Trudering und das Maritime

Die Bundeskanzelerin hat Ende Mai im bayerischen Trudering große Aufmerksamkeit diesseits und jenseits des Atlantiks erregt. Sie stellte mit Bezug auf die USA fest: „Die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, die sind ein Stück vorbei. Das habe ich in den letzten Tagen erlebt.“ Ihr Fazit lautete: „Wir Europäer müssen unser Schicksal wirklich in unsere eigene Hand nehmen.“ Damit meinte sie EU-Europa ohne Großbritannien. Die Debatte in Deutschland war heftig und konzentrierte sich vor allem auf das 2%-Ziel der NATO für die nationalen Verteidigungsausgaben. „Meer verstehen“ schaut jetzt genauer hin, was diese neue Lage konkret für Seestreitkräfte bedeutet.

Voranzuschicken ist, dass die USA weiterhin Verbündete in der NATO bleiben, auch wenn sich ihr Präsident erst in einem zweiten Anlauf beim Besuch des rumänischen Präsidenten ausdrücklich zu den Verpflichtungen nach Artikel 5 des NATO-Vertrages bekennen mochte. Gleiches gilt für Großbritannien. Für die EU geht es also nicht darum, in Konkurrenz zur NATO eine eigene Verteidigungsfähigkeit aufzubauen. Vielmehr muss sie ihre militärische Handlungsfähigkeit verbessern, um nicht selbst für kleinere Operationen auf Mittel der NATO und insbesondere der USA angewiesen zu sein. Dadurch versetzt sie sich im übrigen gleichzeitig in die Lage, einen stärkeren Beitrag zur gemeinsamen Verteidigung in der NATO zu leisten.

Die EU-Staaten verfügen zwar über ein beachtliches militärisches Potential, dieses ist jedoch wegen nationaler Eigeninteressen zersplittert und kaum geschlossen einsetzbar. Diverse bestehende und neue Verteidigungsinitiativen widmen sich diesem Thema mit dem Ziel „more bang for the buck“. Hier sind künftig große Schätze zu heben, wenn denn der Wille der Nationen dafür ausreicht.

Das gilt grundsätzlich auch für die Seestreitkräfte. Allerdings gehen der EU mit der größeren Unabhängigkeit von USA und Großbritannien zwei große Seemächte von Bord. Diese Lücke ist durch die verbleibenden EU-Marinen zu schließen. Frankreich steht hier an der Spitze gefolgt von Italien und Spanien, die ebenfalls über Flugzeugträger und amphibische Kräfte verfügen. Gerade diese drei Länder kämpfen jedoch mit einer schwierigen Wirtschaftslage und sind deshalb kaum zu größeren zusätzlichen Investitionen in ihre Marinen fähig.

Somit dürften sich die begehrlichen Blicke auf Deutschland richten, das gemessen an seiner Größe, seiner wirtschaftlichen Stärke und seiner Abhängigkeit vom Seeverkehr über relativ kleine Seestreitkräfte verfügt. Es wird sich darauf einstellen müssen, hier stärker in die europäische Verantwortung genommen zu werden.

Wo ist ist Deutschland besonders gefordert? Es hat sich gerade an die Spitze einer Bewegung gestellt, die Afrika in seiner wirtschaftlichen und politischen Entwicklung beistehen will. Da ist bereits vom Merkel-Plan die Rede. Seit der Flüchtlingskrise weiß die Politik, dass von Afrika Risiken ausgehen, die Europa bis in seine Fundamente erschüttern können. Das ist eine strategische Herausforderung. Ganzheitliche Politik mit Schwerpunkt Afrika erfordert neben vielen anderen Instrumenten die Fähigkeit, schwierige Lagen militärisch zu stabilisieren.

Hier gibt es noch erheblichen Nachholbedarf. Zwar beschreibt das Konzept Basis See genau, wie eine Marine Operationen in einem Einsatzland von See aus unterstützen kann, jedoch fehlen hierfür in Deutschland wesentliche Mittel. Einen ersten Schritt unternimmt die Marine zusammen mit den Niederlanden. Deren Marine verfügt über große amphibische Schiffe, mit denen man Landstreitkräfte unterstützen kann. Der Einsatz des deutschen Seebataillons von diesen Schiffen aus schafft neue Erfahrungen.

