25 Jahre nach Mogadischu – was bleibt?

In diesen Tagen ist es 25 Jahre her, dass die Marine den Deutschen Unterstützungsverband Somalia aus Mogadischu evakuierte. Dieser Heeresverband hatte zuvor die Operation UNOSOM II der Vereinten Nationen in Somalia unterstützt.

Für das Heer war es der erste große Auslandseinsatz gewesen, der abrupt zu Ende ging, als sich die USA überstürzt aus der Operation zurückzogen und die deutschen Truppen auf sich allein gestellt zurückblieben.

Die Umstände der daraufhin folgenden Evakuierungsoperation Southern Cross sind seinerzeit umfänglich diskutiert worden. Wenn man das allerdings heute nachlesen will, findet man im Netz nur einen einzigen Wikipedia-Artikel (https://de.wikipedia.org/wiki/Operation_Southern_Cross), der auf den Berichten des seinerzeitigen Marine-Verbandsführers fußt. Längst ist diese Operation in Vergessenheit geraten, überschattet von neueren Einsätzen und seit wenigen Jahren von der Rückbesinnung auf Landes- und Bündnisverteidigung.

Liegeplätze in Mogadischu, Dezember 1992. Quelle: TSGT Perry Heimer.

Was sind die Lehren aus Mogadischu? Zum Einen war die Operation gekennzeichnet vom Fehlen einer Führungsorganisation der Bundeswehr für derartige Einsätze. Es gab keine Stelle, die das Kompetenzgewirr, die Streitigkeiten und vor allem die Eifersüchteleien der Teilstreitkräfte einfing und alle Kräfte operativ führte. Das gab den Anstoß, ein paar Jahre später das Einsatzführungskommando aufzustellen

Zum Anderen zeigte sich, dass der Marine schlicht die geeigneten Schiffe fehlten, um Heerestruppen zu bewegen. Damals wurden Fregatten und ein Versorgungsschiff als Transporter eingesetzt. Die kleinen Bordhubschrauber SeaLynx flogen das letzte Kontingent komplett aus, als Improvisation eine Meisterleistung, prinzipiell aber ein Armutszeugnis.

Deshalb forderte der damalige Generalinspekteur ein sogenanntes Mehrzweckschiff, das in anderen Ländern schlicht als Docklandungsschiff bezeichnet worden wäre. Die Idee hinter dieser sogenannten Arche Naumann war es, Truppen unabhängig von Häfen an Land und wieder zurück zu bringen und sie dort logistisch unterstützen zu können. Dafür sind in erster Linie  amphibische Schiffe erforderlich, die zugleich ideale Plattformen für humanitäre Hilfsaktionen gewesen wären.

Die daraus resultierenden Möglichkeiten hat die Marine in ihrem Konzept zur Unterstützung streitkräftegemeinsamer Operation von See (Basis See) umfänglich beschrieben. Obwohl die Bundeswehr in der nach Mogadischu beginnenden Phase großer Auslandseinsätze eine solche Kapazität gut hätte gebrauchen können, scheiterte die Initiative. Ebenso erging es zwei weiteren Versuchen, die unter den Namen Einsatztruppenunterstützungsschiff (ETrUS) und Joint Support Ship (JSS) in die Annalen eingegangen sind.

Was man erreicht hat, ist allein eine Kooperationsvereinbarung mit den Niederlanden über die gemeinsame Nutzung von deren Landungsschiff Karel Doorman. Außerdem gibt es den ARK-Vertrag mit Dänemark über den gemeinsamen Transport mit Handelsschiffen.

Spätestens seit der Kriminvasion hat sich die Aufmerksamkeit anderen Marineprojekten zugewandt. Jetzt geht es wieder um kampfstarke Überwasserschiffe und U-Boote, um U-Jagdflugzeuge und neue Minenabwehr.

Liest man allerdings die offiziellen Dokumente wie zum Beispiel das Weißbuch von 2016, so findet man dort das internationale Krisenmanagement auf einer Stufe mit der Landes- und Bündnisverteidigung. Das heißt, die Auslandseinsätze sind nicht verschwunden, die Anforderungen dafür bestehen fort.

25 Jahre nach Mogadischu, ein Vierteljahrhundert nach der Operation Southern Cross, ist es deshalb Zeit Bilanz zu ziehen. Wie war das damals, und welche Lehren sind heute noch aktuell? Dafür braucht man allerdings, und das ist die dritte Lehre, gute Dokumentation und vorurteilsfreie Auswertung dessen, was funktioniert hat und was nicht.

