The Decline of European Naval Forces. Challenges to Sea Power in an Age of Fiscal Austerity and Political Uncertainty

Eine Rezension unseres Gastautors Heinz Dieter Jopp

Mit Jeremy Stöhs veröffentlicht ein weiterer Doktorand des Instituts für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel Erkenntnisse seiner Dissertation für ein breiteres Publikum. Mit seiner Arbeit wird erstmalig die Phase nach dem Ende des Kalten Krieges in ihrer Bedeutung für Reduzierungen und Neuausrichtungen europäischer Marinen an ausgewählten Fallbeispielen untersucht. Stöhs hat dabei elf Marinen von europäischen Staaten ausgewählt, die einen eigenen Zugang zum Meer haben und einen größeren Beitrag zum Umfang der jeweiligen nationalen Streitkräfte leisten. Seine Analyse umfasst einen Zeitraum von 25 Jahren und macht sich an drei Problembereichen fest: 1. Eine Plattform bezogene Analyse über Kampfkraft, technologische Neuerungen und Leistungsfähigkeit. 2. Eine Analyse des strategischen Rahmens, in dem sich diese Plattformen einbinden lassen; seien es die NATO, die EU oder andere zwischenstaatliche Beziehungen. 3. Ein Vergleich der Verantwortlichkeiten/Zuständigkeiten gegenüber der politischen und militärischen Führung sowie Einbindung in Operationen oder operative Konzepte.

Untersuchte Marinen sind die Royal Navy, die Französische, die Italienische, die Spanische und die Deutsche Marine, sowie vergleichend die Türkische und Griechische, die Dänische und Niederländische und die Schwedische und Norwegische Marine.

Dieser Analyse vorangestellt ist eine kurze Abhandlung über die Prinzipien von Seemacht sowie die Verlagerung amerikanischer Interessen nach Asien und deren Konsequenzen für Europa.

Das Buch schließt mit einem dritten Teil und einer Analyse zur möglichen Zukunft Europas und der Frage nach einer Ausrichtung und Umfang künftiger Seemächte ab.

Das Buch insgesamt kann im Kontext europäischer (westlicher) Marinen als gelungen betrachtet werden.Allerdings sollten kleine Schwächen im Teil 1 in Bezug auf die U.S. Navy und die chinesische Marine (PLAN) und Teil 3 zur Einschätzung künftiger Entwicklungen der PLAN nicht verschwiegen werden. So wurde auch die U.S. Navy nach 1990 um die Hälfte (!) reduziert, konnte aber schon vorherselbst mit verbündeten Marinen Sea Control nur zeitlich und räumlich begrenzt ausführen. Die Auflösung der 2. U.S. Flotte für den Atlantik und der Wegfall einer ständigen Flugzeugträgerkampfgruppe für die 6. U.S. Flotte im Mittelmeer gehören ebenso hierzu. Eine Steigerung des Verteidigungshaushalts der chinesischen Streitkräfte um 175% zwischen 2003 und 2013 steht ohne Kommentierung im Raum, macht keinerlei Angaben zum veralteten Status vor Beginn der Modernisierung. Schon eine kleine Fußnote hätte hier geholfen. Auch ein kleiner Hinweis auf die Grundproblematik westlicher Streitkräfte, und damit auch Marinen, in Friedenszeiten ihre Etats für Verteidigung zu erhöhen, hätten die Analysen aussagekräftiger gemacht.

Die Einschätzung des Autors im dritten Teil seines Buches, dass der Vorsprung der U.S. Navy noch die nächsten 30(!) Jahre Bestand hat, erscheint bereits heute fragwürdig angesichts der vorhandenen Quellen gerade auch aus dem Naval War College (u.a. Erickson, Goldstein und Cole) oder den Berichten des wissenschaftlichen Dienstes des U.S. Congress. Nur noch eingefleischte Angehörige der U.S. Navy glauben weiter an den Fortbestand der technologischen  und qualitativen Führung der U.S. Navy. Bernard Cole hat bereits in seiner zweiten Auflage seines Buches „The Great Wall at Sea“ 2010 darauf verwiesen, dass er die Entwicklungsgeschwindigkeit der PLAN stark unterschätzt hat und diese sehr viel schneller den Rückstand zur U.S. Navy aufgeholt habe und weiter aufhole.

ISBN 978-1-68247-308-5 (Hardcover), Naval Institute Press, Annapolis 2018, 292 Seiten, € 31,99

​​​​​​Barmstedt, 23. Mai 2018

2 Gedanken zu „The Decline of European Naval Forces. Challenges to Sea Power in an Age of Fiscal Austerity and Political Uncertainty

  1. Vielen Dank für die Besprechung. Ich erlaube mir den Hinweis, dass es sich bei dem Buch mitnichten um Stöhs‘ Dissertation handelt, sondern um seine vor einigen Jahren an der Universität Graz ausgearbeitete Masterarbeit. Insofern ist der Maßstab einer Doktorarbeit bei diesem Werk irreführend, da einer Qualifizierungsarbeit natürlich organisatorische, logistische und auch intellektuelle Grenzen (i.S.v. Lebensalter, Erfahrungshorizont usw.) gesetzt sind.

    Die Dissertation von Jeremy Stöhs am ISPK wird einige der Aspekte aus seiner ersten Monographie weiterentwickeln und vertiefen (u.a. durch einen breiten qualitativen Ansatz) und wesentlich zur Saturierung des maritim-strategisch-methodischen Diskurses beitragen. Bei der wie auch immer gearteten Besprechung, vielleicht auch auf dieser Plattform, wäre es wünschenswert, wenn nicht nur negativ empfundene Aspekte wie bewusste/unbewusste Auslassungen oder Meinungsunterschiede ihren Raum bekämen – das soll eine kritische Besprechung nicht verhehlen! – sondern auch positive Elemente ihren Platz bekommen. So würde die gute Form einer Buchbesprechung wieder rundheraus mit Leben gefüllt.

    • Ich habe auch nicht von der Dissertation sondern von Teilen gesprochen, wie diese von Ihnen im Vorwort erwähnt werden.
      Und eine Nichtberücksichtigung der über 50% Reduzierung der U.S. Navy und dadurch auch dort erkennbarer Defizite halte ich für nach wie vor für schwerwiegend und somit ansprechendswert.

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