Great Powers, Grand Strategies. The new Game in the South China Sea

Eine Buchrezension von unserem Gastautor Heinz Dieter Jopp

Mit der am 19. Januar 2018 veröffentlichten nationalen Verteidigungsstrategie des Pentagon werden die VR China und Russland als mögliche Gegner definiert, die es auch militärisch zu besiegen gelte. Damit kehrt auch die U.S. Navy zur möglichen parallelen Auseinandersetzung mit der russischen und chinesischen Marine zurück. Dies erinnert ein wenig an das Ende des Kalten Krieges, wo die maritimen Interessen der NATO am Schutz der Versorgungslinien über den Nordatlantik ausgerichtet waren, der auch durch ein aggressives Vorgehen der U.S. Navy gegen sowjetische Marinekräfte im Nordmeer und der Barents See sichergestellt werden sollte. Erst nach dem Auseinanderbrechen der Sowjetunion wurde über dann offengelegte Pläne erkennbar, dass die sowjetische Marine nicht offensiv gegen die NATO sondern defensiv zum Schutz eigener SSBN ausgerichtet war (Verteidigung der nuklear-strategischen Bastion). Diese Erkenntnis wurde jedoch in der NATO kaum diskutiert. Mit Blick auf die Entwicklungen im West-Pazifik und die Marine der Volksrepublik China (PLAN) sollte man dies nicht aus den Augen verlieren.

Auch wenn in den USA die Veröffentlichungen zum künftigen Umgang mit Russland und China inzwischen in die Hunderte geht, sticht das soeben beim US Naval Institute erschienene Buch von Anders Corr als Herausgeber sehr erfreulich von den häufig einseitigen Analysen gerade zur Entwicklung der VR China und seiner Streitkräfte ab.

Corr beschreibt mit 12 Mitautoren die Entwicklungen und Bedeutung des Südchinesischen Meeres für die VR China, die Mitglieder der ASEAN, die Evolution der U.S. Strategie im Südchinesischen Meer, die Rebalancing Strategie der USA in den Pazifischen Raum und die Streitigkeiten mit China, die weiterentwickelte Strategie Japans in diesen Seeraum hinein, Indiens Grand Strategy und der wachsende Blick auf das Südchinesische Meer, das Verhältnis Russlands zu diesem Raum und die wachsende Bedeutung des Südchinesischen Meeres für die Europäische Union und ihre Handelsbeziehungen. Den Schlusspunkt setzt Bernard D. Cole (Autor von The Great Wall at Sea) mit einer kurzen Zusammenfassung der einzelnen Aufsätze und ihrer Aussagen.

Während Corr das Anwachsen der PLAN auf die Erkenntnisse des 19. Jahrhunderts – Handel folgt der Flagge – zurückführt und die Veränderungen der Sichtweisen innerhalb der U.S. Navy als notwendige Reaktion auf chinesisches Handeln gerade auch im Südchinesischen Meer beschreibt, geht Bill Hayton in seinem Aufsatz „Why China built its New Islands. From Abstract Claim to Concrete Assets“ nicht nur auf den explodierenden globalen Handel Chinas seit den Zeiten Deng Xiao Pings ein, den es auch militärisch zu schützen gelte, sondern beleuchtet auch die schon in der Zeit Präsident Clintons erfolgenden amerikanischen Versuche, der Eindämmung (containment) der VR China. Während im Westen die Entscheidung Präsident Clintons 1996 zur Entsendung von zwei Träger Kampfgruppen in die Formosa Straße als erfolgreiche Machtprojektion gegenüber den Einschüchterungsversuchen Chinas gegen Taiwan gefeiert wurde, hatte dies in China eine Neubewertung ihrer geostrategischen Lage zur Folge, die in eine militärische und vor allem maritime Aufrüstung mündete (Nie wieder Erpressung durch die USA).

Der Umbau der PLAN und die Zusammenarbeit mit PLAAF und strategischen Raketen Truppen führte damit folgerichtig zu einer Strategie des Sea Denial innerhalb der ersten Inselkette. Somit war auch der Ausbau von Atollen im Südchinesischen Meer eine Reaktion auf amerikanische Drohungen zur Unterbrechung der Seetransporte durch die Straße von Malakka und das Südchinesische Meer. Auch der seit 2017 kolportierte Gedanke einer Bastion Südchinesisches Meer zum Schutz chinesischer SSBN folgt dieser defensiven strategischen Ausrichtung.

Im Gegensatz zu diesen Einschätzungen stehen die Gedanken von James E. Fanell, der über dreißig Dienstjahre in der Pazifik Flotte der U.S. Navy als Nachrichtenoffizier verbrachte. Aus seinen Äußerungen wie „die geo-militärische Machtbalance habe sich in den letzten fünf Jahren dramatisch verändert“, aggressive Aktionen gegenüber der Versorgung des philippinischen Außenposten sei eine flagrante Missachtung des Verhaltenskodex von 2002 im Südchinesischen Meer oder auch das dramatische militärische Wachstums Chinas befeuere das Unwohlsein in den Staaten der Region spricht der A 2 Marineoffizier. Das – überzeichnete(?)- Bild chinesischer militärischer Stärke erinnert an das oben angeführte Bild sowjetischer Marinestrategie. Tom Clancy mit seinem Buch „Red Storm rising“ lässt grüßen.

Auch Indien, das sich erste in jüngster Zeit zur militärischen Bedrohung durch China im Golf von Bengalen und dem arabischen Meer äußert, betrachtet die Schaffung eines Transportkorridors durch Pakistan und den Bau einer Ölpipeline durch Myanmar nicht als Schaffung von Redundanzen von China zu dessen befürchteter Schließung der Straße von Malakka, sondern als wachsende Einflussnahme Chinas auf die direkten Nachbarn Indiens.

Es bleibt interessant, wie sich die Situation im südchinesischen Meer verändern wird. Die amerikanischen Versuche zur Eindämmung Chinas scheinen jedoch angesichts globaler Herausforderungen und der aktuellen amerikanischen Außen- wie Sicherheitspolitik eher zweifelhaft.

Insgesamt kann dieses Buch nur auf das Wärmste empfohlen werden, um sich auch selber in den verwirrenden Aussagen und Kommentaren in Medien und Büchern einen eigenen Standpunkt zu erarbeiten.

Corr, Anders (Edt.): Great powers, grand strategies: the new game in the South China Sea, Naval Institute Press, Annapolis 2018, ISBN9781682472354, 328 Seiten, Preis: € 38,92

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