7 Gedanken zu „25 Jahre nach Mogadischu – was bleibt?

  1. Im Grunde ist diese Forderung berechtigt. In Anbetracht der Realitäten im BMVg und dem Deutschen Bundestag kann man jedoch nur konstatieren, dass weder Ministeriumsführung noch Parlamentarier ein ernsthaftiges Interesse an Aufarbeitung und Lessons learned haben.
    Aber die Erinnerung an Somalia könnte für 2019 ein Weckruf sein. Damals wie heute galt der Spruch: gemeinsam rein, gemeinsam raus. Und heute besteht auch in Afghanistan die Gefahr eines unabgestimmten Rückzugs der Amerikaner. Und dann? Haben wir einen Plan B eines unabgestimmten Abzugs aus Afghanistan? Wo kommen dann die Kapazitäten her? Oder geht es uns dann wie in Saigon, als die USA ihren Verbündeten im Stich ließen?

  2. Wohl wahr, Herr Jopp, wohl wahr! Als ich die Zeilen über den überstürzten US-Abzug las, schoss mir Ähnliches durch den Kopf. Nur dass Afghanistan außerhalb der Reichweite solcher Schiffe liegt.
    Ich meine mich zu erinnern, dass das Mehrzweckschiff seinerzeit an überzogenen Forderungen gescheitert ist. Man wollte wohl ein voll ausgestattetes Bataillon mit fast tausend Mann und schwerem Gerät mitnehmen, was einfach zuviel war.
    Andere Marinen haben mittelgroße Landungsschiffe, die ein Dock haben, Hubschrauber tragen können und Platz haben für ein Lazarett oder eine verstärkte Kompanie.
    Zwei habe ich gefunden, die man mal ansehen sollte:
    – die Endurance-Klasse aus Singapur (https://en.wikipedia.org/wiki/Endurance-class_landing_platform_dock)
    – die italienische San-Giorgio-Klasse (https://de.wikipedia.org/wiki/San-Giorgio-Klasse)
    Die mögen zwar nicht mehr neu sein, aber das Design und die Leistungsparameter finde ich interessant. Sie sind viel realistischer als amphibische Träger US-amerikanischer Ausmaße,
    findet
    der Segler

    • Afghanistan war nur der Reminder, dass wir angesichts des US Präsidenten mit anderen Verbündeten in eine Diskussion über Plan B eintreten sollten. Ausgangspunkt muss eine Übersicht über zurückzuführendes Gerät sein. Benötigter Lufttransport muss längerfristig geplant werden. Weitere Überlegungen sind durch SKB und Heer anzustellen.

      Sie haben Recht mit der Erinnerung an die Arche Naumann. Jede TSK hat ihre Sonderwünsche eingebracht, ohne dass diese mal gemeinsam diskutiert wurden.

      Ihre Vorschläge führen in die richtige Richtung. Wir brauchen jetzt keine Neubaumaßnahme,die frühestens in 15 Jahren realisierbar ist. Eine verstärkte Zusammenarbeit mit Frankreich (Mistral) erscheint ebenso sinnvoll wie mit den Niederlanden (de Witt) oder auch anderen EU/NATO Partnern.
      Wir brauchen dringend einen europäischen Ansatz.

      Es ist Zeit zu handeln. Das deutsche Rumgeeiere muss aufhören.

  3. Als Kommandeur des Unterstützungsverbandes Somalia und Mit-Verfasser des Operationsbefehls „Southern Cross“ nach dem dieser Einsatz durchgeführt wurde, erlaube ich mir zu dem o.a. Text des unbekannten bzw. unbenannten Verfassers und den beiden bereits veröffentlichten Kommentaren insgesamt 3 Anmerkungen:

