Sea Blindness vs. Defence Blindness – Wie spinnt man einen maritimen Erzählfaden? – Oder: Vom Umgang mit unbequemen Themen

Ein Gastbeitrag von Professor Dr. Marcus Albrecht

Sea Blindness – ein brisantes Thema, das uns alle angeht? Gibt man den Begriff bei Google ein, erhält man lediglich rund 6.000 Treffer hierzu; in den Dimensionen des Internets gemessen ist die Thematik demnach vielmehr eine unbedeutende Randerscheinung, den einzelnen Beiträgen folgend thematisch überwiegend „befeuert“ aus der Marine und der Schiffsindustrie. Aber bedeutet das nun, dass „Sea Blindness“ in Wirklichkeit weder ein aktuelles noch ein wichtiges Thema ist, letztlich ein von Interessenvertretern heraufbeschworenes Problem, Lobbyismus? (Den Begriff „Air Blindness“ gibt es zum Beispiel nicht, trotz durchaus ähnlich gelagerter Problematik.) Oder ist die verschwindend geringe Trefferzahl vielmehr ein Beleg dafür, dass „Sea Blindness“ wirklich existiert, (nicht zuletzt auf Grund der fehlenden Wahrnehmung) Gefährdungspotenzial birgt und es tatsächlich Handlungsbedarf gibt (einen maritimen Erzählfaden zu spinnen)?

Bereits ein Blick auf die unterschiedlichen Begriffsdefinitionen – die Google-Recherche zu „Sea Blindness Definition“ ergibt rund 1.300 Treffer – zeigt, dass das Phänomen „Sea Blindness“ höchst unterschiedlich verstanden werden kann und – je nach Interessenlage – auch verstanden wird, ein Umstand, der einem zielführenden Diskurs nicht gerade dienlich ist. Allen Definitionen gemeinsam ist, dass sie ein fehlendes Verständnis/Bewusstsein für etwas monieren, die intensionale Bandbreite erstreckt sich dabei jedoch in einem engen Sinn von dem fehlenden Verständnis für konkrete, nationale geopolitische Interessen im Hinblick auf die Ozeane bis hin zu einem weiten Begriffsverständnis als fehlendes Verständnis für die Ozeane als Lebensgrundlage und möglicher Lebensraum der Menschheit. Auch die Frage, wem eigentlich dieses Verständnis fehlt, wird definitorisch sehr unterschiedlich behandelt, einmal ist es lediglich „die Politik“, ein anderes Mal ist es „die Gesellschaft“. Lutz Feldt hat eine bemerkenswerte, weitgreifende Definition des Phänomens vorgeschlagen, nach der es hierbei „um das Wissen und das Verständnis für die See, die Ozeane und Meere“ geht und darum „wie Menschen mit der maritimen Lebenswelt umgehen“. Dabei lenkt er das Augenmerk darauf, dass es im Zusammenhang von „Sea Blindness“ ganz wesentlich darauf ankommt, genau zu hinterfragen, wofür genau die Menschen eigentlich „Blind“ sind. Und in der Tat: Fragt man Menschen danach, was sie mit dem Meer verbinden, haben die antworten, so unterschiedlich sie auch ausfallen mögen, eine Gemeinsamkeit: Sie zeigen deutlich, dass die Menschen die See keinesfalls aus den Augen verloren haben; sondern dass sie sie im Herzen tragen, dass sie viele Emotionen, Träume und schöne Gedanken damit verbinden und dass sie die See in gewissem Maße auch als ein Entstehungsgrund ihrer Lebensqualität begreifen – so weit man das eben von (im ursprünglichen Wortsinn) „bodenständigen Menschen“ erwarten kann. Das, was sie hingegen nicht oder nur unzureichend wahrnehmen, vielleicht sogar aus Hilflosigkeit verdrängen, ist vielmehr, dass auch die Ozeane (wie der Wald, die Luft, die Bienen, …), zugleich Lebensgrundlage und Ressource sind, allerdings eine Ressource, die – und darin liegt das eigentliche Problem – keinen Preis im ökonomischen Sinn hat, die sich jedoch (u.a.) auf Grund der zunehmenden Weltbevölkerung, des zunehmenden Materialumschlags, der Zunahme des multinationalen Handels und – nicht zuletzt – des schonungslosen, unverantwortlichen Umgangs mit ihr (Verschmutzung, Überfischung und unangemessene Fangmethoden, Artensterben, Besitzansprüche, um nur einige zu nennen) permanent verknappt. Und genau diese Verknappung gefährdet unsere Lebensgrundlage und erzeugt zunehmend internationale Konfliktpotenziale und -situationen, denn die Weltmeere regenerieren nur sehr langsam und bieten stellenweise nur sehr begrenzten Raum.

