Wieviel Gorch Fock bleibt?

Wenn sich die Verteidigungsministerin „große Sorgen um die Gorch Fock“ (Rheinische Post) macht, dann muss man sich in der Tat sorgen. Der am Donnerstag verhängte Ausgabestopp beruht auf einer, kaum nachvollziehbaren, Kostenexplosion. Ursprünglich mit zehn Mio EUR veranschlagt, liegen die Kosten für die Überholung aktuell bei 135 Mio EUR, wovon knapp 70 Mio EUR bereits geflossen sind. Diese Dimension der Kostensteigerung hat selbst die Elbphilharmonie nicht erreicht!

Die Nachricht allein ist für das Segelschulschiff ein Torpedotreffer mittschiffs. Erschwerend kommt die Großwetterlage hinzu, in der dies ans Tageslicht kommt: grundsätzlich überteuerte und nicht im Zeitrahmen zu realisierende Großvorhaben der Bundeswehr sowie die Affäre um externe Beratung, die in einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss mündet.

Gorch Fock unter dem Regenbogen. Quelle: Gernot Schreyer auf Flickr, April 2015.

Folgenden Fragen kann man nicht ausweichen:

  • Wie konnte es zu dieser Preisexplosion kommen? Wo waren die roten Linien der Haushälter? Man wird dies alles nicht auf einen – möglicherweise korrupten – Mitarbeiter des Marinearsenals allein schieben können.
  • Ist angesichts der ungeheuerlichen Summe ein Weiterbetrieb der Gorch Fock wirtschaftlich vertretbar? Wo liegt die politische Schmerzgrenze für die Finanzierung eines Segelschulschiffes?
  • Trägt das bekannte Narrativ für ein Segelschulschiff im Rahmen der militärisch-nautischen Ausbildung („Respekt vor den Naturgewalten in einem immer technisierteren Umfeld“, „Herausforderung Kameradschaft & Teambildung in der Rahe“) noch? Mit dem Windjammer-Mythos sind Haushälter (im Parlament wie im BMVg) nicht zu beeindrucken. Jetzt wird gerechnet!

Unser Eindruck: Die Sterne stehen ungünstig für die Gorch Fock.

Wir regen ausdrücklich zur Diskussion in unserem Kommentar-Bereich an!

6 Gedanken zu „Wieviel Gorch Fock bleibt?

  1. Ja, jetzt wird (ab)gerechnet. Man wird später den Zeitpunkt benennen können, wann die Gorch Fock auf Grund gelaufen ist: Eine Summe von über 120 Millionen Euro ist im politischen Raum nicht mehr zu vermitteln. Die rote Linie lag irgendwo bei 20-30 Millionen,
    meint Fleet

  2. Hallo,
    imo wird hier begründet durch Folklore irrational viel Geld ausgegeben.
    Wäre der jetzige Kostenrahme vorab bekannt gewesen hätte man 1. künftig auf ein Segelschulschiff verzichten müssen oder 2. einen modernen Neubau beauftragen müssen.

    Diesen Neubau könnte man ggf. visionär mit Simulatoren und virtual bzw. augmented Reality Elementen ausstatten, die die Erfahrung auf See mit der Vorbereitung für den Dienst auf einer Fregatte zielgerichtet vorbereiten.

    Wenn es rein um Seemannschaft und Respekt vor den Naturgewalten geht kann man für den Preis auch >20 Volvo Ocean 65 o. Ä. anschaffen und damit über den Atlantik kacheln 😉

  3. Der Dienst in den Streitkräften ist „Teamsport“, um es salopp zu sagen. Und auch wenn es letzten Endes in den meisten Fällen einen Letzt-Entscheider gibt, wird man wohl kaum eine so krasse Fehlentwicklung, wie wir es jetzt bei der Gorch Fock erleben, auf einen einzelnen Mitarbeiter abwälzen können. Die Frage nach Dienstaufsicht stellt sich in eklatanter Weise.

    Liegt das Schiff aktuell nicht in einer Werft, die es bereits regelmäßig über Jahre hinweg betreut hat? Wie kann es in Zeiten moderner Diagnoseverfahren eigentlich sein, dass der tatsächliche Instandhaltungsbedarf (10 Mio. EUR wurden zu 75 Mio EUR allein in der offiziellen ex ante Betrachtung im Jahr 2016 = Faktor 7.5) so lange verborgen geblieben ist?
    Der Ruch der guten alten „Industriepolitik“ drängt sich zwangsläufig auf: Wurde hier einfach einer Werft zunächst der „Minimalzuschlag“ erteilt, um dann im Angesicht des Faktischen („hier liegt sie nun…“) den „wirklichen“ Auftrag ohne lästigen Ausschreibungswettbewerb erteilen zu können?

