Verschmutzung der Meere und Meeresschutzkonventionen

Ein Gastbeitrag von elementar Analysensysteme

Für den Schutz der Ost- und Nordsee wurden im Laufe der 1970er Jahre die ersten regionalen Meeresschutzübereinkommen in Europa getroffen. Die Gründung der ersten Abkommen geschah unter dem Eindruck eines der ersten großen Öltankerunglücke der Geschichte. Die Torrey Canyon havarierte 1967 mit 120.000 Tonnen Rohöl vor der Küste Englands und führte die Notwendigkeit einer internationalen Zusammenarbeit zum Schutz der Ozeane drastisch vor Augen. Heute sind die beiden Abkommen HELCOM und OSPAR für diese Meeresregionen zuständig. Dem Gewässerschutz sind nicht nur die direkten Anrainerstaaten unterworfen, sondern auch alle Staaten, die durch Tributar-Gewässer indirekt mit Nord- und Ostsee verbunden sind. So ist beispielsweise auch die Schweiz Signatarstaat im OSPAR-Vertrag und mitverantwortlich für den Schutz der Nordsee. Die nicht unfallfreien Chemiewerke am Basler Rheinknie verdeutlichen diese Logik unmittelbar.

Den Bemühungen dieser Übereinkommen und ihrer exekutiven Kommissionen ist es zu verdanken, dass bereits große Fortschritte im Meeresschutz erzielt werden konnten. Aber der Reihe nach. Es gibt verschiedene Stoffklassen, die für die Verschmutzung unserer Meere verantwortlich sind. Einige davon wurden erkannt und durch entsprechende Regelungen eingedämmt.

Besonders gefährlich sind Schadstoffe mit den drei Eigenschaften persistent, bioakkumulierend und toxisch. Das bedeutet, dass sie nur langsam oder gar nicht abgebaut werden, sich in Lebewesen anreichern und dazu auch noch giftig sind. Zusammengefasst werden diese Stoffe dementsprechend PBT-Stoffe genannt. Durch die Anreicherung über längere Zeiträume können Einträge von PBT-Stoffen in unsere Ozeane ihre Wirkung erst mit zeitlicher Verzögerung zeigen, so dass die unmittelbare Quelle nur schwer ausfindig gemacht werden kann. Besonders von PBT-Stoffen betroffen sind Tiere, die weit oben in der Nahrungskette stehen. Ein gutes Beispiel ist der Seeadler, dessen Bestände im Baltikum unter dem Einfluss von DDT und anderen hochgiftigen Pflanzenschutzmitteln schwer litten. Seit dem flächendeckenden DDT-Verbot in den 1970er Jahren konnten sich die Bestände allmählich wieder auf ein Normalmaß erholen.

Eine weitere gefährliche Stoffklasse sind endokrin wirksame Stoffe, die sich auf die Hormone betroffener Lebewesen auswirken. Zu nennen ist hier vor allem TBT, das dem männlichen Geschlechtshormon ähnliche Tributylzinn. Die Bestände bestimmter Molluskentypen gingen aufgrund von Fortpflanzungsstörungen unter dem Einfluss von TBT dramatisch zurück. Bis zu einer EG Verordnung aus dem Jahr 2003 wurde TBT durch die Antifouling-Beschichtung von Schiffen in die Meere eingebracht. Dem ist jetzt ein Riegel vorgeschoben.

Auch was den Eintrag von Schwermetallen aus Industrieabwässern angeht, konnten große Fortschritte verzeichnet werden. Die Schwermetallbelastungen der Oberflächengewässer zumindest im deutschen Einzugsgebiet von Nord- und Ostsee sind seit Jahren rückläufig. Also alles gut?

Leider nein: Trotz aller Erfolgsmeldungen der Meeresschutz-Kommissionen und der EU sind die Meere nach wie vor weit davon entfernt, in einem guten ökologischen Zustand zu sein. Dies zeigte die Anfangsbewertung der Meeresstrategie Rahmenrichtlinie für die deutsche Nord- und Ostsee. Auch weltweit belegen Studien immer wieder die Belastungen der ozeanischen Flora und Fauna mit Schadstoffen: Zwar wurde der Einsatz hochgiftiger Schadstoffe wie DDT, PCBs oder TBT großflächig verboten, nachdem ihre Gefährlichkeit bekannt wurde. Dennoch lagerten sich in den Jahren und Jahrzehnten ihres unbegrenzten Einsatzes große Mengen davon in den Ozeansedimenten ab. Dadurch bleiben die Schadstoffe noch auf Jahrzehnte hinaus gefährlich. Vor allem in Häfen und an Schifffahrtswegen ist die Belastung mit einzelnen Stoffen nach wie vor hoch. Bei Ausbaggerungen wie bei der aktuell geplanten Elbvertiefung, Baumaßnahmen von Offshore-Windparks, aber auch unter dem Einfluss von Strömungen und Hochwässern werden vorhandene Schadstoffe wieder aufgewirbelt und kommen erneut in Umlauf.