Hat man die Hypothese, dass zumindest in den entwickelten Ländern der Erde (im Übrigen zugleich die Problemverursacher) die meisten, jedenfalls ausreichend viele Menschen die See durchaus „im Blick“ haben und dass es vielmehr an einem ausreichenden Verständnis für die „Ökologie und die Ökonomie der See“ (und die daraus resultierenden Folgen) fehlt, erst einmal akzeptiert, ist es auch nicht mehr weit zu der Antwort auf die Frage, wie man einen maritimen Erzählfaden spinnt: Es muss letztlich darum gehen, die Empfindungen, die Sympathie, die Faszination der Menschen für die See, all das Positive, das Menschen mit dem Meer verbinden, aufzunehmen, um den Menschen klar zu machen, dass der Genuss von Schönheit und Früchten des Meeres zugleich Verantwortung für jeden Einzelnen bedeutet, Verantwortung, das, was man – letztlich nur geliehen – bekommen hat, später einmal so zurückzugeben, wie man es erhalten hat. Es geht darum, den Menschen klar zu machen, dass sie mit der Nutzung der Weltmeere unmittelbar und – und dies ist vielleicht noch wichtiger – mit ihrem Alltagsverhalten mittelbar so genannte negative externe Effekte erzeugen, die – sollen die (Meere als) Lebensgrundlage(n) erhalten bleiben – zukünftig erheblich und vor allem in „Eigenregie“ zu reduzieren sind. Und es geht darum, Wege aufzuzeigen, wie die Menschen ihr Alltagsverhalten konkret verändern können, um die natürliche Ressource „Weltmeere“ zu erhalten statt sich durch Verweis auf die scheinbar individuelle Machtlosigkeit und das Versagen der Politik zu entschuldigen. Sea Blindness – in einem schlüssigen Begriffsverständnis letztlich also eine Frage von individueller Verantwortung, Nachhaltigkeit und Generationengerechtigkeit!

Aber sind „Verantwortung für die Natur“, „Altruismus“ und „Generationengerechtigkeit“ Themen, die die Deutsche Marine, um die es hier ja auch geht, angehen? Mehr als jeden Einzelnen in der Gesellschaft jedenfalls? Ganz sicher nicht! Natürlich liegen „gesunde“ Weltmeere auch im Interesse der Marine – warum also nicht (noch) mehr Engagement zeigen, beispielweise indem man aktiv auf die Besucher von Stützpunkten und Schiffen zugeht und sie nicht nur über die Marine informiert, sondern auch in geeigneter Weise für die missliche die Lage der Weltmeere sensibilisiert und motiviert, die kleinen, aber notwendigen Dinge zu tun, die in Summe zu einen nachhaltigen Schutz der Meere führen; ihnen zeigen, wie und vor allem warum sich die Marine hier einbringt (z.B. Pollution Control) und mit gutem Vorbild vorangeht; einen ständigen Verbesserungsprozess zum Umweltschutz in der Marine selbst institutionalisieren? Dies alles ließe sich mit einfachen Mitteln realisieren, hat jedoch mit dem Auftrag der Deutschen Marine nichts zu tun. Aus Sicht der Marine dürfte die eigentliche Problematik von „Sea Blindness“ insofern weniger darin liegen, dass die Gesellschaft die See aus den Augen verliert (was sie faktisch nicht tut), als vielmehr darin, dass sie die maritimen Interessen der Bundesrepublik Deutschland, die maritime Sicherheit und – möglicherweise unabhängig davon – die Marine selbst aus den Augen verliert und schließlich die Notwendigkeit einer – starken – Marine in Frage stellt. Dass es diese Entwicklung in der Gesellschaft gibt, steht außer Frage, fraglich ist allerdings, welche Gründe dazu geführt haben bzw. führen und wie valide die jeweiligen Argumente sind.

