Buchbesprechung – Red Star over the Pacific

Wohin entwickelt sich China? Wird China zum Konkurrenten auf den Meeren?

Nicht erst seit den Entwicklungen und Zwischenfällen im Südchinesischen Meer fragen gerade westliche Politiker und Experten, ob die Entwicklung Chinas zu einer maritimen Großmacht zu einer bewaffneten Auseinandersetzung mit den USA und der U.S. Navy im pazifischen Raum führt. Begriffe wie Anti Access/Area Denial (A2/AD), Thykidides Falle, aber auch Hybride Seekriegsführung und Auseinandersetzungen in der „Grey Zone“ bestimmen seit Jahren die amerikanischen Diskussionen zu einer notwendigen Anpassung der maritimen Strategie. Dabei lag und liegt der Schwerpunkt auf einem Vergleich der jeweiligen Kriegsmarinen und ihrer strategischen, operativen und taktischen Möglichkeiten. Die Ende 2018 bei der Naval Institute Press erschienene zweite Auflage des hier zu besprechenden Buches hebt sich erfreulich von den oben angesprochenen Aufsätzen und anderen Veröffentlichungen ab, da die beiden Autoren insbesondere der Frage nachgehen, wie es der politischen Führung gelungen ist, die Bevölkerung davon zu überzeugen, dass die Zukunft des Landes eng mit dem Status einer global agierenden Seemacht verbunden ist. Und hierzu gehört dann insbesondere eine prosperierende Wirtschaft und weltweiter Seehandel. Gerade dieses Kapitel unterstreicht die deutlich veränderte Betrachtung der Autoren acht Jahre nach Erscheinen ihrer ersten Ausgabe.

Red Star over the Pacific, Second Edition, China´s Rise and the Challenge to U.S. Maritime Strategy Toshi Yoshihara and James R. Holmes, Naval Institute Press, Annapolis 2018, 368 S., € 30,95

In Abweichung von der ersten Ausgabe beginnen die Autoren, beide langjährige Professoren am U.S. Naval War College, mit einer Beschreibung des Chinesischen Traums von Präsident Xi Jingping: die Umwandlung Chinas in eine maritime Macht. Ausgehend von einer chinesischen maritimen Strategie  gliedern sie ihre Überlegungen um Fragen der Wirtschaft und des Handels, dem strategischen Willen zur Nutzung der Meere und die hierzu erforderliche Ausrichtung ihres Militärs. Sie beginnen mit dem langen Schatten des strategischen Denkens von Mahan, leiten daraus die wirtschaftliche und strategische Geographie einer chinesischen Seemacht ab, um sich dann sehr bewusst mit chinesischen – und nicht den üblichen amerikanischen Überlegungen – zum Aufbau und Ausbau der  Marine, moderner Waffensysteme und dem notwendigen Zusammenwirken mit Heer, Luftwaffe, strategischen Raketentruppen einerseits und mit der Küstenwache, Fischereifahrzeugen und Handelsmarine andererseits zu befassen. Dieses „Red Team“ Denken lässt die Logik operativer wie taktischer Überlegungen zur wachsenden Abhaltung der U.S. Navy aus den Küstengewässern Chinas erkennen.

Die Nutzung moderner und modernster Technologien im Bereich zielgenauer ballistischer Anti-Schiff Raketen, hohe Bauraten moderner Zerstörer und Fregatten, leistungsfähige konventionelle U-Boote mit Außenluft unabhängigem Antrieb, gepaart mit dem Zusammenwirken  mit Luftwaffe und Raketentruppen führt die U.S. Navy zur Änderung ihrer bisherigen operativen Planung in den Gewässern rund um das chinesische Festland. Trägerkampftruppen sollen künftig als strategische Reserve mit großem Abstand zur ersten Inselkette operieren, Überwasserkampfschiffe ihre Überlebensfähigkeit durch Ausbreitung in der Fläche (distributed lethality) innerhalb der Inselkette steigern.

Entwicklungen im Bereich von Künstlicher Intelligenz, Hochgeschwindigkeitsprojektilen, Digitalisierung und Fähigkeiten zur Cyber Kriegführung haben nicht nur den bisherigen Glauben der U.S. Navy in ihre Überlegenheit stark erschüttert, sondern führen zu Überlegungen der notwendigen Anpassungen der bisher gültigen U.S. Maritime Strategy für den asiatischen Seeraum. Hierzu zählt bereits heute die Erweiterung des Einsatzraumes der 7. U.S. Flotte auf den Indischen Ozean, Ihr Werben um neue Allianzpartner wie Indien oder Indonesien und Überlegungen zum Aufwuchs ihrer Marineeinheiten.

Diesem Bestreben steht der ungebremste Aufwuchs chinesischer Schiffe entgegen, die bereits heute zahlenmäßig die U.S. Navy überholt haben und zu Beginn der 2020er Jahre deutlich moderner sein dürften als der Counterpart aus den USA. Da die U.S. Navy ihre letzten Erfahrungen aus Seeschlachten 1944 gewonnen haben, wachsen zunehmend Zweifel an Ihrer Überlegenheit für eine moderne Seekriegführung im 21. Jahrhundert gegen gleichstarke Gegner.

Das vorliegende Buch mit seiner herausragenden Analyse chinesischen maritimen, strategischen Denkens kann daher nicht nur Wissenschaftlern und Politikern empfohlen werden, die sich mit Fragen der Ausübung von Seemacht in diesem Jahrhundert beschäftigen, sondern gerade auch Marineoffizieren aus aller Welt, um die Stichhaltigkeit eigener maritimer strategischer wie operativer Überlegungen und hieraus abgeleiteter Rüstungsforderungen auf den Prüfstand zu stellen.

Heinz Dieter Jopp

Ihre Meinung zählt!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.