„Das Wissen um (See)Räume“

Wir haben in der aktuellen Ausgabe der griephan Briefe (34/17) den folgenden Beitrag entdeckt, der sowohl einen Überblick über die Fähigkeiten und Anforderungen an moderne Seeaufklärung als auch einen Ausblick auf mögliche Entwicklungen gibt –  im Zentrum steht das „Wissen um Räume“:

Das Wissen um (See)Räume

Unsere Analyse zum Segment Seefernaufklärungssysteme in der gemeinsamen deutsch-französischen Erklärung hat Reaktionen ausgelöst, die wir wie folgt zusammenfassen:

In der deutsch-französischen Regierungsvereinbarung ist unter anderem die Zusammenarbeit bei „Seeaufklärungs­systemen“ vereinbart worden. Die folgenden Überlegungen gehen davon aus, dass darunter MPA (Maritime Patrol Aircraft) im klassischen Sinne eines Aufklärungs- und U-Jagdflugzeugs oder Seefernaufklärers verstanden werden.

Während des Kalten Krieges besaßen die größeren westlichen Marinen eine Anzahl MPA mit der Bekämpfung von U-Booten als Hauptaufgabe. Die Bundesmarine besaß 20 Breguet Atlantic französischer Bauart, davon 15 in U-Jagd-Version und fünf elektronische Aufklärer. Frankreich fliegt bis heute eine modernisierte Version dieses Flugzeugs, das zur Ablösung ansteht.

Nach dem Kalten Krieg wurden die Bestände reduziert, Länder wie Großbritannien und die Niederlande haben die Fähigkeit zumindest zeitweise ganz aufgegeben. Die MPA haben sich vor allem bei der Seeraumüberwachung zum Beispiel am Horn von Afrika bewährt. Die Bekämpfung militärischer Ziele hat in diesem Zeitraum dagegen weitgehend an Bedeutung verloren.

Seitdem sich die politische und die militärische Gesamtlage verschlechtert haben, erscheinen Konfrontationen mit militärischen Gegnern wieder möglich. Auf See heißt das unter anderem, dass die Fähigkeiten zur Bekämpfung von U-Booten und Überwasser-Kriegsschiffen einschließlich der Bekämpfung von Seezielen aus der Luft verstärkt und zum Teil neu aufgebaut werden müssen. Dabei kommt den MPA eine wichtige Rolle zu.

Deutschland hat von den Niederlanden acht MPA des amerikanischen Typs P-3C (Lockheed) übernommen, die den aktuellen Gesamtbestand der Marine darstellen. Die Vereinigten Staaten ersetzen dieses Muster derzeit durch die auf der Boeing 737 beruhende neue MPA P-8 Poseidon, die seit 2011 produziert wird. Sie haben diese in Europa bereits erfolgreich angeboten (Großbritannien neun, Norwegen fünf). Als weitere Alternativen verwenden einige Länder einfache Lösungen auf der Basis kleinerer Passagierflugzeuge.

Aufgaben
Herkömmliche MPA sind für eine Vielzahl von Aufgaben einsetzbar:

Hauptaufgaben

  • Überwachung der Meeresoberfläche (und über Land)
  • Elektronische Kampfführung (EloKa)
  • Bekämpfung von Unterwasserzielen (U-Jagd)
  • Bekämpfung von Überwasserzielen

Nebenaufgaben

  • Search and Rescue (SAR)
  • Fliegender Befehlsstand
  • Fernmelde-Relaisstation im Einsatzgebiet

Die meisten der genannten Aufgaben können nicht nur durch MPA, sondern auch von Plattformen wie Satelliten, Kriegsschiffen, Bordhubschraubern oder von Land aus geleistet werden. Allerdings können MPA ein ganzes Paket von Aufgaben in Kombination erfüllen. Sie sind deshalb eine effiziente Alternative und Ergänzung zu anderen Systemen und für einige Aufgaben unersetzlich.

Zur Aufklärung von Seeräumen und zur Bekämpfung von U-Booten verfügen MPA über einzigartige Sensoren (Magnetik, Akustik, luftgestützte Optronik). Im U-Jagd-Verband sind sie quasi unverzichtbar. Im Kampf gegen Überwasserschiffe sind sie überlegen, sofern ihre Waffen weiter reichen, als die der Schiffe. Das ist regelmäßig der Fall, da nur wenige Luftzielflugkörper die Reichweite haben wie herkömmliche Seezielflugkörper.