    In letzter Konsequenz zeigt das Beispiel Gorch Fock in großer Deutlichkeit, dass monetäre Bemessung der Streitkräftefinanzierung „Schall und Rauch“ sind. Es wird wohl Zeit, hier „realwirtschaftliche“ Maßstäbe anzusetzen.

    Zum Glück bin ich ja mittlerweile nicht mehr zur unbedingten Loyalität gegenüber Frau von der Leyen verpflichtet, denn ich frage mich als Steuerzahler schon, ob Frau von der Leyen, die ja letztens auch ein Gewehr wegen angeblicher Fehler ausmustern ließ, das die hauseigenen Spezifikationen voll erfüllt hatte, wirklich gut mit Geld umgehen kann? Vielleicht ja ein gutes Betätigungsfeld für Herrn Merz, der sich wohl ein Ministeramt „über alles“ wünscht? 😉

    gwr

    PS: In jedem Fall ist „Segeln“ der richtige Einstieg in „Meer erleben und verstehen“! Ich schließe mich ausdrücklich dem Vorschlag an, dass der „Dienst“ auf einem 65-Footer möglicherweise fordernder und lehrreicher ist, als „Messing-Putzen“, „Hängematte-Präsentieren“ oder „Weg-Holen von Brassen“ an Oberdeck …

  4. Es geht doch nicht mehr nur um die Gorch Fock. Explodierende Kosten finden sich bei der F 125, die nicht nur noch nicht an die Marine übergeben ist, sondern weitere Probleme wegen der Nichtbeschaffung von Ausbildungsmitteln gerade an die Oberfläche schwemmt. Der Tanker Rhön ist ein weiteres Beispiel für Kostenexplosion. Die K 130 erzählt ihre eigene Geschichte. Etc….
    Wieso kommt dies immer erst durch die Medien hoch? Wo greifen die bisher gepredigten Kontrollen? Wer redet alles immer schön für die Chefetage?

  5. Die Skandale um die „Gorch Fock“ sind ein Spiegelbild bestimmter Zustände im Volk und im Staat.
    Deutschland, Land mit hoher Kultur, hat mit großen technische Erfindungen und Leistungen den Fortschritt in der Welt gefördert, bis heute.
    In den letzten 10 Jahren reiht sich aber eine Panne nach der anderen, wohlgemerkt in unserem Land;außerhalb unserer Grenzen gelingen dagegen die gleichen Projekte schnell, preiswert, und gut, mit höchstem Lob bedacht … und oft, ausgeführt von den gleichen Firmen, Technikern und Managern! Ist es die überzogene Bürokratie? Zum Teil ja! Es bleibt als Hauptursache aber die Schlussfolgerung: „Die Pannen sind oft absichtlich herbeigeführt , einmal um eigene Interessen zu verfolgen, aber in erster Linie, um Deutschland zu schaden!“ Neid und Rache sind die Triebfedern: Die Bevölkerung der Verlierermächte hat einen höheren Lebensstandard als die Menschen der Siegermächte des 2.W.,Kanzler H. Kohl hat dem Kommunismus die größte Niederlage seiner Geschichte bereitet! Gut getarnt werden von bestimmten Kreisen erfolgreich die Fäden gezogen. In diese Kategorie gehört sogar die Flüchtlingstragödie, der Dieselskandal, der Feinstaubalarm und die desaströse Versorgung der Bundeswehr und die Medien blähen alles mit Begeisterung auf.
    Wer Fach-und Hintergrund Wissen besitzt, muss fast täglich zu diesem Urteil kommen.

    Ein Vergleich mit maritimem Ländern zeigt und beweist, dass kontinentales Denken unserer Nation schadet.

  6. Verständlich, dass man aus bekannten Gründen den Traditionssegler zum Abwracken nicht außer Dienst stellen wollte. Die absolut unverständliche falsche Beurteilung des Bauzustandes des Schiffes führte zum Desaster.
    Stellt sich die Frage: Wie haben unsere Marinen und andere Länder solche Situationen gemeistert?
    Hatte ein neues Schiff einen Vorgänger mit gleichem Namen!, wurden bestimmte Gegenstände – Schiffsglocke, Schilder u.a.- übernommen, damit auch die Tradition!!
    Geld gespart, Zeit gewonnen, alle Pläne und Ausrüstung vorhanden, Tradition bewahrt!

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