Dr. Sarah Kirchberger „Assessing China’s Naval Power. Technological Innovation, Economic Constraints, and Strategic Implications“

Passend zu unsererm vorherigen Thema freuen wir uns, Ihnen heute eine Rezension des Buches „Assessing China’s Naval Power. Technological Innovation, Economic Constraints, and Strategic Implications“ von Dr. Sarah Kirchberger zur Lektüre empfehlen zu können. Ein Beitrag von Heinz Dieter Jopp:

Nicht erst seit dem Schiedsspruch des Ständigen Schiedsgerichtshofs in Den Haag zum Streitfall der Philippinen gegen China um Felsen und Atolle im Südchinesischen Meer wurden die Augen der Öffentlichkeit auf eine Konfliktregion gelenkt, die vom Streit um Fischereirechte, der möglichen Ausbeutung von vermuteten Bodenschätzen auf dem Boden der Meere und in deren Folge von militärischen Aufrüstungsmaßnahmen geprägt ist. Dabei wird unser westliches Bild vielfach von Betrachtungen in den USA geprägt. Dort wird China und die seit Jahren anhaltende Modernisierung der Volksarmee zu einer Bedrohung der Pax Americana hochstilisiert, ohne auf die berechtigten Interessen einer aufstrebenden (bisher eher regionalen) Großmacht einzugehen; oder wie es Robert D. Kaplan in seinem Buch „Monsoon“ so trefflich formuliert hat: „It bears repeating that there is nothing illegitimate about the rise of the Chinese military. China’s ascendancy can fairly be compared with that of the United States following its own consolidation of land-based power in the aftermath oft he Civil War and the settlement of the American West, which culminated at the turn of the twentieth century with the construction of the Panama Canal.“

Um selber zu einem ausgewogeneren Urteil zu kommen, erscheint die Veröffentlichung der Monografie von Dr. Sarah Kirchberger „Assessing China’s Naval Power. Technological Innovation, Economic Constraints, and Strategic Implications“ beim Springer Verlag 2015, ISBN 978-3-662-47126-5 zeitgemäß oder „just in time“. Beim vorliegenden Buch kann die Autorin nicht nur auf ihr Sinologie Studium und ihre Tätigkeit bei der Universität Hamburg bauen, sondern auch auf eine dreijährige Tätigkeit bei Blohm&Voss in Hamburg wie sich daraus ergebenden Kontakten mit Marineoffizieren in Deutschland, Europa und weltweit sowie vielfältige Reisen und Diskussionen in den USA und vor allem der asiatischen Region rund um und in China. Es ist die bisher umfassendste Analyse chinesischen maritimen Denkens unter Berücksichtigung politischer, gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und technologischer Entwicklungen nicht nur im deutschsprachigen Raum.

Die Autorin beginnt mit einer theoretischen Betrachtung von Seemacht im 21. Jahrhundert und deren Einfluss auf das politische und militärische Denken in China im Verlauf der letzten Dekaden. Mit Recht weist sie hierbei auf den wirtschaftlichen Aufstieg Chinas, seine inzwischen weltweiten Handelsbeziehungen und der damit einhergehenden Erkenntnis hin, die Handelswege über das Wasser auch militärisch zu sichern. Eine Betrachtung geografischer Einschränkungen durch die dem Südchinesischen, Gelben und Ostchinesischen Meer vorgelagerten Inseln anderer Staaten gibt einen ersten Eindruck von den Schwierigkeiten Chinas, diesen Ring falls notwendig mit militärischen und damit hauptsächlich maritimen Mitteln zu durchbrechen.

Sehr gelungen ist im Folgekapitel eine weltweite Betrachtung von Seekriegsmitteln in ihrer jeweiligen Bedeutung für maritime Operationen und daraus abgeleitet eine Klassifizierung, die einen groben Vergleich von Marinepotenzialen großer wie kleinerer Marinen ermöglicht. In ihre Überlegungen fließen Betrachtungen über Lebenszyklen von Plattformen, Unterschiede bei den Altersstrukturen von Schiffen und Systemen wie auch Neuerungen durch vernetzte Operationsführung ein.

