Seekrieg aus der Luft – reloaded?

Durch den Blätterwald rauschen Auszüge aus den „Vorläufigen konzeptionellen Vorgaben für das künftige Fähigkeitsprofil der Bundeswehr“, das bis 2032 gegenüber der NATO eingenommen werden soll (F.A.Z. PLUS Beitrag „Bis zu den Sternen“ vom 18. April). Es handelt sich um eine nicht verbindliche Absichtserklärung; nichtdestotrotz führt sie zu einer – berechtigten – Erwartungshaltung im Bündnis. Für den Beitrag der Marine ist unter anderem Folgendes zu vernehmen (Unsere Hervorhebung): „Zeitgleiches Bereitstellen von mindestens 15 schwimmenden Plattformen inklusive Unterstützungseinheiten über alle „Maritime Warfare Areas“ (dreidimensionaler Seekrieg) und zusätzlich von zwei Seefernaufklärern für eine Naval Task Force mit höchster/hoher Reaktionsfähigkeit. … Befähigung zum Kampf im gesamten Intensitätsspektrum, Fortschreibung der Befähigung zur dreidimensionalen Seekriegführung mit der Erweiterung auf die Nutzung des Cyber- und Weltraums und der Wiederherstellung der Befähigung zum Führen Seekrieg aus der Luft.

Es war ein schwarzer Tag für die Marineflieger, als das verbliebene Tornado-Geschwader der Luftwaffe mit der Maßgabe überstellt wurde, dass die Fähigkeit „Seekrieg aus der Luft“ aufrecht zu erhalten sei. Schon damals war klar, dass die maritime Dimension nicht zu den Prioritäten der Luftwaffe gehören würde. Nun ist es an der Zeit, die Forderung „Wiederherstellen der Befähigung zum Führen Seekrieg aus der Luft“ sauber herzuleiten. Damit keine falschen Begehrlichkeiten geweckt werden: Es geht nicht darum, ein Tornado-Geschwader in die Marine zurückzuholen. Der Zug ist – auch mit Blick auf die begrenzte Lebensdauer des Flugzeugmusters –abgefahren. Es ist unwahrscheinlich, dass bei der geforderten Fähigkeit an ein bemanntes Kampfflugzeug gedacht wird. Richten wir das Augenmerk eher auf die See- und Landziel-Bewaffnung der Seefernaufklärer sowie künftige unbemannte Systeme.

Seefernaufklärer P-3C „Orion“ der Deutschen Marine über dem Flughafen Tegel, 2009.

Bei den Seefernaufklärern sind zwei Komponenten zu beachten: Zum einen die Fähigkeit der Orion P3; zum anderen die Frage, ob Deutschland als „MPA Lead nation“ in Europa den nächsten Schritt gehen muss. Es ist offenkundig, dass die Orion P3 der Deutschen Marine Lenkflugkörper und Torpedos tragen kann. An dieser Stelle stellt sich die Frage, nach der künftigen Bewaffnung vor dem Hintergrund der neuen, nordeuropäischen Industriekonstellation im Zusammenhang mit der deutsch-norwegischen U-Boot-Kooperation. Wir denken an ein industrielles Viereck aus Diehl Defence, Atlas Elektronik, Kongsberg und Saab. Atlas ist mit Kongsberg beim Führungssystem der Boote U212 NG unterwegs. Berlin hat sich erklärt, dass auf das Mehrzweckkampfschiff MKS 180 die nächsten Generation der norwegischen Joint Strike Missile eingerüstet wird. Auf dem Fundament des RSB 15 – eingerüstet auf der Korvette K 130 – ist Saab von der schwedischen Regierung beauftragt worden, die nächste Generation luft- und seegestützter FK zu entwickeln. Industriepartner ist Diehl Defence. Wir haben Atlas Elektronik in diesem Zusammenhang erwähnt, da das Wirkmittel „Torpedo aus der Luft“ mitberücksichtigt werden muss.

Das Argument steht im Raum, dass das amerikanische System Harpoon betrachtet werden muss. Jedoch spricht die oben beschriebene, politisch gewollte, nordische Kooperation eher eine andere Sprache. Norwegen und Großbritannien beschaffen die nächste Generation MPA: Poseidon P8 von Boeing. Sollte Deutschland als europäische Lead nation nicht auch den nächsten Schritt gehen? Natürlich wird der europäische Platzhirsch Airbus eine MPA-Fähigkeit anbieten. Des Weiteren muss geklärt werden, ob die Orion P3 – ordentlich bewaffnet! – solange in Nutzung gehalten werden sollte, bis eine technologisch realistische Migration zu unbemannten bewaffneten Systeme ansteht. Als europäische Anlehnungsmacht, die Partner vor allem im Ostseeraum ertüchtigt, muss Berlin die neue/alte Fähigkeit Seekrieg aus der Luft auch den Verbündeten zugänglich machen. Es bleibt konzeptionell viel zu tun!