Statt einer ausführlichen (Ursachen-)Analyse kann im Rahmen dieses im Umfang beschränkten Beitrages allerdings nur die eine oder andere Überlegung hierzu angestellt werden; eine tiefergehende, systematische Ursachenforschung wäre wohl hilfreich. Dreh- und Angelpunkt dürfte sicherlich die Frage nach der maritimen Abhängigkeit Deutschlands als Exportnation sein, die in vielen Beiträgen zum Thema angeführt wird. Die Argumentation läuft dabei im Kern darauf hinaus, dass Deutschland (die Briten und Amerikaner argumentieren für ihr Land im Übrigen ähnlich) eine Handelsnation ist, der weitaus größte Teil der ex- und importierten Waren über den Seeweg transportiert wird und unser Wohlstand insofern ganz wesentlich auf dem Seehandel und dem freien Zugang zum Meer basiert (der natürlich gesichert werden muss). Mit Verlaub und ohne hier auf jeden einzelnen Aspekt einzugehen: Bei einer derart undifferenzierten, unreflektierten und (ökonomisch) kaum haltbaren Argumentation muss man sich nicht wundern, dass einem am Ende niemand (mehr) zuhört. Natürlich hängt unser Wohlstand (auch) vom Außenhandel und einer funktionierenden Seelogistik ab; aber wie sehr ist denn die Freiheit der Seewege (aktuell) weltweit wirklich bedroht, Bedrohungen denen man nicht im wahrsten Sinne des Wortes ausweichen und mit entsprechend veränderten Fertigungs- und Logistikkonzepten, mit der Kreativität der Wirtschaft, flexibel begegnen könnte und die eine militärische Intervention tatsächlich rechtfertigten? Wie änderte sich dies in einem Verteidigungsfall, wie sehr würden wir im Falle welches militärischen Konflikts tatsächlich „aushungern“ und (wie) wären wir in der Lage, mit dieser Bedrohung umzugehen? Und wie stark wird die Bedeutung des Seetransports angesichts zukünftig wieder steigender Ölpreise und einer damit einhergehenden Umkehrung der Globalisierung (Stichwort: Nearsourcing) ohnehin zurückgehen? Fragen, auf die die Bürger bislang keine zufriedenstellenden Antworten erhalten haben. Oder doch? Denn aus der Presse erfahren sie zum Beispiel, dass die niedrigen Ölpreise es derzeit ökonomisch attraktiv erscheinen lassen, längere Seewege in Kauf zu nehmen um die Gefahrenregion am Horn von Afrika einfach zu umgehen und dass Reedereien kostengünstig private Sicherheitsdienste in Anspruch nehmen (könnten), um Ihre Schiffe in dieser Region zu sichern. Informationsfragmente, aus denen die Bürger selbst Rückschlüsse ziehen (müssen) – und welchen einzigen Schluss lassen diese Informationen beispielsweise im Hinblick auf die Operation ATALANTA nur zu?

