Seemacht. Ein Begriff wird wiederentdeckt

Seit Monaten diskutieren Experten und Marineoffiziere in der westlichen Welt die Notwendigkeit zur Rückkehr zu den klassischen Marineoperationen wie Überwasserkrieg, Unterwasserkrieg, Minenkrieg, Seekrieg aus der Luft, aber auch Informationskrieg, Cyberkrieg und Elektronische Kriegführung. Dinge, die in den letzten Dekaden beinahe in Vergessenheit geraten sind und von Piraterie Bekämpfung, Rettung von Flüchtlingen aus Seenot oder Hilfe bei Umweltkatastrophen verdrängt wurden. Mit den klassischen Operationen kommen auch wieder Begriffe wie Sea Control und Sea Denial und Wege zu deren Umsetzung zurück in eine in Deutschland kaum stattfindende Diskussion.
Das im Juni 2017 erschienene Buch von James Stavridis „Sea Power. The History and Geopolitics of the World´s Oceans“ kommt daher nicht nur zeitgerecht, sondern vor allem sachgerecht, gilt es doch die heutige Ausübung von Seemacht in ihrer ozeanweiten und geschichtlichen Bedeutung zu analysieren und dringend notwendige Erkenntnisse für heutiges und künftiges politisches, gesellschaftliches und militärisches Handeln abzuleiten. Der ehemalige Vier Sterne Admiral, den Älteren noch als einziger maritimer SACEUR bekannt, verknüpft persönliche, geschichtliche und geopolitische Erkenntnisse aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht nur im taktischen und operativen sondern auch im politischen und strategischen Bereich. Dabei kommt ihm auch seine jetzige Tätigkeit als Dekan der „Fletcher School of Law and Diplomacy“ an der Tufts Universität in Boston zu Gute.
In seinem Einführungskapitel „The Sea is One“ verdeutlicht er den globalen Ansatz maritimen Denkens, der alle Ozeane und Meere zu einem Ganzen verknüpft, das der gesamten Menschheit gehört (Global Common). Daran schließen sich Kapitel zum Pazifik, Atlantik, Indik, Mittelmeer, dem Südchinesischen Meer, der Karibik und der Arktis an. Die Entstehung und Bedeutung von Kriegsflotten zur Durchsetzung staatlicher Interessen werden in ihrem anfänglich regionalen Erscheinungsbild – zum Beispiel Mittelmeer – und ihrem später globalen Auftreten analysiert, wobei es angesichts der aktuellen Diskussion über die maritimen Herausforderungen in der Ostsee auffällig ist, dass er als ehemaliger SACEUR mit keinem Wort darauf eingeht. Dies mag auch dem Umstand geschuldet sein, dass er zwar die alleinige Berufung auf Mahan in den strategischen Überlegungen der U.S. Navy kritisiert, selber aber weder auf Corbett und Castex noch auf Geoffrey Till und seine Ausführungen zur Seemacht im 21. Jahrhundert eingeht.
Besonders erwähnenswert erscheint sein Kapitel „The Outlaw Sea: Oceans as Crime Scenes“, bei dem Stavridis auf das wiederkehrende Phänomen der Piraterie, organisierte Kriminalität über Drogenschmuggel und Menschenhandel, die Überfischung der Meere, deren Belastung über giftige Abfälle sowie Umweltgefahren durch den Klimawandel eingeht. Er fordert hierbei, nicht nur weltweite Abkommen zu schließen sondern vor allem ein weltweites, internationales Management zu deren Bekämpfung mit einer wachsenden Zahl gleichgesinnter Staaten.
In seinem Schlusskapitel „America and the Oceans. A Naval Strategy for the Twenty-First Century“ fasst Stavridis seine Erkenntnisse und Schlussfolgerungen aus den vorangegangenen Kapiteln im Sinne einer Naval Strategy zusammen. Da er neben der erforderlichen Weiterentwicklung von Kriegsmarinen und im Besonderen der U.S. Navy nicht nur die maritime Wirtschaft, sondern auch weltweiten Handel und dessen Schutz wie auch weltweite Vernetzung über unterseeische Glasfaserkabel anspricht, über die mehr als 80 Prozent des globalen Informationsflusses gehen (und nicht über Kommunikationssatelliten), greift die Bezeichnung Naval zu kurz, eine maritime Strategie trifft die Erfordernisse eher.
Bevor er zur Fragestellung kommt, was Mahan in seiner Zeit noch nicht wissen konnte, was aber im heutigen und künftigen maritimen Kontext dringend erforderlich sei, zitiert er eine Anekdote zu Mahan, die Stavridis selber betrifft. Mahans Wünsche zu lesen, zu denken, zu schreiben und zu publizieren riefen das Missfallen seiner Vorgesetzten hervor und führten unter anderem zu folgender Aussage in einer Beurteilung: „Es ist nicht die Aufgabe eines Marineoffiziers Bücher zu schreiben“! Sodann geht Stavridis auf einige Lehren Mahans ein, die für die USA und ihre Marine zeitlos bedeutsam sind. Hierzu zählen: Akzeptanz des Staates und seiner Gesellschaft als maritime Nation; eine machtvolle Marine und leistungsfähige Werften; eine große Fischindustrie; leistungsfähige Häfen mit guter Infrastruktur; Eisbrecher für die Arktis sowie die Fähigkeit zur großräumigen Seeraumüberwachung in den eigenen Küstenvorfeldern. Weiterhin gelten die Freiheit der Hohen See für alle; starke Allianzen sowie mögliche Abstützung auf weltweite Stützpunkte und Versorgungseinrichtungen.
Was konnte Mahan aus Sicht von Stavridis nicht wissen? Hierzu zählt er als wichtigste die Bedeutung der Unterwasser Kriegführung. Ein Blick in die Schriften des französischen Admirals Castex zu Beginn der 1930er Jahre hätte gezeigt, dass dieser die künftige Bedeutung von U-Booten und Flugzeugen für die Seekriegführung bereits analysiert hatte. Als nächstes erst im 21. Jahrhundert erkennbar eine Joint Kriegführung und der große Einfluss des Cyber Raumes. Dazu kommen die gewachsene und weiter anwachsende Bedeutung des Weltraums mit seinen Satelliten und Raumstationen sowie die stürmische Entwicklung unbemannter Systeme für Unterwasser-, Überwasser- und Luftkriegführung.
Diese Erkenntnisse bündelt er zu einer maritimen Strategie, die eine weitere Anpassung der bisherigen bedingt.
Zusammenfassend: ein sehr gelungenes Buch über die heutige und künftige Bedeutung von Seemacht, der notwendigen Anpassung von taktischen wie operativen Verfahren und der internationalen Zusammenarbeit Gleichgesinnter. Ein Buch für Politiker, maritime Experten wie auch Marineoffiziere weltweit.
Admiral James Stavridis, USN (ret.): Sea Power. The History and Geopolitics of the World`s Oceans
ISBN 9780735220591, PENGUIN Press, 363 Seiten, € 23,99

Ein Gastbeitrag von
Heinz Dieter Jopp​​​​​

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