Acht Thesen: U-Boot-Operationen in einem sich verändernden Unterwasserumfeld

Im Februar hat in Kiel ein Workshop zum Thema „U-Boot-Operationen in einem sich verändernden Unterwasserumfeld“ stattgefunden.

Für Meer Verstehen wurden die wesentlichen acht Thesen zusammengefasst:

  • Sich ständig ändernde globale Ströme wirken auf den maritimen Handlungsrahmen. Aus dem anspruchsvollen Narrativ der Globalisierung leiten sich die strategische Bedeutung des maritimen Raumes und die systemrelevante Rolle von Marine-Kräften ab. Es geht vornehmlich um das Wissen um (maritime) Räume: maritime domain awareness. Weitere Treiber der Veränderung sind technische Neuerungen wie z.B. die umfassende Digitalisierung (Cyber) sowie der Einsatz künstlicher Intelligenz bzw. der Robotik.
  • Maritime Räumlichkeit wird sich in den kommenden Jahrzehnten grundlegend verändern. Unterschiedliche Trendentwicklungen – die zunehmende Nutzung mariner Rohstoffe durch immer mehr Akteure und die wachsende Bedeutung von Infrastrukturen wie Unterwasserkabel und Pipelines – führen dazu, dass der maritime Raum gleichzeitig „verdichtet“ und erweitert wird. Die physische Dichte wird durch digitale Dichte verstärkt. Immer mehr Sensoren werden für wissenschaftliche, kommerzielle und strategische Zwecke über und unter Wasser ausgebracht.
  • Vor diesem Hintergrund ist die wachsende Bedeutung der Domäne Unterwasser – und diese beschränkt sich nicht auf das U-Boot – hervorzuheben. Das öffentliche Wissen ist bei den „Grauen Wölfen“ und Buchheims „Das Boot“ stehengeblieben. Hier gilt es, verstärkt Informationsarbeit zu leisten
  • Risikominimierung ist bislang das dominierende Motiv für den Einsatz unbemannter und autonomer Unterwassersysteme. Dies ist – gerade auch mit Blick auf die demografische Entwicklung – nachvollziehbar. Es wäre jedoch fatal, allein Risikoaversion als Treiber für die Konzeption unbemannter Systeme heranzuziehen. Unbemannte Systeme erlauben es nicht nur, Risiken zu vermeiden, sie sind geradezu prädestiniert, Risiken einzugehen.

U-34 nimmt an der multinationalen NATO-Übung Northern Coasts in der Ostsee teil, August 2016. ©Bundeswehr/Jonas Weber

  • Der Einsatz autonomer Systeme wird die Unterwasserdomäne dynamisieren. Entscheidend ist, dass sie bestehende Plattform sinnvoll ergänzen und damit deren Fähigkeiten multiplizieren. Damit unterstützen autonome Systeme insbesondere die Fähigkeitsauslagerung. Dies wiederum reduziert die Risiken für bisherige Plattformen, die in einem künftigen A2AD-Umfeld verstärkt zum primären Ziel gegnerischer Kräfte werden. Fähigkeitsauslagerung bedeutet zudem, dass „Stehzeiten“ in Einsatzräumen verlängert werden, weil z.B. abgesetzte Sensoren einen Unterwasserraum aufklären und überwachen können, nachdem die ausbringende Plattform bereits unterwegs zum nächsten Einsatzraum ist. Ebenso ist es denkbar – bislang aber noch technische Zukunftsmusik – Wirkung „auf Vorrat“ in strategische relevante Räume vorzulagern und bei Bedarf zu aktivieren.
  • All dies verdeutlicht: Unterwasserfähigkeiten können heute modular bereitgestellt werden. Das U-Boot bleibt ein wichtiges Mittel; unbemannte Systeme eröffnen zusätzliche Möglichkeiten, unter Wasser agieren zu können. Das bereitet staatlichen und nicht-staatlichen Akteuren einen deutlich bereiteren Zugang zur Unterwasser­domäne, der nicht mehr (ausschließlich) über den Aufbau einer U-Boot-Flotte und den damit verbundenen Pfadabhängigkeiten führt.
  • Die Herausforderung der Vernetzung und Kommunikation in einem technologisch anspruchsvollen Raum (Unterwasser) ist von der einschlägigen System- und Werftindustrie zu bewältigen. Das Fähigkeitscluster Unterwasser (U-Boot, Torpedo, Mine, Sensoren, Datenauswertung, Robotik) ist eine nationale Kernfähigkeit, die mit entsprechenden Ansätzen für Forschung, Entwicklung und Erprobung unterlegt werden muss.
  • Der künftige maritime Raum ist domänenübergreifend vernetzt – und der Wert einer jeden Komponente in diesem vernetzten Raum bemisst sich nach dem Grad ihrer Integration in domänenübergreifende Ketten: Damit ist das U-Boot nicht länger ein „geschlossenes“ getauchtes Seekriegsmittel, sondern wird zum vernetzbaren und vernetzten Unterwasserfähigkeitsträger mit entsprechenden Konsequenzen für Einsatzprofil und Ausrüstung.