Dazu kommt, dass für jeden Stoff, der verboten wird, neue toxische Stoffe nachrücken. Ein aktuelles Beispiel ist die Perfluoroctansulfonsäure PFOS, die alle Bedingungen erfüllt, um als astreiner PBT-Stoff durchzugehen. Besonders besorgniserregend bei diesem Stoff ist, dass diesmal nicht “nur” Seeadler und Schnecken betroffen sind. Besonders in menschlichem Blut und Muttermilch ist PFOS sehr langlebig. Die Chemikalie findet sich in zahlreichen unserer Alltagsgegenstände wieder, beispielsweise ist sie in den Antihaft-Beschichtungen von Pfannen vertreten, aber auch in wasserfester Bekleidung, im Feuerlösch-Schaum oder veredeltem Papier.

Auch die Eutrophierung, das heißt die Anreicherung von unerwünschten Nährstoffen und die Folgen des resultierenden Algenwachstums ist aktuell ein großes Problem für die Meeresumwelt. Ursache sind die Einträge gewaltiger Mengen von Stickstoff und Phosphor durch Düngemittel und andere Quellen in Oberflächengewässer und schließlich in die Meere. Zu den drastischen Folgen gehört nicht nur eine Eintrübung des Gewässers durch das schnell wachsende Phytoplankton und dadurch der Entzug von lebenswichtigem Sonnenlicht, der im Sediment wurzelnde Pflanzen verkümmern lässt. Auch die Bildung von Schaum- und Schleimbergen an den Küstenregionen, die durch mechanisch freigesetzte Zelleiweiße der Algen entsteht, ist noch vergleichsweise harmlos. Mit am drastischsten ist der Sauerstoffverbrauch, der beim Zersetzungsprozess der abgestorbenen Algen anfällt. Dieser Sauerstoff fehlt bei einem erhöhten Algenaufkommen dann der lokalen Meeresfauna. Fischsterben, aber auch ein Verschwinden der weniger mobilen Lebewesen wie Muscheln oder Seesternen sind die Folge. Die Zahl dieser sogenannten Totzonen, in denen Meeresfauna keine Chance hat, hat sich in den Weltmeeren seit Beginn der Messungen alle zehn Jahre verdoppelt: Waren es 1960 noch 10 lebensfeindliche Gebiete, sind es 2008 bereits 405 gewesen. Und eine der weltweit größten Totzonen liegt in der Ostsee: Sie hat eine Fläche von 84.000 Quadratmetern.

Schon diese kurze Auflistung, die natürlich weit davon entfernt ist, alle aktuellen Bedrohungen der Wasserqualität von Nord- und Ostsee anzusprechen, zeigt deutlich, dass trotz der bereits erzielten Erfolge noch lange nicht alles gut ist. Natürlich ist der Schutz der Meere kein Selbstzweck – dass das Meer für uns Menschen auch eine wichtige Ressource ist, die in unserem ganz eigenen Interesse geschützt werden muss, wurde in diesem Blog schon mehrfach angesprochen. Hierbei kann nur das konsequente Überwachung der Wasserqualität und ein Weiterverfolgen von Umwelt- und Gewässerschutzzielen helfen. So hat sich die EU 2000 und 2008 mit der Wasserrahmenrichtlinie und der Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie (MSRL) Instrumente geschaffen um den “Verlust der biologischen Vielfalt [zu] beenden”. Sie haben das Ziel, bis 2020 einen guten Zustand der Meeresumwelt zu erreichen und zu erhalten. Drei Jahre vor Fristende sind die rechtlichen Voraussetzungen für eine nachhaltige Nutzung mariner Ressourcen gegeben und Meeresschutzgebiete wurden ausgewiesen. Doch diesen guten Absichtserklärungen müssen Taten folgen und die Meeresschutzgebiete effektiv geschützt werden, statt dort weiter zu fischen, Rohstoffe abzubauen oder militärische Übungen abzuhalten. Die Umweltverbände fordern eine “Nullnutzung” der Meeresschutz-Zonen, um die Biodiversität in den ausgewiesenen Gebieten zu fördern. Stattdessen droht der Bundesregierung ein Vertragsverletzungsverfahren, weil getroffene Vereinbarungen zum Meeresschutz derzeit nicht oder nur ungenügend eingehalten werden. Es bleibt zu erwarten, welches Fazit 2020 gezogen werden wird.

 

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