    1. Allgemeine Feststellungen

    Die zusammen gefasste Schilderung der Abläufe und der darum herum sich nach dem Abschluss der Operation Southern Cross ergebenden Diskussionen in und um die Bundeswehr herum – insbesondere im politischen Bereich – entspricht weitegehend den von mir persönlich gemachten Feststellung und Erfahrungen. Von daher ist die in dem Text etwas abschätzig genannte „einzige noch verfügbare Quelle Wikipedia Bericht“ wirklich authentisch und entspricht den Tatsachen. Die mit Bedauern gemachte Feststellung des Fehls einer einheitlichen operativen Führung und einem sich daraus entwickelnden angeblichen Chaos kann ich – geführt durch das Flottenkommando und den Befehlshaber der Flotte – nicht teilen. Vielmehr lag die fehlende „einheitliche Führung“ deutlich mindestens zwei Ebenen darüber im Bereich der militärpolitischen Entscheidungsträger. Denen man aber auch zu Gute halten muss, dass Sie damals noch nicht über die heutigen Erfahrungen verfügen, dass klare und eindeutige Absprachen mit vermeintlich verlässlichen Partnern nicht eingehalten wurden, als sich die Lage in Somalia im Herbst 1993 dramatisch verschlechtert hatte. Ein Ausdruck dieser Entscheidungsunsicherheit im BMVg und darüber hinaus führte dann zu den wechselnden Entscheidungen bei der Auswahl des Marineverbandes im Dezember 1993. Dabei hat man den materiell voll ausgerüsteten Einsatzausbildungsverband – auf dessen Einheiten bereits erste Voruntersuchungen über kurzfristige Umbauten für einen eventual Einsatz vor Somalia durch geführt worden waren – Richtung Südamerika auslaufen lassen. Als dann die Raum- Zeitfaktoren eine realistische Umroutung des Verbandes nicht mehr zu ließen, wurde die Marine am „Portepeé “ gefasst und hat es geschafft, innerhalb von 5 Tagen (Aufstellungsbefehl 24.01.1994 / Auslaufen erste Einheit: 28.01.1994) einen Verband zusammenzustellen, auszurüsten und in Marsch zu setzen, der den Auftrag – wie der Rückblick zeigt – in vollem Umfang erfüllt hat.
    2. Diskussion um die Ausrüstung
    Alle dargestellten vergeblichen Versuche, die Lehren aus der Operation Southern Cross“ in nutzbare Rüstungsvorhaben der Marine (mit Ausnahme der Führungs- und Fernmeldemittel) umzusetzen, sind – wie richtig beschrieben – gescheitert. Gleichwohl zeigt der Rückblick auf die Einsätze der Marine in den letzten 25 Jahren auch, dass sie so verschiedenartig waren, dass eine „Optimierung“ auf eine bestimmte Einsatzart in den „Post-Somalia Einsätzen der Marine“ auch nicht wirklich weiter geholfen hätte. Es sei hier nur an die Erfahrungsspanne vom Anti-Piraten-Einsatz über Operation Sophia bis nun zur „Refocusierung auf die Landes – und Bündnis-Verteidigung“ verwiesen (nachdem wir wegen der angeblich in Dekaden zu rechnenden „Vorwarnzeit“ die Schnellboote als Erfahrung aus den Einsätzen „jenseits von Afrika“ gerade abgeschafft haben!).
    Deshalb ist der bewertende Satz über den Einsatz in dem o.a. Beitrag: „…als Improvisation eine Meisterleistung prinzipiell aber ein Armutszeugnis…“ falsch. Oder um es noch deutlicher zu sagen: Der militärisch geschützte Transportauftrag (mehr war nicht gefordert) wurde in vollem Umfang und zur Zufriedenheit aller unmittelbar Beteiligten ausgeführt – er wäre auch nicht anders verlaufen, wenn für die eingeschifften Soldaten „Kammern mit Flachbildschirmen“ zur Verfügung gestanden hätte. Die Tatsache, dass das Heers-Kontingent in 6 Umläufen abtransportiert wurde, lag weniger an den Aufnahmekapazitäten des Marineverbandes als an der Marschplanung des Heers von Beletuen nach Dschibouti.
    Allerdings setzt eine solche, die Flexibilität der Truppe mit einbeziehende Rüstungsplanung auch eine Mindestanzahl verfügbarer Einheiten mit unterschiedlichen Fähigkeitsmerkmalen voraus, die dann auftragsbezogen zu einem Verband zusammen gestellt werden können. Die Rüstungsplanung der Marine in den letzten 25 Jahren ging da ob mit oder ohne „ETRUS“ oder „Naumann-Arche“ eher in die negative Richtung.

    3. Führungs-Diskussion
    Es gehört zu den heutigen „Glaubensbekenntnissen“ der Einsatzführung, dass die Führungsstruktur Southern Cross „chaotisch“ gewesen wäre. Dies trifft möglicherweis auf die Führungs – Ebenen über den TSK-FüKdo´s (HFüKdo und Flottenkdo) zu. Die Führung der „auf Zusammenarbeit angewiesenen“ Verbände vor Ort durch den jeweiligen TSK-Führungsstrang war insgesamt durchaus zielorientiert und angemessen. Es ist zwar richtig, dass die Lehren aus den Bundeswehr-Einsätzen der 90 er Jahre mit verschiedenen Zwischenstufen wie z.B „FüZBw“ zum Geburtshelfern des heutigen Einsatzführungskommando der Bundeswehr zählen. Gleichwohl halte ich es für bedenkenswert, ob der oberste Grundsatz des „Führens aus einer Hand“ (Ausbildung – Vorbereitung – Einsatz – Einsatzauswertung – Umsetzen der Erfahrungen) mit den heutigen „flachen Führungsstrukturen“ gewahrt bleibt. Insbesondere dann wenn jeweils vor dem Einsatz ein „Unterstellungswechsel“ durchgeführt werden muss. Zumindest sind es höchst Personal-intensive Führungsstrukturen. Mein Stab bei der Operation Southern Cross umfasste 6 Soldaten (Kdr, S3, SMO, FMO, Signalmeister, HeeresVerbOffz). Ich lese gerade in den jüngsten Verlautbarungen des MarKdo, dass der (natürlich nicht vergleichbare!) Stab DEUMARFOR 120 Dienstposten umfassen soll.