15 Gedanken zu „Seekrieg aus der Luft – reloaded?

    • Danke, Herr Jopp, hätten Sie einen Link zum UAV Triton, damit wir mehr darüber erfahren,

      fragt neugierig

      der Segler

  1. Etwas Wasser in den Wein des insgesamt guten Beitrags muss ich kippen… Die Rolle der Fa. ATLAS Elektronik (AE) wird trotz des kürzlich groß publik gemachten Joint Venture mit Fa. Kongsberg wohl weit bescheidener ausfallen als suggeriert, Leser mit aktuellerem Wissen mögen mich da korrigieren:
    1. Sollte es endlich so weit sein, dass die deutsche P3 Orion Ujagd-Torpedos einsetzen kann, dann wird das der seit fast 10 Jahren eingeführte LWT von Fa. Eurotorp, MU-90, sein, für den AE lediglich Komponenten besteuert. Für den schwachbruestigen Sealynx ist das Gerät zu schwer, ergo Ujagd aus der Luft ist in der Deutschen Marine derzeit und noch für lange Zeit ein Trauerspiel
    2. Das FüWES für das norwegisch-deutsche U212NG wird kein Gemeinschaftsprodukt mit Beteiligung AEs sein, sondern ausschließlich Kongsbergs MSI-90U. AE dürfte lediglich bei der Sonarausstattung seinen angemessenen Anteil erhalten.

    • Der Aufsatz geht von einem Zeitpunkt 2030 aus. Das bedeutet doch u.a. der Nachfolger des Sea Lynx fliegt in der Deutschen Marine und kann mehr zuladen. Und was ein künftiges FÜWES anbetrifft, befinden wir uns doch noch in einer frühen Phase. Wer von uns weiß denn 2017, wer 2030 mit wem in der Rüstung zusammenarbeiten wird?

    • Mit Verlaub, Herr Jopp,
      die Zeiträume in der Rüstung – wem sage ich das – sind nun doch etwas langatmiger…und die einschlägigen Erfahrungen zur Rüstungskooperation mit Norwegen allemal. Zur Erinnerung: Das MoU zur Implementierung von deutschen Torpedos, Sonaren und Sehrohren sowie eines norwegischen FüWES (MSI90-U)auf der gemeinsamen Klasse U210/ULA wurde 1983 geschlossen. Die ULA-Klasse lief planmäßig in den Neunzigern zu, die Deutschen stiegen aus U210 aus, übernahmen vertragstreu die Verpflichtungen auf U211, stiegen aus U211 1987 aus, übernahmen alles (bei halbierter Stückzahl) auf U212 und stellten dieses Boot erstmals 2005 in Dienst. 22 (!!) Jahre nach Abschluss des MoU. Ergo: Selbst wenn die 2 deutschen U212NG (wider Erwarten) erst in 22 Jahren nach voraussichtlichem Vertragsabschluss (2019) zulaufen sollten, werden sie mit hoher Wahrscheinlichkeit ein norwegisches FüWES haben, so wie sich die deutsche Regierungsseite Anfang diesen Jahres auf ein solches festlegen ließ und bis zum Vertragsabschluss davon kein Jotta wird abweichen können!
      Ich bin beileibe kein Experte bei fliegenden Systemen, kann aber lesen. Im MF Heft 11/2016 steht ab S.16ff dass der Sea Lynx Mk88A „obsoleszenzbedingt bis 2025 aus der Nutzung“ gehen wird. Für das Nachfolgemuster sei der „Integrierte Planungsprozess angestoßen“ und der „bruchfreie Fähigkeitsübergang“ stelle eine „wesentliche Herausforderung dar“, heißt es wenig konkret und umso vielsagender für den Skeptiker. Grund genug für mich zu behaupten, dass die fliegende Ujagd in der Deutschen Marine noch für lange Zeit ein Trauerspiel sein wird.

    • Die deutschen Entscheidungen der 1980er Jahre zur Zukunft eigener Uboote sollten wir nicht zum Maßstab für die Zukunft nehmen. Daher ja auch mein Hinweis auf die Poseidon P8 und – eigentlich zugehöriges unbemanntes System Triton. Da hier ja in UK und N bereits Entscheidungen gefallen sind, sollte man bei uns – wenn den U-Jagd aus der Luft wichtiger wird – gedanklich bereits jetzt Entscheidungen vorbereiten, die dann in der Realisierung schneller gehen.
      Zur Rüstungsbeschaffung der Vergagenheit insbesondere bei uns stimme ich Ihnen voll zu. Und zu Ihrem Zitat aus dem Marineforum: ja, typische Ministerialsprache, die aussagt, dass die notwendigen Hausaufgaben noch nicht richtig begonnen haben. Aber auch beim Thema U-Jagd Hubschrauber liegen viele Versäumnisse schon bei der Marine, nicht erst bei der Rü.

