Klassiker von Seemacht, Technologische Entwicklungen und mögliche zukünftige Formen von Machtprojektion

Ein Aufsatz von Prof. James Holmes, Naval War College, mit dem Titel „The Legacy of Unfinished Revolutions“ in der Oktober Ausgabe 2017 der Proceedings des USNI und seine Aussagen „Submarines, torpedo boats, and aircraft had little place in Corbett ´s or Alfred Thayer Mahan´s scheme of things, in large part because they wrote before those new instruments of war came into their own. Because of this historical accident, the strategic cannon is mostly silent on the subjects of undersea and aerial warfare“ nährt den Verdacht einer gewissen Ignoranz angel-sächsischer Staaten gerade gegenüber französischen Denkern auch zu Beginn der 1930er Jahre. Neben der eher banalen Feststellung, dass U-Boote und Torpedos schon zu Lebzeiten Corbett´s und Mahan´s entwickelt und eingeführt wurden, hätte schon ein Studium der Schriften von Admiral Raoul Castex zu Erkenntnissen geführt, die auch heute von größter Bedeutung sind. Dies gilt umso mehr nach den jüngsten Äußerungen von Präsident Putin zur „Überlegenheit“ neuster russischer Entwicklungen auch für künftige Seekriege.
Classics of Sea Power
Es lohnt sich daher, noch einmal genauer die Ausführungen des französischen Admirals Raoul Castex aus seinen Strategischen Theorien zu betrachten. Basis ist dabei nicht sein eigenes, sechs bändiges Werk „Théories Stratégiques“ sondern die einbändige Ausgabe des U.S. Naval Institute von 1994 in dessen Serie „Classics of Sea Power“. In seiner kurzen Einführung als Herausgeber der Classics of Sea Power Serie schreibt John B. Hattendorf vom Naval War College u.a.: „Admiral Raoul Castex, French Navy (1878-1968), was one of the most important contributors to naval thought in the twentieth century, yet he is rarely read or fully appreciated in the English-speaking world…Castex synthesized progress in naval theory up through the interwar period, combining it with a broad geopolitical concept. His comprehensive synthesis of naval theory, as well as his thoughts on the role of navies in establishing a national strategy, in cooperation with the other services, are highly relevant to current planning for possible joint warfare on a continental littoral.“
Zum Letzteren führt Castex aus: „General strategy requires the army and navy to develop the habit of working together as closely as infantry and artillery. Each of the two arms must sufficiently understand the other´s organization, technique, requirements, possibilities, and means of combat.“ An anderer Stelle führt er aus, dass Sea Control nur räumlich und zeitlich begrenzt ausgeübt werden kann. Und kommt dann zur Bedeutung des U-Boots und Flugzeuges wie folgt: „…one cannot claim mastery oft he sea as long as enemy submarines move at ease in the depths and enemy aircraft fly over the oceans with impunity and laugh at the self-proclaimed dominator of the sea.“ Der mögliche Einfluss neuer Technologien ist für ihn eine methodische Herangehensweise „to show how strategy must periodically revise its claims to take into account the evolution of technology. In any epoche, a similar evaluation of material factors is absolutely necessary. Otherwise, one risks being trapped in the past, a representatitive of a bygone age.“
Schneller als von vielen Experten gedacht, geschah dies bereits im Zweiten Weltkrieg mit dem Schlachtschiff, das seine Bedeutung an den Flugzeugträger abtreten musste. Da die letzte Trägerschlacht 1944 stattfand, sollte man 2018 ruhig darüber nachdenken, ob die Träger noch das einen Seekrieg entscheidende Element sind oder auch deren Zeit abgelaufen ist.
Machtprojektion. Womit?
Auch in dieser Frage könnte man zu Castex und seinen Überlegungen der Manöver Kriegführung zurückkehren. Auf 2018 übertragen finden wir ähnliche Gedanken in den Überlegungen der U.S. Navy zu „Distributed Lethality“ wieder. Aber vorher sei noch ein Blick auf die U.S. Naval Strategy von 1986 gestattet. Diese wurde auch deshalb für die Gegenseite (SU) glaubwürdig, da die U.S. Navy offensiv und teilweise aggressiv mit ihren Trägerkampfgruppen und SSN in das Nordmeer und die Barentssee vordrangen. Die Planübungen des Naval War College, die zur Ausformulierung der Naval Strategy beitrugen, wurden in der Realität umgesetzt (Ähnliches könnte man heute zu ZAPAD 17 sagen). Und als dann die USA in einer Koalition gegen den Irak 1991 Krieg führten, geschah dies unter dem operativen Konzept der AirLand Battle der NATO mit zielgenauen Cruise Missiles, lasergesteuerten Bomben und Stealth Fightern. Die kriegserfahrene irakische Armee mit sowjetischen Waffensystemen wurde äußerst schnell besiegt. Die von den USA eingesetzten, deutlich überlegenen Waffensysteme basierten auch auf ihrer Technologieoffensive mit dem Namen Second Offset Strategy.
Vor einer kurzen Betrachtung moderner Technologien und ihrem möglichen Einfluss auf künftige Operationen sei eine Frage in den Raum gestellt: Mit Machtprojektion soll der Gegner eingeschüchtert und sein Handeln beeinflusst werden. Er soll letztlich abgeschreckt werden. Schrecken die USA heute noch China, den Iran oder Nord Korea mit Ihrer militärischen Drohung ab? Oder haben sie eher im Gegenteil zu den Aufrüstungsmaßnahmen in den drei Staaten beigetragen?
Offset Strategien zur Erhaltung der militärischen Überlegenheit
In den USA herrscht bis heute der Glaube an die Überlegenheit ihres politischen wie militärischen Systems gegenüber jedem möglichen Gegner vor. Gespeist wird dies aus den technologischen Entwicklungen nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Trotz nuklearer Überlegenheit der USA gegenüber der Sowjetunion wurde dabei die Frage immer virulenter, was man der sowjetischen zahlenmäßigen Überlegenheit im konventionellen Bereich entgegensetzen könne.
Unter dem ehemaligen General und dann US Präsidenten Eisenhower wurde in den 1950er Jahren die erste Offset Strategie gestartet, die den zahlenmäßig überlegenen WP Streitkräften die Androhung des frühzeitigen Einsatzes moderner taktischer Nuklearwaffen entgegensetzte. Dazu gehörten auch moderne Kampfflugzeuge der Luftwaffen, die Nuklearwaffen im rückwärtigen Raum der WP Truppen einsetzen sollten. SU und WP reagierten hierauf und entwickelten Aufmarschpläne, die die NATO Truppen in mehreren Wellen (strategische Staffeln) konventionell überrennen sollten, um die NATO Planungen für einen Nuklearwaffeneinsatz zeit- und kräftemäßig zu unterlaufen. Hierzu wurden auch Operative Manöver Gruppen (luftbeweglich) entwickelt, die im Hinterland der NATO eingesetzt werden sollten.
