Russlands Kanonenbootdiplomatie?

Das „Atlantic Council“ hat in einer online Veröffentlichung die Verlegung zweier russischer Korvetten mit weit reichenden Flugkörpern aus dem Schwarzmeer in die Ostsee thematisiert:

Gunboat Diplomacy: What lies behind the transfer of Russia´s long –range cruise missile ships to the Baltic? “It’s confirmed: two Russian Buyan-M class corvettes of the Black Sea Fleet, armed with Kalibr-NK long-range cruise missiles, have entered the Baltic Sea, despite the fact that the Russian government said they were meant to stay in the Mediterranean.”

Dazu ein Kommentar des ehemaligen Präsidenten des Deutschen Maritimen Instituts, Lutz Feldt, EuroDefense Deutschland.

Zwei Anmerkungen zu Beginn: 1996, anläßlich der 300 Jahrfeier der Baltischen Flotte, hat Präsident Putin bei einem offiziellen Essen für geladene Gäste, vor allem aus dem Westen, ausgeführt, dass es Russland in seiner Geschichte immer gut gegangen sei, wenn es über eine bedeutende Flotte verfügen konnte.

Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und des Warschauer Paktes hat keine Region so vom Wandel profitiert, wie die Ostsee, ihre Anrainerstaaten, und die mit ihnen durch die EU und oder die NATO verbundenen Nationen. Dies ist ein hohes Gut.

Warum diese Verlegung als überraschend eingeschätzt wird, erschließt sich mir nicht. Denn der lange Marsch aus dem Schwarzen Meer, durch das Mittelmeer, die Biskaya, den Englischen Kanal, die Nordsee und dann durch Skagerrak und Kattegat, bot ausreichend Gelegenheit, diese Bewegungen zu analysieren und zu beurteilen, um darauf vorbereitet zu sein: Oder hat es niemand bemerkt? Das wäre dann ein Anlass zu wirklicher Sorge. Ganz zu schweigen von der Frage der Versorgung der beiden Schiffe, immerhin gehört die Logistik ja wohl auch zur Betrachtung.

Diese Verlegung passt voll und Ganz in das Verhalten der Russischen Föderation, das sowohl im Schwarzen Meer, im Mittelmeer und auch in anderen Seegebieten seit Jahren und Monaten zu beobachten ist. Aus dem Kaspischen Meer haben Korvetten mit Cruise Missiles in den Syrienkrieg eingegriffen, militärisch nicht entscheidend, aber deutliche Demonstration einer wichtigen Fähigkeit.

Und wenn ich auf die andauernde Aufrüstung im Kaliningrad Oblast schaue, dann stellt diese neue Bedrohung durch die schwimmende Komponente zwar eine Erweiterung der schon lange vorhandenen Fähigkeiten in der östlichen Ostsee dar, aber ganz gewiss nicht eine neue Dimension. Und sicher kein „Game Changer“.

Es kann also keine Überraschung sein, ist aber mit Sicherheit sowohl eine qualitative Verbesserung der Fähigkeiten als auch vor allem ein politisches Signal an die Ostseeanrainer und die NATO. Der Versuch, dies als eine angemessene Reaktion auf Übungen und Operationen der NATO darzustellen, erscheint mir allerdings als ein sehr ernstzunehmender Aspekt, dem mit einer gemeinsamen Informationsstrategie begegnet werden sollte, und zwar unverzüglich.

So beindruckend die technischen Daten sind und die davon abzuleitenden Fähigkeiten, so wenig sind sie vor allem im gemeinsamen Einsatz (Joint Operation) nachgewiesen. Überhaupt sehe ich in dem Beitrag eine rein auf technische Daten bezogene Bewertung, die mir als unzureichend erscheint, das wäre natürlich genauer auszuführen.

Die Verlegung ist keine „Kanonenboot-Diplomatie“, wenn wir auf den historischen Hintergrund des Begriffes reflektieren. Es ist eine taktische Maßnahme, die von einem Verständnis Maritimer Fähigkeiten als einem Teil der Diplomatie und Politik ausgeht, das der russische Präsident seit einiger Zeit im strategischen Kontext vorführt.