Auf Dauer wird sich die deutsche Marine jedoch eigene amphibische Schiffe zulegen müssen wie seit langem unter der Bezeichnung Joint Support Ship geplant. Zusammen mit den Niederlanden und anderen interessierten kleineren Partnern kann sie damit einen wichtigen Beitrag für Europa aufbauen.

Deutschland ist die größte westliche Macht an der Ostsee, und damit bildet diese einen zweiten Bereich neuer deutscher Verantwortung. Die Marine hat mit mehreren Projekten bereits Initiativen zur Kooperation mit den anderen Anrainermarinen ergriffen. Angesichts des russischen Potentials, weite Teile der Ostsee mit modernen Flugkörpern praktisch für alle Anderen zu sperren, reicht die Zusammenarbeit von Seestreitkräften in diesem Einsatzgebiet jedoch nicht aus. Dafür sind nicht nur die Luftwaffen einzubeziehen, sondern es geht vor allem um die Beherrschung des Informationsraums. Hier heißt es, völliges Neuland zu betreten und gemeinsame Konzepte mit der Luftwaffe und dem neuen Kommando CIR zu entwickeln.

Damit sind wir beim dritten Verantwortungsbereich. Die Marine der größten Wirtschaftsmacht in der EU muss sich an die Spitze bei der Entwicklung neuer Einsatzkonzepte stellen und damit einen europäischen Beitrag in einer ansonsten amerikanisch und britisch dominierten Doktrinenwelt leisten. Wie können Marinen mit den neuen politischen, militärischen und technischen Herausforderungen fertigwerden? Wie hängen See- und Informationsraum zusammen? Oder: Kann man mit seegestützten Drohnen Flugzeugträger ganz oder teilweise ersetzen?

Auch wenn Trudering nicht an der See liegt, sind von hier aus doch wichtige Signale für Europas und Deutschlands Seestreitkräfte ausgegangen. „Meer verstehen“ hofft, dass die Adressaten sie verstanden haben, und schaut erwartungsvoll auf die entbrennenden Debatten.

2 Gedanken zu „Trudering und das Maritime

  1. Neben dem Hinweis, dass Europa mit zwei wichtigen Seemächten nicht mehr fest an seiner Seite rechnen kann, erscheint mir letzte Aspekt dieses Artikels interessant. Früher gab es doch für die Besonderheiten der Seekriegführung in der Ostsee, für die die taktischen Vorschriften der NATO nicht ausreichten, deutsche Ergänzungen. Die Dinge, für die die großen Atlantikmarinen kein Konzept hatten, wurden national oder zusammen mit Dänen und Norwegern geregelt. Das gibt es glaube ich heute nicht mehr.

    Die neue Situation in der Ostsee erfordert jetzt wieder spezielle Taktiken und Verfahren, die der Geografie und der spezifischen militärischen Lage entsprechen. Das geht nur, wie im Artikel steht, zusammen mit der Luftwaffe und dem neuen CIR-Bereich als Nachfolger der alten EloKa. Keine anderen westlichen Streitkräfte an der Ostsee verfügen über die Mittel und den Sachverstand, solche Taktiken zu entwickeln und zu erproben.

    Deutschland hat in der NATO das Framework Nation Concept eingebracht, und als lead nation ist es hier gefordert. Hier besteht eine gute Gelegenheit, Führungsverantwortung zu übernehmen,
    findet
    der Segler

  2. Gerade wegen des bevorstehenden Brexit sollten wir sehr sorgsam mit der maritimen Komponente Großbritanniens umgehen. Die britischen Avancen der Royal Navy gegenüber der U.S. Navy zu gemeinsamen Einsätzen im West Pazifik sollten zu Gesprächen im europäischen NATO Kontext führen und hier gegenüber UK signalisieren, dass sie in Europa (Mittelmeer, Ostsee, Nordatlantik, Artik) gebraucht werden.

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