhängigkeiten. Der Schutz der Häfen erfordert daher auch einen angemessenen Schutz der Informationsinfrastrukturen. Die Bundesregierung hat als übergreifende IT-Sicherheitsstrategie des Bundes den „Nationalen Plan zum Schutz der Informationsinfrastrukturen“ (NPSI) verabschiedet. Die Umsetzung des NPSI erfolgt im Konsens zwischen den privatwirtschaftlichen Zielsetzungen der Betreiber und dem übergeordneten (Fürsorge-)Interesse des Gemeinwesens.

Aus: „Vierter Bericht der Bundesregierung über die Entwicklung und Zukunftsperspektiven der maritimen Wirtschaft in Deutschland“
(Link klicken um den Bericht als PDF herunterladen)

Den aktuellen Bericht „Fakten und Zahlen zur maritimen Abhängigkeit der Bundesrepublik Deutschland“ (Stand 2014) finden Sie in unserer Abteilung Maritime Studien & Wissenschaftliches.

8 Gedanken zu „Über die gesamtwirtschaftliche Bedeutung der maritimen Wirtschaft

  1. Papier ist geduldig! Man kann sich des Eindruckes nicht erwehren, dass man Berichte schreiben lässt, um dan abzuhacken „Wir haben doch was getan!“. Ich wverweise an dieser Stelle auf die Kommentare zum letzten Blogeintrag zu Resillience.

  2. Stimme Fleet voll zu. Ob die maritime Wirtschaft der wichtigste Wirtschaftszweig ist, bleibt angesichts der Berichte in den Medien über die IAA eh fraglich.
    Aber mir scheint das Hauptproblem die beinahe vollkommene Ausblendung des Problems der maritimen Sicherheit. Wo sind Antworten zum Schutz kritischer Infrastrukturen wie Hafenanlagen, Offshore Energieanlagen oder auch Anlagen zum Tiefseebergbau?
    So wie der Strom nicht aus der Steckdose kommt, ist Sicherheit nicht Gott gegeben.
    Auch für die Politik sollte gelten: qidquid agis, prudenter agas et respice finem. Das letzte – nämlich das Ende oder Ergebnis bedenken – scheint bei unserer hektischen Politik nicht gefragt zu sein.

    • Wo ist die konkrete Bedrohung „“kritischer“ Infrastrukturen? Warum also Schutz? Wer soll den Kampf gegen Scheinriesen bezahlen?

    • Weder am 11.09.2001 beim Angriff auf die Twin Towers oder das Pentagon in den USA, noch auf die U-Bahn in London und den Nahstadtverkehr in Madrid gab es eine akute Bedrohung.
      Allerdings haben auch die Sicherheitsdienste in Deutschland daraus erste Konsequenzen gezogen. So war es bei der Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland ein sehr akuten Planspiel, wie man einem Angriff per Flugzeug auf eines der Stadien oder einem Angriff per Sprengrucksack auf Public Viewing begegnen wollte.
      Hieraus entstanden Länder übergreifende Kattastrophenübungen (LÜKEX), bei denen man das erforderliche Zusammenspiel der Behörden und der Sicherheitsdienste ausprobierte. Im Ergebnis wurden später kritische Infrastrukturen untersucht, die es vor möglichen Anschlägen zu schützen gelte. Dazu gehört unter anderem die Zufahrt zum Hamburger Hafen oder auch der Elbtunnel. Ich sehe hier keinen Popanz, sondern die Notwendigkeit panerischerer Überlegungen. Das Innenministerium und das BBK können hierzu bei Interesse wesentlich mehr beisteuern.

    • @Ischbinet: Der letzte hier veröffentlichte Artikel bezog sich auf maritime Aspekte von Resilienz. Ihn zur Lektüre
      empfiehlt

      der Segler

  3. Das ist leider sehr wahr! Umso mehr kommt es darauf an, dass die primär Interessierten, d.h. die von und an der See Lebenden und Schaffenden unermüdlich die Stimme erheben. Auch in diesem Blog sind wir nur wenige, die die Fahne hochhalten. Wenn man Interesssen hat, muss man dafür aktiv eintreten. Sonst fällt man hinten runter gegenüber denn Lauten und den Trommlern,
    beobachtet
    der Segler

  4. Erst wenn die deutsche Autoindustrie des Bundesbürgers liebstes Spielzeug nicht mehr produziert weil die auf dem Seewege herangeschafften Bauteile nicht mehr rechtzeitig angelandet werden können, wird sich etwas bewegen. Die Marine hat mit ihrer (leider verunglückten) Werbekampagne („Heute keine Bananen“) darauf aufmerksam gemacht, aber nur Häme erhalten. Erst wenn wirklich etwas passiert, wird man sich (temporär) der Dimension bewusst werden. So lange wendet der durchschnittliche Politiker das Rheinische Grundgesetz an, warum auch nicht, schließlich gewinnt man mit diesem Thema keinen Blumentopf und schon gar keine Wählerstimme!

  5. Dass die Kampagne der Marine verunglückt wäre, sehen die Experten anders. Sie hat ein sehr großes Interesse gefunden (belegt durch eine sehr hohe Zahl an Klicks), was bedeutet, dass die Nachricht Viele erreicht hat. Zu jedem Medienauftritt gibt es Häme von Berufskritikastern, die an nichts ein gutes Haar lassen. Sie repräsentieren jedoch nicht die Mehrheitsmeinung, sondern hoffen darauf, dass sich Andere von ihrer negativen Sicht blenden lassen.

    Es ist auch nicht so, dass sich nichts täte. Hier gab es zum Beispiel vor einer Weile einen Artikel über das, was in Sachen maritime Sicherheit erreicht wurde. Ansonsten gilt, dass wichtige Themen gebetsmühlenartig in die Öffentlichkeit getragen werden müssen. Sie stehen in dauernden Konkurrenz zueinander, und was nicht wiederholt wird, gerät schnell in Vergessenheit,

    konstatiert
    der Segler

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