Bei der sich daran anschließenden weltweiten Analyse von spezialisierten Weften und Systemhäusern deckt sie schonungslos die bis heute anhaltende Abhängigkeit Chinas von Importen beim Bau moderner Kriegsschiffe, deren Antrieb, der Führungssysteme, U-Jagd-Systeme aber auch moderner Waffentechnologien auf. Damit werden gerade US amerikanische Überzeichnungen des Leistungsvermögens der chinesischen Volksmarine (PLAN) als solche entlarvt, dienen diese doch eher den Begründungen für eigene Beschaffungsprogramme. Der Autorin gelingt es in der Folge sehr gut, den industriell-militärischen Komplex in Chinas Werften in großen Zügen zu beschreiben, obwohl dieser Komplex weiterhin der Geheimhaltung und damit Spekulationen im Westen unterliegt.

Im Folgekapitel werden die Modernisierungsschübe im maritimen Bereich seit Bestehen der Volksrepublik China nachgezeichnet, Erfolge und Misserfolge beim Bau und der Integration unterschiedlichster Waffen- und Systemkomponenten analysiert. Dabei wird auch der Technologiesprung der letzten zehn Jahre nachgezeichnet, der zu den Möglichkeiten einer regionalen – künftig in Teilen auch weltweit operierenden Seemacht führt. Dass hierzu auch die Weiterentwicklung strategischer Uboote (SSBN) und deren Schutz gehört, sei der Vollständigkeit halber erwähnt. Mit diesen Entwicklungen ist die PLAN heute in der Lage, der U.S. Navy glaubwürdig die Nutzung bestimmter Seegebiete künftig zu erschweren wenn nicht zu verwehren.

Somit ergeben sich zwangsläufig ihre strategischen wie geostrategischen Betrachtungen im Folgekapitel. Sie untersucht hier die Möglichkeiten, aber auch Grenzen künftiger russischer Lieferungen und Unterstützungen im maritimen Bereich durch den wahrscheinlichen Fortfall von Lieferungen aus der Ukraine, wo früher die Konzentration des maritimen Kriegsschiffbaus der Sowjetunion stattfand; das Know How aber zwischenzeitlich merklich durch Abwanderung oder Überalterung minimiert wurde. Der künftige Umgang mit Pakistan und deren Proliferation französischer Führungs- und Überwachungssysteme, einem ungeliebten Nord Korea, aber auch den Anrainern Süd Korea und Japan wird ebenso einer Fallanalyse unterzogen wie die Besonderheiten des Südchinesischen Meeres. Bei letzterem wird in der öffentlichen Diskussion kaum berücksichtigt, dass China auf der Insel Hainan einen unterirdischen Bunker für seine SSBN gebaut hat, der diesen ein unsichtbares Auslaufen in die tieferen Gebiete des Südchinesischen Meeres erlauben soll.

Insgesamt vermisst wird eine Betrachtung der künftigen Möglichkeiten von Unterwasser-, Überwasser- und luftgestützten Drohnen zur Überwachung und möglichen Bekämpfung von See- und Landzielen, da deren Thematisierung in den USA und China bereits seit Jahren feststellbar ist. Hier ist eine mögliche Fortschreibung des Buches erkennbar.

In einem abschließenden Kapitel fasst die Autorin ihre gewonnenen Erkenntnisse noch einmal mit den wichtigsten Punkten zusammen. Abgerundet wird das Buch durch eine ausgezeichnete Literaturauswahl am Ende eines jeden Kapitels sowie durch exzellente Tabellen und farbliche Übersichten über Schiffstypen und deren Effektoren.

Das Buch muss jedem an der Materie Interessierten wärmstens empfohlen werden. Die englische Sprache sollte kein Hinderungsgrund sein, zumal Wissenschaftler in der heutigen Zeit nur durch englischsprachige Texte international an Aufmerksamkeit und Beachtung gewinnen können. Bei der Deutschen Marine und im BMVg sollte es zwingend in den Buchbestand aufgenommen werden. Dort kann es umfangreiche, eingestufte Texte ersetzen und eine wertvolle Hilfe bei der regionalen Betrachtung des Indo-pazifischen Raums und der notwendigen Entwicklung maritimer Fähigkeiten leisten.

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