Eine MPA im Einsatzgebiet, die über terrestrische Funkverbindungen mit den örtlichen Kräften zusammenarbeitet, kann ein wesentliches Back-up in der Führungsorganisation sein. Sie kann als Fernmelde-Relaisstation
oder als fliegender Befehlsstand schnell in eine Region verlegt werden.

Der Einsatz als Befehlsstand bietet sich beispielsweise bei kurzen Einzeloperationen wie einer Geiselbefreiung an. Im Einsatzraum kann die MPA aufgrund ihrer Flughöhe in einem weiten Gebiet mit eigenen Kräften über herkömmliche Funkverbindungen kommunizieren. Das schafft nicht nur Unabhängigkeit, sondern entlastet Satellitensysteme in kritischen Lagen.

Mit abwerfbaren Rettungsgeräten sind MPA zudem für den Seenotrettungsdienst geeignet. Sie können große Seegebiete absuchen und Rettungsmittel schnell und bei fast jedem Wetter über große Entfernungen an eine Unfallstelle bringen.

Bemannt oder unbemannt?
In den beiden vergangenen Jahrzehnten gab es einen starken Trend zu unbemannten Systemen, die man als geeignet für die MPA-Nachfolge betrachtete. So sollten die deutschen Aufklärungs-Breguets durch das System Eurohawk ersetzt werden, was allerdings bisher nicht realisiert werden konnte.

Die Frage der Bemannung erfordert also eine Grundsatzentscheidung über das Vertrauen in ferngesteuerte Systeme. Außerdem stellt sich die Frage, welche Redundanzen für die Satellitenkommunikation mit und in Einsatzgebieten für sinnvoll erachtet werden.

Hinzu kommen praktische Erwägungen. Theoretisch können MPA zwar unbemannt sein, jedoch werden sie für bestimmte Ortungsverfahren und den Waffeneinsatz Flugprofile fliegen müssen, die zumindest teilweise den kontrollierten Luftraum nutzen. Ob es hierfür in absehbarer Zeit eine zuverlässige Lösung gibt, ist zweifelhaft.

Herausforderungen & Chancen
Sowohl beim Flugzeug selber wie auch bei Sensorik und Bewaffnung gibt es erheblichen Entwicklungsbedarf, nachdem in diesem Bereich lange Zeit nur wenig investiert worden ist. Hier eröffnen sich Kooperationsmöglichkeiten zwischen den beiden Hauptakteuren und gegebenenfalls Dritten. An den unterschiedlichen Systemen wird sich eine große Zahl verschiedener Unternehmen und Forschungsinstitute beteiligen können. Ein wesentlicher Teil der Entwicklungen fällt in den Bereich der Hochtechnologie.

Neben Deutschland und Frankreich gibt es eine Anzahl potentieller Kunden, die vor der Ablösung älterer MPA stehen, oder sich eine solche Kapazität neu zulegen wollen. Dabei steht das deutsch-französische Projekt hauptsächlich in Konkurrenz zur amerikanischen Poseidon. Ein konkurrenzfähiges MPA-Angebot bietet Chance, sich als Hauptrüstungspartner für Dritte zu etablieren.

Das griephan Fazit: Es ist richtig, von Seefernaufklärungssystemen zu schreiben, da es sich um mehr handelt, als eine fliegende Plattform. Es geht um (Maritime) domaine awareness – das Wissen um (See)Räume. Und genau dies ist für Berlin aus zwei Gründen von Bedeutung: Zum einen mit Blick auf deutsche Verantwortung für den Ostsee-Raum und den Anspruch, europäische MPA Lead nation zu sein, zum anderen.

Wir sehen daher das Thema in einem größeren Zusammenhang. Hierzu gehört auch eine neue Generation Flottendienstboote. Es ist kaum vorstellbar, dass eine europäische MPA-Plattform nicht von Airbus kommt. An der elektronischen Ausstattung (Aufklärung, Kommunikation, Führung) werden sich die „üblichen Verdächtigen“ beteiligen. Ein ambitioniertes Vorhaben mit hoher Priorität für Deutschland.

Dieser Beitrag erschien am 25. August 2017 in der Ausgabe 34/17 der griephan Briefe.

Ein Gedanke zu „„Das Wissen um (See)Räume“

  1. Danke für den Überblick! Wichtig ist, dass es um mehr geht als um ein einzelnes Rüstungsprojekt, sondern um einen möglichen gemeinsamen Technologiesprung in Europa. Viel Erfolg dabei
    wünscht
    der Segler

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