    4. Was bleibt?
    Die Forderung Bilanz zu ziehen ist bestimmt – vielleicht gerade mit einem Abstand von 25 Jahren – richtig und wichtig. Die dafür verfügbaren Dokumentationen, Auswertungen und Erfahrungsberichte etc. liegen zu Hauf vor. Auch die „Zeitzeugen“ sind noch verfügbar. Das ZMS bearbeitet die Operation derzeit bereits unter militärhistorischen Aspekten. Allerdings nützt diese Bilanz nichts, wenn es nicht gelingt, die politischen Entscheidungsträger mit einzubeziehen, in dem man neben jeder „Lehre“ das entsprechend darauf aufbauende militärpolitische oder rüstungspolitische „Phasendokument“ daneben packt, das dann nicht umgesetzt wurde. Insofern stimme ich dem Beitrag von KptzS a.D. Jopp in vollem Umfang zu – einschließlich seiner immer wieder geforderten und noch immer fehlenden „Grand Strategie“.

    Gottfried Hoch, KAdm a.D.

  4. @Autor:
    Vielen Dank für Ihren Text und den Anstoß einer lesenswerten Debatte.

    @Segler:
    Ich finde Ihre Idee eines mittlelgroßen Mehrzweckschiffes sehr zielführend. Diese Idee gab es schon immer wieder mal. In der „Zielvorstellung Marine 2025+“ (VS-NfD) etwa können dsbzgl. übrigens die entsprechenden Passagen nachgelesen werden, über das von Herrn Vizeadmiral Nolting als Ersatz für die Tender Klasse 404 konzipierte „Mehrzweck-Einsatzschiff“ (MEZS).

    Meines Erachtens bietet ein mittelgroßes Landungsschiff, wie etwa die russische „Iwan Gren-Klasse“ (oder Ihre aufgezeigten Modelle), die besten Voraussetzungen, um – neben den Stabs- und Versorgungsfunktionen eines Tenders Klasse 404 – auch noch ein möglichst breites Spektrum an zusätzlichen Einsatzaufgaben modular wahrnehmen zu können, z.B.:

    – „Mutterschiff“ für „Unmanned Surface Vessels“, z.B. zwei Minenräumdrohnen „Seehund“ im Flutdeck;
    – „Mutterschiff“ für un-/bemannte Hubschrauber/-drohnen samt Wartungs-/Instandhaltungstrupps;
    – „Mutterschiff“ für Einsatzboote SeeBtl, KS M und KS K im Flutdeck;
    – Mini-„Joint Support Ship“ (JSS) durch Einrüstung mobiler Planungsräume und Lasten im Fahrzeugdeck;
    – Plattform für „Joint Fire Support“;
    – „Schulschiff“ für Offizieranwärter durch Einrüstung mobiler Klassenräume (wie auf CH „Jeanne d’Arc“);
    – Transport und Landung einer verstärkten Marineinfanteriekompanie des Seebataillons mit allem Personal und Material (inkl. geschützte Fahrzeuge);
    – Transport und Aufbau eines mobilen Feldlagers bzw. Lazaretts an fremder Küste, auch über den Strand;
    – Transport von rd. 1.500 ts an Hilfsgütern für Katastrophengebiete (Humanitäre Hilfe); Lieferung ggf. auch über den Strand;
    – Kombination mit leichten „Fährprämen“ (z.B. MEXE Float System);
    – Befristete Aufnahme von bis zu ca. 1.000 „in Seenot geratene Menschen“ usw.

    Möglicherweise böte es sich künftig an, die – zumindest grundsätzlich noch bestehenden – Forderungen an zwei JSS mit den Forderungen an den „Ersatz Tender Kl. 404 / Neubau MEZS“ zu harmonisieren?

    Mit freundlichen Grüßen
    B. Krüger

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