    • @Jopp,
      es geht mir nicht darum deutsche Entscheidungen der Vergangenheit zu kritisieren, sondern aufzuzeigen, was für ein beinharter Vertragspartner Norwegen war, ist und sein wird. Diesbezüglich gibt es nicht den Hauch eines Zweifels, dass auch 2030 der Kooperationspartner für die Deutschen bei U-Booten UND bei Flugkörpern NORWEGEN=Kongsberg heißt.

    • Danke, Herr Borchert, das ist in der Tat eine lesenswerte Studie. Erstmal müssen sich die Marinen der NATO wieder darüber klar werden, gegen wen und was der Seekrieg aus der Luft einschließlich der Bekämpfung von Ubooten zu führen ist, dann darüber, wie das geht!

  2. Die Erkenntnis, dass die Fähigkeit zum Seekrieg aus der Luft – leider – wieder in das Spektrum der Bw aufgenommen werden sollte, ist zwar folgerichtig, kommt aber spät, wahrscheinlich eher zu spät. Alles, was in der landkriegslastigen Planung Bestand haben könnte, ist die Bewaffnung der MPA. Und selbst die könnte, wie hier gerade diskutiert, eher ein Politikum denn eine ernsthafte Erweiterung der Fähigkeiten der Marine werden.

  3. Ich finde es richtig, dass man sich bereits jetzt Gedanken über einen Nachfolger für die P3-C macht. Allerdings hier gleich nach dem amerikanischen Modell P8 zu rufen, dass ist vielleicht einen Schritt zu kurz gedacht. Sicher könnte Airbus ein Modell anbieten – verfügt dafür jedoch nicht über die notwendigen Erfahrungen. Konsequent wäre es daher „Dassault Aviation“ in Betracht zu ziehen. Die haben reichlich Erfahrung im Bau von Seefernaufklärern.

    Auch die Franzosen müssen ab 2030 ihre Breguet Atlantique 2 ersetzen. Wer eine europäische Lösung anstrebt, der könnte über die Mehrwertsteuerbefreiung bei europäischer Kooperation (Council Decision (CFSP) 2015/1835) und tatsächlichem Verzicht auf direktem Ausgleich durch projektinternem „Fair-Share“ zur Abwechslung mal tatsächlich „more Bang for the Bug“ erhalten. Mittelfristig gibt es genügend Möglichkeiten der Kompensation (NF Leopard 2, NF Famas / G36 etc.). Außerdem wäre dies auch ein wichtiges europapolitisches Signal ggü. der schwächelnden französischen Wirtschaft und dem Bild des „Export-Profiteurs“ Deutschland.

  4. Das Geld, das man schon sowohl in Flugwerk als auch Avionik der P-3C gesteckt hat ist verschenkt wenn die alten Mühlen nicht so lange fliegen wie die Sea Kings und es würde außerdem zum Fall für den Rechnungshof werden. Man wird ihnen noch U-Jagd Torpedos in die Weapons Bay hängen, ja. Um aber glaubhaft Territorialansprüche (Ostsee) durchsetzen oder symmetrischen Bedrohungen zeitnah (!) entgegenwirken zu können braucht es zwingend ein Jet-Geschwader. Sich über Typ, ob umbemannt oder bemannt, Gedanken zu machen wäre zu diesem frühen Zeitpunkt allerdings müßig. Nicht müßig allerdings wäre es, sich den Flugplatz Hohn offenzuhalten – ideale Lage!

    • Punkt 1: Es geht nicht um die Ostsee. Hier haben sowohl NATO als auch EU neue Partner gewonnen, die die Aufgabe ASW in der Ostsee erleichtern. Somit brauchen wir für diesen regionalen Bereich nun wirklich,keine Jetties. Times are changing…
      Punkt 2: die Uboot Bedrohung im Nord Atlantik, der Norwegen See und der Barentssee nimmt wieder größere Ausmaße an. Daher hat auch UK seine eigeneEntscheidung zur Abschaffung der MPA zurückgenommen und kauft, weil schneller und billiger realisierbar eine US Lösung. Und dort schreit kein Rechnungshof sondern akzeptiert die schnelle Veränderung der Bedrohungslage. Hier stellt sich die Frage der Bündnisgeeinsamkeit zur U-Jagd aus der Luft, aber auch der künftigen Bekämpfungvon Überwassereinheiten.

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