Da die SU Mitte der 1970er eine nukleare Pattsituation erreicht hatte, mussten die USA und ihre Verbündeten neue Wege einer konventionellen Abschreckung entwickeln, da der frühzeitige Nuklearwaffeneinsatz der NATO auf dem Gefechtsfeld immer unglaubwürdiger wurde. Die USA beschlossen daher, eine neue Offset Strategie zu starten (Perry) und neben neuen Technologien ihre Ausbildung und Training gegenüber der SU zu stärken. Weiterhin ging es um die Verknüpfung von Netzwerken auf der operativen Ebene (AirLand Battle) und die Entwicklung von zielgenauen Abstandswaffen sowie Submunition. Daneben wurde die Forschung für Laserwaffen, Stealth Technologien und die Grundlagenforschung für AI beschleunigt.
Die Grundidee hinter Air Land Battle bestand in der Möglichkeit, dass die Korpsbefehlshaber die strategischen Truppen bekämpfen sollten, die mehr als 72 Stunden entfernt in ihren Aufmarschräumen lagen. Die Divisionskommandeure sollten die Truppen bekämpfen, die 24 Stunden entfernt waren und die Battailionskommandeure sollten den direkten Kampf aufnehmen. Dies alles sollte gleichzeitig und parallel ablaufen. Der Golfkrieg 1991 zeigte beeindruckend den Erfolg dieses operativen Konzeptes.
Heute geht es um eine Multi-Domain Battle und die Notwendigkeit, Truppen hierzu zu befähigen. Die 3. Offset Strategie soll dies mittels advanced computing, big data, machine learning und Artificial Intelligence (AI) ermöglichen, um bei einem verstärkten battle network das Zusammenwirken von Menschen und Mensch-Maschinen sicherzustellen. Die Entwicklung der diese Technologien unterstützenden operativen Konzepte und Veränderungen von Organisationen stecken jedoch noch in ihren Anfängen.
Technologisch geht es dabei vorrangig um die Nutzung von lernfähigen Maschinen Algorithmen für Sensoren, C3I und Battle management Grids zur Echtzeit Darstellung, zielgenauen schnellen Bekämpfung und die zeitgerechte Bereitstellung von Ersatzteilen und Logistik.
Daneben geht es um die Entwicklung neuer Mittel zur Zusammenarbeit Mensch-Maschine. Bisher unstrittig bleibt die letzte Verantwortung beim Menschen.
Beim Battle Managment sollen nicht nur Brigaden und Bataillone sondern auch abgesetzte Gruppen und Einzelkämpfer Zugang zum aktuellen Battle Netzwerk erhalten. Das gilt bei Seestreitkräften auch für getauchte Uboote, die aus ihrer bisherigen Funktion als Einzelfahrer und –kämpfer herausgelöst und in Kampfgruppen integriert werden sollen. Multi statisches Sonar ist eine bereits funktionierende Entwicklung.
Letztlich müssen alle künftigen Waffen gegen Cyber und EW Angriffe gehärtet sein und in einem Netzwerk autonom und mit Hochgeschwindigkeit eingesetzt werden können.
Im operativen Bereich gibt es erste konzeptionelle Ansätze unter dem Stichwort „Raid Breaker“ sowie „Multi-Domain Battle“. (Hier sei nochmals an AirLand Battle und das Konzept Assault Breaker erinnert).
Was bedeutet dies für zukünftige Kriege?
Das Stichwort AI beschreibt schon ein erstes Dilemma. Hier ist man aus der Grundlagenforschung der 1980er heraus und findet im zivil wirtschaftlichen Bereich erste Anwendungen. Und da sich die Entwicklung von Produkten bereits im exponentiellen Bereich einer Entwicklungskurve befindet, ist schwer vorhersehbar, wer wen wie damit auch machtpolitisch bekämpfen oder erpressen kann.
Neben dem einen oder anderen Fachaufsatz ist hierzu 2017 ein kleines, handliches Buch mit dem schönen Titel: „Future War. Preparing for the New Global Battlefield“ erschienen. Autor ist Dr. Robert H. Latiff, der bis zu seiner Pensionierung als Generalmajor 2006 in der U.S. Air Force diente. Der Titel macht schon deutlich, dass es nicht mehr um regionale Auseinandersetzungen (Ostsee, Mittelmeer, Schwarzes Meer, Südchinesisches Meer) sondern um globale Auseinandersetzungen geht. Militär spielt hierbei eine wichtige, aber nicht immer entscheidende Rolle. Wie schon die beiden chinesischen Senior Colonels in ihrer Studie von 1999 „The unrestricted warfare“ vorhersagten, sind künftige Soldaten Hacker, Drogenschmuggler, Angehörige von Wirtschaftsunternehmen. Ihre Waffen sind Computer Viren, Finanzwerkzeuge oder einfach Medienbeeinflussung über Falschmeldungen. Damit geht es für den Autor auch um Fragen nach der Ethik eigenen wie fremden Handelns.
Schlachten dürften in der Zukunft kaum noch auf den bekannten Schlachtfeldern (auch auf See) sondern eher in Städten, in unregierten Regionen, im Cyberraum und im Weltraum unter Nutzung des gesamten elektronischen Spektrums stattfinden. Kämpfende Soldaten werden ergänzt oder bereits ersetzt durch Maschinen, die in Schwärmen eingesetzt werden können. Die Reichweite heutiger Waffensysteme für Seekriegsoperationen dürfte in Richtung mehrerer hundert Meilen gehen. Unbemannte fliegende und schwimmende Waffensysteme werden weiter in ihrer Bedeutung wachsen (ihre Zahl stieg von 2002 bis 2012 um das Vierzigfache bei den amerikanischen Streitkräften). Ihre Entwicklung vollzieht sich heute bereits in fünf Jahren im Vergleich zu den 15 Jahren bei herkömmlichen Systemen wie Schiffen, U-Booten oder auch Flugzeugen. Maschinen wachen für uns, denken für uns, kämpfen für uns. Und dies in deutlich kürzeren Zeitabständen als heute noch gewohnt.
Kämpfe werden in sogenannten Grauzonen stattfinden. Dabei geht es dann um Cyberangriffe, Terroranschläge, konventionelle Angriffe, Angriffe auf kritische Infrastrukturen oder auch Handelssysteme. Und erneut strahlen hierzu erforderliche technologische Entwicklungen ihre Faszination gerade in den USA aus. Sie werden kaum in ihren möglichen negativen Entwicklungen oder auch ethischen Folgen hinterfragt. Latiff führt dazu aus: „The new tools bring new ways of inflicting harm and also new challenges to the laws of armed conflict and warrior ethics. It ist he responsibility of scientists to think deeply about the potential consequences of their work, and it is equally important that the public, the media, and national leaders explicitly discuss and debate those implications early, before technologies are widely deployed. Coming weapons technologies will demand more understanding, more training, and greater debate before they are employed. These should not be left to our young soldiers to figure out on their own.“ Hierzu führt der Autor einiges vertiefend in den Folgekapiteln aus.
Im Schlusskapitel stellt er fest: „Right now I do not believe the public hast he necessary understanding of war or technology to be able to make sound judgments about either, or even to comprehend the potential future. We need – desperately – to change the status quo, with a wide-ranging national debate on the path forward. That debate cannot be left to the military alone. To do so is unfair and unwise.“