Wir sollten die in der Ostsee vorhandenen und erprobten Fähigkeiten zur Aufklärung und Lagebild Erstellung konsequent nutzen, Präsenz zeigen, uns ein Bild von den Schiffen und ihrem Verhalten machen. Vor allem müssen wir ein gemeinsames politisches Signal setzen, durch die NATO, die EU und vor allem durch die Baltic Commanders Conference (BCC), der Konferenz der Befehlshaber der Flotten der Ostseeanrainer. Und wir, vor Ort, sollten immer wieder darauf drängen, das auch die Nichtanrainer mit Einheiten in der Ostsee präsent sind.

4 Gedanken zu „Russlands Kanonenbootdiplomatie?

  1. Nur der Richtigkeit halber: 1996 war Putin noch 4 Jahre von der Präsidentschaft entfernt. Der Gastgeber muss also Jelzin gewesen sein…
    Im übrigen: Jetzt wo unsere 5 Schiffchen mit – wie ich lernen durfte – ihren einsatzfähigen RBS 15 an Land wirken können, hört man nicht, dass die Russen sich etwa zusätzlich bedroht fühlten. Selbst als MdB Kahrs und sein christdemokratischer Haushaltsausschuss-Kollege nun ein Geschenkpaket zur Verdoppelung dieser strike-faehigen, ostseegestuetzten Streitmacht schnürten, nahm das in Moskau niemand als Anlass zur Sorge. Uns stünde es deshalb gut an, über die zwei Buyan-M Korvetten ebenso wenig Aufhebens zu machen ;-))

  2. Von der Sache her nur Zustimmung zu den Ausführungen von Admiral Feldt und Segler.
    In Ergänzung zu den technischen Fähigkeiten: Hier sollte man vorsichtig sein. Ich erinnere nur an die totale Überschätzung der Fähigkeiten der SU und WP Marinen in den 1980er Jahren.
    Meines Erachtens ist dies ein weiterer Versuch, Notwendigkeiten zur Aufrüstung vor allem der US Navy abzuleiten. Hier sollte man aber ebenso vorsichtig sein. Die Argumente zu einer Erhöhung der US Navy auf 350 Plattformen geht weiterhin in Richtung Indischer Ozean und Westpazifik. In Europa wird eine Verstärkung der Präsenz im Mittelmeer angedacht, nicht in Ostsee oder Nordatlantik. Sie hierzu jüngstes Papier von Ronal O’Rourke für den US Congress vom 09.11.16 unter dem Titel: Navy Force Structure: A bigger Fleet?
    Auch unter diesem Aspekt sollten sich die Ostseeanrainer im NATO d(!) EU Kontext zusammensetzen, wie schon mehrfach beschrieben.
    Schon vergessen? Wachsamkeit ist der Preis der Freiheit.

    • Danke, lieber Herr Jopp, für das Vertrauen, mir schon zuzustimmen, bevor ich überhaupt etwas sage 🙂

      In der Tat sind wir wohl mehr über uns selber erschrocken – oder sollten es sein – als über Russland. Das setzt seine Streitkräfte ein, um politische Wirkungen zu erzielen. Solche Gedanken haben wir uns nach 1990 selber verboten, das tut man doch nicht.

      Leider haben wir übersehen, dass Andere das sehr wohl machen. Jetzt stellen wir fest, dass wir nur noch sehr begrenzt in der Lage sind, mit eigenen Fähigkeiten zu kontern. Schlimmer noch, wir haben verlernt, in dieser Kategorie zu denken. Deshalb sind wir überrascht und verwirrt.

      Jetzt heißt es neu zu lernen,

      bemerkt

      der Segler

  3. 20 November
    SWEDEN
    In order to improve defence of the island of Gotland, Sweden has reconstituted a coastal defence battery (with RBS-15 anti-ship missiles), disbanded in 2000

    Das meldet heute Klaus Mommsen in MF online…

    Schweden, reich an Tat – besser als die meisten NATO-Mitglieder

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