Sea Blindness – verursacht durch einen ungeeigneten maritimen Erzählfaden, eine mantraartig heruntergebetete Argumentation, die den Bürger nicht ernst (genug) nimmt, und durch eine ungeeignete Informations- und Kommunikationspolitik? Sicherlich, aber die Problematik dürfte noch tiefer gehen. Sie dürfte zum einen – auch – darin begründet sein, dass die Marine in den vergangenen Jahren in der Öffentlichkeit dadurch an Glaubwürdigkeit verloren hat, dass sie sich zum politischen Spielball hat machen lassen, dass Sie – in den Augen der Öffentlichkeit mehr oder weniger widerstandslos und unkritisch – Aufträge angenommen hat, die entweder nicht mit dem Auftrag korrespondieren, der ihr von den Bürgern zugeordnet wird oder die von den Bürgern auch einfach nicht mehr verstanden bzw. als sinnvoll erachtet werden und diese Einsätze letztlich, trotz des hohen Ressourceneinsatzes aus Laiensicht(!) nicht überzeugend zu meistern verstanden hat, nicht die Ergebnisse erzielt hat, die sich ein Nicht-Fachmann vorstellt (und dies alles begleitet von einer entsprechend kritischen, teilweise negativ voreingenommenen Presse). Wohlgemerkt: Es ist nicht die Arbeit der Soldaten und der Marine (die faktisch großartiges leisten), die hier kritisch wahrgenommen wird, es sind die Aufträge selbst, die auf die Marine zurückwirken und zu einer Schädigung ihrer Reputation führen. Deutlich verschärft wird diese Glaubwürdigkeitskrise zum anderen dadurch, dass weite Teile der Gesellschaft den staatlichen Institutionen (Polizei und Bundewehr) angesichts der Lage in der Welt, der Bedrohung durch terroristische Angriffe, der durch die zunehmenden Migrationsströme ausgelösten Verunsicherung und der – aus ihrer Sicht wohl unzureichenden – Antworten von Polizei und Militär darauf offenbar generell nicht mehr zutrauen, für ihre Sicherheit zu sorgen. Diese Entwicklung hat natürlich auch eine Ausstrahlungswirkung auf die Marine.

Sea Blindness – verursacht durch Enttäuschung? Denn es ist eine alte Weisheit, dass Enttäuschung zu Abwendung führt. Sicherlich eine provokante Hypothese. Aber was wäre, wenn diese Hypothese trifft? Dann bestünde ein maritimer Erzählfaden darin, sich darauf zurückzubesinnen, wozu man eigentlich da ist, darauf, was sinnvoll möglich ist und was keinen Sinn macht und öffentlich kontrovers hierüber zu diskutieren, um eine „Täuschung“ bzw. „Selbsttäuschung“ (?) der Bürger, der Presse, der Politik über die Aufgaben und die Möglichkeiten der Marine zu verhindern, um spätere „Ent-Täuschung“ zu vermeiden. Dann bestünde der maritime Erzählfaden nicht in See- und Seefahrerromantik, sondern darin, sich (endlich) zu positionieren und klare Aussagen darüber zu erarbeiten und zu vermitteln, was dieses Land und seine Bürger von der Deutschen Marine erwarten (können bzw. sollten), welche tatsächliche maritime Bedrohungslage aktuell besteht bzw. sich langfristig entwickeln könnte und wie die Deutsche Marine hierauf antworten könnte, welche Ziele und Ergebnisse sie mit den aktuell gegebenen Mitteln realistisch, glaubwürdig und ohne Beschädigung ihrer Reputation oder Demotivation ihrer Soldaten erreichen kann; klare Aussagen darüber, welche Aufgaben keinen Sinn machen etwa weil es Alternativen gibt oder weil bei einer Aufgabenübernahme die Fähigkeit zu Erfüllung anderer Aufgaben unzulässig eingeschränkt wird; klare Aussagen darüber, welche Größenordnung und damit welches Budget für welches Aufgabenspektrum erforderlich und politisch-/ökonomisch vertretbar ist. Sea Blindness – letztlich dann eine Frage einer – gesellschaftlichen – ergebnisoffenen Diskussion von Bedrohungen, Zwängen, Möglichkeiten und Grenzen, von Sinn und Unsinn, einer langfristig stabilen politischen Ausrichtung in Fragen der Außenpolitik und der Verteidigung und einer darauf aufbauenden verbindlichen Vereinbarung über ein klar abgegrenztes Aufgabenspektrum, einer angemessenen, langfristig planbaren und stabilen Ressourcenzuweisung und eines Worthaltens der Politik auch über Wahlperioden hinaus! So eine Diskussion mag für die Marine manche Risiken bergen – langfristig kann sie dabei nur gewinnen.