Schlussfolgerungen
Die letzten Jahre zeigten, dass sowohl Russland und noch viel stärker die VR China U.S. amerikanische Überlegungen und Entwicklungen verfolgen. Ihre Antworten auf die 3. Offset Strategie kommen schneller als in den Dekaden nach dem Zweiten Weltkrieg. Beide Staaten schaffen derzeit neue Realitäten vorrangig unterhalb der Schwelle zu einem zwischenstaatlichen Konflikt.
Die U.S. Navy hat erst vor einigen Monaten einen Prozess der Reflektion notwendiger eigener Ausbildung und Übung gestartet. Hat sie sich wie die Royal Navy vor dem Ersten Weltkrieg zu lange auf Ihre unstreitigen Erfolge der Vergangenheit verlassen? Sind Ihre Schiffsbesatzungen im Verständnis einer „High-End“ Auseinandersetzung ausgebildet worden? Sind ihre Vorstellungen von Machtprojektion mittels Träger Kampfgruppen noch an heutiger Realität und kurzfristig zu erwartenden weiteren Veränderungen ausgerichtet?
Peter W. Singer, Autor von „Wired for War“ und auch „Ghost Fleet“ bemerkt hierzu auf dem Klappentext von Future War: „Technology is moving so fast that few can understand it. That ist he core challenge to which the author brings his valuable twin perspectives as an Air Force general and a teacher of ethics and values. His book is a useful guide to weighing the many dilemmas that won`t go away anitime soon, the moral implications of our changing weapons and changing wars.“