Eine Renaissance der konventionellen U-Jagd ist erkennbar. Wenn es zutrifft, dass russische Kilo U-Boote neben in Kaliningrad stationierten Korvetten euro-strategische Nuklearwaffen verschießen können, hat die U-Jagd gegen konventionelle U-Boote von der Norwegensee über die Ostsee bis hin zum Mittelmeer (Stichwort Halbinsel Europa) für die europäischen Marinen eine strategische Dimension. Hier muss Politik national, im europäischen und transatlantischen Rahmen reagieren.

5 Gedanken zu „Acht Thesen: U-Boot-Operationen in einem sich verändernden Unterwasserumfeld

  1. Zukunftsweisender Beitrag, aber nicht mehr…leider durch sehr wenig sichtbare Ansätze in der Deutschen Marine unterlegt. Weder verfügt sie bisher über ein größeres AUV (der Maridan ist „unfinished business“), noch wird m.W. an entsprechend verdeckt operierenden Verbringungsmittenl hierfür konkret gearbeitet. Womit wir doch wieder beim Uboot wären, denn womit sonst soll ein AUV unter Bedrohung abgesetzt und nach erfolgter Mission wieder aufgenommen werden? Mit der F-125 etwa? Ein 7.000 t Koloss, der unter Wasser blind und taub ist, d.h. über kein eigenes Sonar verfügt. Nur die Deutsche Marine bringt es fertig, solche Schiffe zu planen und trotz (ggü den Stabilisierungsoperations-Zeiten) drastisch veränderter Unterwasser-Rahmenbedingungen ohne Anpassungen demnächst (hoffentlich) in Dienst zu stellen…

    • Zum Betreff „Ujagdfähigkeiten der Deutschen Marine“ zitiere ich Einen der es wissen muss:
      „Wenn aber 2019 der Flugabwehrflugkörper NATO Sea Sparrow nicht mehr nutzbar sein wird und kein neuer Flugkörper eingeführt wird, fallen wir mit den 123’er Fregatten weit in den Fähigkeiten zurück. Von der mangelnden Umsetzung der Anti-Submarine-Warfare Fähigkeiten im Führungssystem SABRINA 21 und fehlender Einrüstung eines Towed Array Sonar Systems – und das bei einer UJagd-Fregatte – oder den ungelösten Problemen bei der Führungsfähigkeit – und das bei einer Command Fregatte – noch gar nicht zu sprechen.“
      Das sagte KptzS Horn vor wenigen Tagen in seiner Rede anlässlich seines Abgangs beim Kommandowechsel im 2. Fregattengeschwader. Aufmerksam wurde ich auf die Rede über der sonntäglichen Lektüre der FAZ-online:
      http://www.faz.net/aktuell/politik/ich-habe-das-vertrauen-verlor-marine-kommandeur-rechnet-mit-von-der-leyen-ab-15512280.html
      …und neugierig wurde ich dann auf die fast ungekürzt widergegebene Anklage eines mutigen Offiziers im Blog „Augen gerade aus“ – die Lektüre lohnt sich und geht weit über den Aspekt „Ujagd“ hinaus:
      http://augengeradeaus.net/2018/03/kommandeur-schlaegt-beim-abschied-alarm-materiell-und-personell-fuenf-nach-zwoelf/

  2. Ein fachlich informativer Artikel, leider in sehr technokratischer Sprache geschrieben. Jeder kennt Buchheims „Das Boot“, weil es sich toll liest. Die Dramatik wird man in einem Sachtext nicht erreichen, aber ein wenig ansprechender für interessierte Laien geht‘s dann vielleicht doch, glaubt
    der Segler

    • Das ist prozessorientierter Referentensprech – das Weißbuch ist davon leider auch infiziert…Operateure brauchen das nicht zu verstehen…

  3. Was sich andeutungsweise in der zweiten und dritten Strichaufzählung verbirgt, ist auch unsere internationale Vernetzung mittels Unterwasserkabel. Da diese Kabel von allen genutzt werden, stellt sich die Frage nach deren Schutz und durch wen? Nach einer möglichen rechtlichen Regelung, wie sie bereits Prof. Heintschell von Heinegg abgestoßen hat? Gibt es hierzu mehr aus dem Workshop?

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