Und wenn die Gesellschaft die maritime Sicherheit und die Marine selbst aus den Augen verliert, weil es keine wahrgenommene Bedrohung mehr gibt, weil es keine Wehrpflicht mehr gibt und weil der „kalte Krieg“ vorbei ist? Weil die aktuellen außenpolitischen und militärischen Konflikte so weit weg sind, dass sie uns nicht zu betreffen scheinen? Oder weil wir mit kognitiver Dissonanz zu tun haben, die Augen vor den möglichen Folgen der Entwicklungen in der Welt ganz bewusst verschließen, weil es uns gut geht und wir Angst haben, dass wir das Erreichte eines Tages verteidigen müssen – dies aber gar nicht wollen, denn dann könnten wir ja unseren Wohlstand nicht mehr genießen? Sea Blindness (dann aber wohl eher: Defence Blindness) als psychologisches Phänomen oder als „Wohlstandskrankheit“? Dann bestünde ein zeitgemäßer maritimer Erzählfaden in einer ehrlichen (!) Einschätzung der militärischen Bedrohungslage durch glaubwürdige Experten jenseits von Lobbyismus und Weißbuch und in der ständigen Information der Bürger darüber (Erhöhung der dissonanten Information zur Reduzierung der kognitiven Dissonanz) und darin, dass man den Bürgern klarmacht, dass man Freiheit und Wohlstand nicht geschenkt bekommt (wie die Historie zeigt), sondern dass man auch etwas dafür tun muss – und das kann im Zweifelsfall nun einmal darin bestehen, Freiheit und Wohlstand mit dem eigenen Leben zu verteidigen. Gerade der jüngeren Generation, der so genannten „Generation Y“ scheint dieses (Verantwortungs-)Bewusstsein ein Stück weit abhanden gekommen zu sein. Und man muss natürlich zweifelsfrei klarmachen (eigentlich ja eine Stattsaufgabe, aber …), dass es hierbei keinen Raum für Trittbrettfahrer gibt („Dafür haben wir ja Soldaten, die bezahle ich doch dafür.“). Vielleicht gehört in diesem Zusammenhang sogar die Diskussion über die Wiederaufnahme der allgemeinen Wehrpflicht – und zwar für Männer und Frauen – zu einem modernen maritimen Erzählfaden? Es kann ja dann bei der Diskussion bleiben …

Sea Blindness – verursacht durch Enttäuschung oder durch Vergessen und Verdrängen? Wie auch immer man zu diesen Überlegungen stehen mag, fakt ist die bereits oben angedeutete und unbestreitbare Konsequenz: Die Marine gerät aus dem Blick der Öffentlichkeit. Damit richtet die Frage nach einem modernen maritimen Erzählfaden die Aufmerksamkeit noch auf einen anderen Aspekt, nämlich den der Kommunikationsstrategie. Zeitgemäße Stakeholder-Kommunikation war wohl noch nie eine Stärke der Marine (bzw. der Bundeswehr generell), doch ohne eine entsprechende Kernkompetenz in dieser Disziplin dürfte jedes Bemühen, den Menschen „die Augen zu öffnen“, scheitern. Doch wie beendet man ein Schattendasein? Ganz einfach indem man ins Licht tritt! Wenn die Marine zukünftig Gegenstand der öffentlichen Wahrnehmung und Diskussion sein möchte, dürfte dies nicht ohne eine deutlich andere Haltung zu „Kommunikation“ und einen deutlichen Kurswechsel in der Kommunikationspolitik möglich sein. Über das Auftreten von Herrn zu Guttenberg in der Öffentlichkeit während seiner Zeit als Verteidigungsminister mag man beispielsweise denken, was man will – er hat aber einen Weg angedeutet, wie man die Bundeswehr gesellschaftlich ins Gespräch bringen kann. Aus der Bundewehr waren damals viele kritische Stimmen zu hören, doch man muss einfach eingestehen, dass man mit einer konservativen Kommunikationspolitik in einer Medien- und Informationsgesellschaft nicht weit kommt. Ein Blick auf die Klickzahlen der Marine-Website dürfte diesbezüglich vermutlich Bände sprechen. Es braucht – permanent – Schlagzeilen und „schillernde“ Persönlichkeiten, um heute in der Presse und damit in der öffentlichen Diskussion präsent zu sein und die Marine muss sich Gedanken darüber machen, ob sie dies wirklich möchte oder nicht. Sie muss sich Gedanken darüber machen, ob sie weiterhin bloß in Fachmedien präsent sein will, oder diesen engen Rahmen verlassen möchte, um weiter in die Gesellschaft zu rücken. Und sie muss sich auch Gedanken über neue und andere Formen der Öffentlichkeitsarbeit machen: Auf welchen Industrie- und Publikumsmessen außer der Boot ist die Deutsche Marine beispielsweise präsent und mit welcher Botschaft tritt sie dort auf, um nur ein Beispiel zu nennen? Wer sich exponiert, wird natürlich angreifbar, wird aber wahrgenommen und kann letztlich nur gewinnen, wenn er mit den Angriffen souverän umzugehen weiß. Die so genannte „Gorch-Fock-Affäre“ und die Geburt von Sophia sind ganz unterschiedliche Beispiele dafür, dass die Marine hier dringend eine Positionsbestimmung vornehmen und sich weiterentwickeln sollte. Übrigens: Wer ein Beispiel für einen überzeugendend und professionell vermittelten maritimen Erzählfaden sucht, dem sei die Kampagne der DGzRS empfohlen: Überzeugend,  ehrlich, sympathisch, emotional, interessenverbindend, modern – erfolgreich!