Heinz Dieter Jopp​​​​ ​​​Barmstedt, 03. März 2018

Ein Gedanke zu „Klassiker von Seemacht, Technologische Entwicklungen und mögliche zukünftige Formen von Machtprojektion

  1. Danke an Heinz Dieter Jopp für diese treffende und gut lesbare Analyse. Sie bietet mehrere Lehren an. Castex theoretische Überlegungen über den Fortschritt sind so aktuell wie zum Zeitpunkt ihres Entstehens. Sie verdeutlichen, dass die neue Konfrontation mit staatlichen Gegnern wie Russland und China nicht mit den Mitteln des Kalten Krieges bewältigt werden kann, sondern neue Technik und vor allem eine neue Strategie und neue Taktiken verlangt.

    Beide Länder, Insbesondere Russland, haben in einer Phase konventioneller militärischer Schwäche konsequent an Alternativen gearbeitet, die auf die Lücken des Westens zielen. Der wiederum war selbstzufrieden und hat die Augen verschlossen. Warnungen gab es genug, nicht jedoch offene Ohren.

    Jetzt hat der Westen das Problem, sich dieser neuen Herausforderung zu stellen. Seine wirtschaftliche und wissenschaftliche Kraft wird auf mittlere Sicht dafür ausreichen, vorausgesetzt man geht die Aufgabe gemeinsam und entschlossen an. Das bleibt in Zeiten von Trump, Brexit und europäischer Zurückhaltung abzuwarten. Wenn der Westen jedoch wirklich loslegt, arbeitet die Zeit für ihn,

    ist überzeugt
    der Segler

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