Man kann allerdings auch zu der Überzeugung kommen, dass es möglicherweise besser wäre, nicht aus dem Schattendasein herauszutreten. Eine valide Position (Reden ist Silber, Schweigen ist Gold, wie schon der Volksmund sagt) und faktisch dürfte dies sogar ein weitaus kleineres Problem sein, als in der – interessengeleiteten – Diskussion um „Sea Blindness“ weithin angenommen wird. Sofern man nur richtig damit umgeht. Ein Beispiel hierfür findet man in einer anderen Sphäre, nämlich in der Wirtschaft. Kennen Sie die ältesten Unternehmen Deutschlands, mehr als 500 Jahre alt? Oder kennen Sie einen der so genannten Hidden Champions, mittelständische Unternehmen, die teilweise länger Weltmarktführer sind, als die Deutsche Marine besteht? Vermutlich nicht. Diese Unternehmen sind einfach da, kaum jemand nimmt Notiz von ihnen, aber sie überdauern ihre Herausforderungen. Dies vor allem deshalb, weil sie im Laufe der Jahre eine ganz wesentliche Eigenschaft erworben haben: Sie haben gelernt, ihre Kernaufgabe zu redefinieren und sich flexibel anzupassen, wenn es darauf ankommt; und sie haben gelernt, wann sie ihre Kernaufgabe trotz widriger Umstände gerade nicht redefinieren dürfen! Und sie haben sich dabei stets ausschließlich von Ihrer Daseinsberechtigung leiten lassen. Anders ausgedrückt: Experten, die ihr Handwerk verstehen, leisten ungeachtet von Zeitgeisterscheinungen und kurzfristigen Strömungen im verborgenen eine professionelle, zuverlässige und erfolgreiche Arbeit und sind vorbereitet, wenn Sie von Ihren Kunden gebraucht werden. Die Analogie zeigt, dass es per se kein Problem sein muss, wenn man gesellschaftlich nicht wahrgenommen bzw. keine Lobby hat, sondern dass es vielmehr auf bestimmte organisationale Fähigkeiten ankommt, um zu bestehen. Wenn die Marine also eine zeitgemäße Intensivierung der Öffentlichkeitsarbeit aus welche Gründen auch immer nicht in Betracht zieht, sollte sie auch nicht mit dem Phänomen einer vermeintlichen Sea Blindness hadern und versuchen, einen – dann naturgemäß halbherzigen – maritimen Erzählfaden zu spinnen. Sie sollte dann vielmehr die Marine konsequent aus der Öffentlichkeit herausnehmen, die eigene Organisation hinterfragen und herauszufinden versuchen, was einer vitalen Entwicklung der Deutschen Marine jenseits der öffentlichen Wahrnehmung entgegensteht: Das über Jahrzehnte gewachsene Selbstverständnis einer staatlichen Institution, die auch durch veränderte Bedingungen nicht in Frage gestellt wird, die sich selbst nicht in Frage stellen muss? Ein elitäres Selbstverständnis und, damit korrespondierend, organisationale Resistenz gegen neue Ideen und deren Umsetzung? Erstarrte Strukturen und eine blockierte Verwaltung? Fehler in der Personalpolitik, der Führungskräfteentwicklung, und der Anreizsetzung? Die Liste möglicher Hemmnisse ließe sich fortsetzen …

Sea-Blindness – letztlich ein schillerndes, facettenreiches Phänomen, schwierig zu fassen und auszuloten, aber auf unterschiedlichste Weise von Belang:

  • … in einem weiten, ökologisch geprägten Verständnis eine langfristige, existenzielle Herausforderung für Gesellschaft und Politik, ein „Megatrend“ des 21. Jahrhunderts. Man kann dieser Herausforderung nicht durch politische oder ökonomische Konzepte begegnen, sondern nur – und nur das wäre ein moderner maritimer Erzählfaden –, indem es gelingt, die Menschen für ihr eigenes Verhalten zu sensibilisieren und zu einer Verhaltensänderung zu bewegen. Eine spannende und lohnenswerte (neue) Aufgabe für die Marine und das DMI, hieran mitzuwirken (!), z.B. mit einer Abteilung oder einem Institut für See-Ökonomie und -kommunikation?
  • … in einem engeren Sinn eine existenzielle Herausforderung für die Deutsche Marine, auf die die Marine ganz unterschiedlich reagieren kann: Politisch, durch geeignete Kommunikationskonzepte, durch organisationale Anpassungsmaßnahmen und neue Management-Konzepte und vor allem durch eine ehrliche, klare und klar kommunizierte Position – alles wäre ein Schritt in die richtige Richtung. Es kommt darauf an, sich überhaupt zu bewegen und den ersten Schritt zu gehen – sonst ist Sea Blindness in diesem Sinne nichts weiter als ein „hausgemachtes“ Problem!
  • … im engeren Sinne vor allem eine dringliche Herausforderung, die zeitnahes, konsequentes Handeln erfordert. Jeder Weg beginnt mit dem ersten Schritt – doch sollte die Marine diesen Schritt nicht mit der ihr bislang eigenen „Veränderungsdynamik“ angehen sondern rasch und konsequent. Sonst heißt es möglicherweise bald in der Öffentlichkeit: Marine? Mit der Marine können wir nicht viel anfangen … Dies wäre fatal – und schade!

In diesem Sinne sei der Deutschen Marine vielleicht abschließend ans Herz gelegt (und auf die Agenda geschrieben): „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“ (Hermann Hesse, Stufen, aus: Das Glasperlenspiel)

Ein Gedanke zu „Sea Blindness vs. Defence Blindness – Wie spinnt man einen maritimen Erzählfaden? – Oder: Vom Umgang mit unbequemen Themen

  1. Ich glaube, dass dies ein guter Beitrag ist. Ich konnte ihn aber leider nicht zu Ende lesen, weil ich ihn für einen Blog-Beitrag zu lange finde.

    Unter „Sea Blindness“ verstehe ich in erster Linie die „Es-funktioniert-nicht-perfekt-aber-es-funktioniert-Haltung“ aus Berlin: Solange die Marine ihre Aufgaben erfüllt, scheint ja auch die finanzielle Ausstattung ausreichend zu sein. Der Haushalt der Marine scheint auf das Nötigste reduziert zu werden. Das halte ich in Anbetracht der humanitären, militärischen und wirtschaftlichen Aufgaben der Marine für unverhältnismäßig.

    Zudem wird der Marine nicht die Anerkennung zuteil, wie ihr aus Politik und Gesellschaft gebührt. Dies ist allerdings ein Makel, mit dem die Streitkräfte als Ganzes konfrontiert sind.

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